• Die Ausstellung "El Siglo de Oro" in der Gemäldegalerie: Aus Spaniens Goldenem Zeitalter

Die Ausstellung "El Siglo de Oro" in der Gemäldegalerie : Aus Spaniens Goldenem Zeitalter

El Greco, Velazquez, Zurbarán: „El Siglo de Oro“, die grandiose Sommerausstellung der Berliner Gemäldegalerie, feiert Spaniens Blüte im 17. Jahrhundert - und die europäische Zusammenarbeit.

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Himmlisches Drama. El Grecos „Immaculata Oballe“ aus dem Jahr 1613 zeigt Mariä Empfängnis.
Himmlisches Drama. El Grecos „Immaculata Oballe“ aus dem Jahr 1613 zeigt Mariä Empfängnis.Foto: David Blázquez, Parroquia de San Nicolas de Bari, Toledo

Ganz großes Kino. Blitze durchzucken die Nacht, beleuchten dramatisch die Dunkelheit. Engel mit schweren, schwarzen Flügeln schweben herbei und umtanzen mit ihren Instrumenten die künftige Muttergottes, die gerade dem Heiligen Geist in Gestalt einer Taube entgegenfährt. Die Unbefleckte Empfängnis in vertikalem Cinemascope mit gloriosen Farben, knalligem Blau, grellem Rot und kräftigem Gelb.

El Greco reißt in seinem 3,48 mal 1,74 Meter großen Monumentalbild „Immaculata Oballe“, das eher dem Typus Mariä Himmelfahrt gleicht, den Betrachter gleich mit in die Höhe und bedient sich dabei eines Tricks. Die Füße des unteren Engels befinden sich noch vor dem Blumenstillleben am unteren Bildrand, der die Sphäre des Betrachters markiert. Willkommen in der Welt der Glaubenseiferer und exaltierten Katholiken, willkommen bei den Heiligen und Königen, willkommen im Goldenen Zeitalter Spaniens.

El Siglo de Oro in der Gemäldegalerie
Diego Velázquez: Der Hofnarr Diego de Acedo, 1635.Weitere Bilder anzeigen
1 von 18Foto: Museo Nacional del Prado
06.06.2016 11:00Diego Velázquez: Der Hofnarr Diego de Acedo, 1635.

Die Berliner Gemäldegalerie hat mit der Sommerausstellung „El Siglo de Oro“ ihren großen Auftritt. Nach der Botticelli-Schau wird erneut die riesige Wandelhalle bespielt, durch geschickt eingezogene Stellwände für einem grandiosen Parcours präpariert. Damit auch die Außenwelt von diesem Kraftakt der Staatlichen Museen erfährt, steht auf dem Dach des Kulturforums ein riesiger goldener Reifen, das Ausstellungssignet. Was hilft’s. Er müsste noch größer sein, denn auf dem Vorplatz fragen zwei herumirrende Touristinnen, wo denn die „pinacoteca“ sei. Einfach nur geradeaus. Der Gemäldegalerie möchte man einen Erfolg wünschen wie vor fünf Jahren ihre meistbesuchte Ausstellung „Gesichter der Renaissance“, die allerdings auf der Museumsinsel in Mitte zu sehen war.

Blick in die Ausstellung
Blick in die AusstellungFoto: epd

„El Siglo de Oro“ nimmt es allemal mit ihr auf. Erneut werden Bilder und Skulpturen aufgefahren, dass einem Sehen und Hören vergeht. In der gemeinsam mit dem Prado erarbeiteten Schau kommen spektakuläre Leihgaben aus allen großen Häusern Europas zusammen, die staunen machen: 135 Werke aus über sechzig öffentlichen und privaten Sammlungen. Der Louvre in Paris, das Rijksmuseum Amsterdam, das Wiener Kunsthistorische Museum, das Statens Museum in Kopenhagen beteiligen sich und liefern damit eine Demonstration europäischer Zusammenarbeit, deren bittere Notwendigkeit in diesen Tagen wieder deutlich wird. Denn zu den Bilderreisen gehören Zollerklärungen, Frachtbestimmungen, freies Geleit für Expediteure, die das Reglement der EU erleichtert. Auch britische Sammlungen gaben großzügig Werke; welche Folgen hier der Brexit hat, wird man sehen, auch für die Forschung, die Kuratoren. Ohne einander geht es eigentlich nicht. „El Siglo de Oro“ führt zwar den spanischen Barock vor, gesammelt aber wird international.

Umso mehr erstaunt, dass Spaniens Goldenes Zeitalter außerhalb des Landes bislang keine Würdigung fand. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren zeigt das Berliner Kupferstichkabinett in einem Saal wieder seine hervorragenden Bestände an Zeichnungen jener Zeit. Gewiss, den großen Meistern El Greco, Murillo, Velázquez, Zurbarán wurden Einzelausstellungen gewidmet, zusammen waren sie jedoch nie zu sehen, schon gar nicht mit weniger bekannten Künstlern des Landes.

„El Siglo de Oro“ leistet Nachholarbeit und erinnert gleich im Entree daran, dass Spanien einst eine Weltmacht war, die sich auf fünf Kontinenten ausgebreitet hatte. Das erklärt die Sammellust, die Bildergier ihrer Könige, die Bestätigung nicht nur als militärische Herrscher und wirtschaftliche Potentaten suchten, sondern auch durch Kunst Selbstdarstellung betrieben. Philipp IV. soll seinen Palast mit mehr Gemälden gefüllt haben als ganz Paris damals besaß, wie Zeitzeugen damals berichteten.

Gläserne Tränen fließen das Antlitz der Heiligen hinab

Der gleichen Mittel, der Malerei und Skulptur, bediente sich auch die Kirche, um gegenreformatorische Propaganda zu betreiben: Da fließen gläserne Tränen das Antlitz der Heiligen herab, strömt das Blut plastisch aus den Wunden des Gekreuzigten, der zum Greifen nah aufgebahrt liegt, besitzen die biblischen Darsteller höchst realistische Züge, als wären sie Menschen von nebenan. Hingebungsvoll umarmt etwa bei Francisco Ribalta der Heilige Franziskus den Gekreuzigten, als trennte sie nicht Zeit und Raum. „El Siglo de Oro“ liefert ein Wechselbad der Gefühle, mal wird höfische Grandezza, mal Seelenpein gespielt. Die Ausstellung überzeugt jedoch nicht durch Emotionalität, sondern durch ihre kluge Inszenierung, die von dem Besucher, der zwischen den verschiedenen Städten, Schulen, Künstlerclans hin- und herspringen muss, einiges abverlangt.

Den Zeitgenossen selbst stellte sich „El Siglo de Oro“ gar nicht so gülden dar, vielmehr empfanden sie es als „eisern“, wie Miguel de Cervantes im „Don Quijote“ seinen Ritter von der traurigen Gestalt sagen lässt. Das 17. Jahrhundert war für Spanien eine Epoche der Verwerfungen, das Weltreich bröckelte, die Künste allerdings blühten. Mit dem importierten Edelmetall aus Übersee ließ sich noch zahlen, das höfische Zeremoniell verlangte weiterhin nach Formen der Repräsentation. So war es eine konsequente Folge, dass die anfänglich aufstrebenden Städte Córdoba, Granada, Valencia gegenüber dem immer stärker zentralistischen Madrid an Bedeutung verloren. Die Schau versucht die Entwicklung der verschiedenen Orte aufzuzeigen, den Barock in Kastilien, Andalusien, Valencia miteinander zu vergleichen, was sich nicht immer für den Betrachter erschließt.

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