Kultur : Die Bleikappe des Schweigens

Margarethe von Trotta über ihren Ensslin-Film, das Sympathisantentum und deutsche Kontinuitäten

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Frau von Trotta, den Deutschen Herbst 1977 nennt man „Die bleierne Zeit“, so heißt Ihr Film, der von der Geschichte der Ensslin-Schwestern Gudrun und Christiane inspiriert ist. Woher stammt der Titel?

Das Wort ist ein Zitat aus dem Hölderlin-Gedicht „Der Gang aufs Land“. Es beginnt mit den Zeilen „Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute /Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.“ Und dann heißt es: „Trüb ists heute, es schlummern die Gäng und die Gassen, und fast will / Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.“

Eine treffende Beschreibung der siebziger Jahre in der Bundesrepublik?

Nein, ich meinte damit nicht die Siebziger, sondern die Atmosphäre der Fünfzigerjahre. Der Film beschreibt ja den Werdegang der Schwestern, ihre Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit, das ist meine Generation. Ich habe mich da auch selbst beschrieben, meine Empfindung, in den Fünfzigern wie unter einem bleiernen Himmel gelebt zu haben, unter einer Bleikappe des Schweigens. Man spürte, da war etwas in der Vergangenheit, im Krieg, aber wir wurden darüber nicht aufgeklärt. Aus diesem Unwissen wollten wir ausbrechen. Das war ja auch ein Auslöser für die erste RAF-Generation, zu den Mitteln der Gewalt zu greifen.

Wie kommt es, dass längst alle Welt mit der „bleiernen Zeit“ die Siebziger meint?

Die Uraufführung war 1981 auf den Filmfestspielen Venedig, der Film gewann den Goldenen Löwen, mit dem italienischen Titel „Anni di piombo“. Durch die Übersetzung hat sich die Bedeutung verändert, die Italiener meinen damit die Jahre der Bleikugeln, der terrroristischen Gewalt. Heute noch sagen sie „anni di piombo“, wenn sie an die Zeit der Roten Brigaden denken. Die Franzosen sprechen von „les années de plomb“, und wir haben diesen Bedeutungswandel übernommen. Heute denke ich, dass ich mit der Gedichtzeile unbewusst wohl auch gegen die Sprache der Linken rebellieren und meiner Abneigung gegen die reduzierte, unsinnliche, diktatorische Diktion der Flugblätter Ausdruck verleihen wollte.

Sie gehörten als linke Intellektuelle zu den so genannten Sympathisanten. Wie haben Sie die RAF-Zeit und den Deutschen Herbst erlebt?

Ich habe in der Roten Hilfe mitgemacht und politische Gefangene besucht. Ich wollte wissen: Warum wehren sich Menschen und gehen so weit, dass sie töten? Dass wir Menschen unterstützen, die sich auflehnen, erschien selbstverständlich.

Wurde diese Unterstützung von den Terroristen auch instrumentalisiert?

Man wurde um Geld für eine Wohngemeinschaft gebeten, aber eigentlich wurden davon Waffen gekauft, so etwas gab es. Wir waren die Bürgerlichen, die gemolken werden sollten und wurden deshalb belogen. Eigentlich war es grotesk: Die Idealisten haben die Idealisten ausgenutzt, wir waren einfach zu idealistisch, um das zu merken. Die Gewalt, die Gewalt auslöst, das war damals unser Denkmuster, auch in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“: In denen, die Gewalt anwendeten, sahen wir die Opfer derjenigen, die Gewalt ausübten, und das war der Staat.

Ist Ihnen das heute fremd?

Vieles, was wir damals gedacht haben, kann ich heute kaum noch nachvollziehen. Wir waren in manchem verblendet, was auch daran liegt, dass es nach 1945 in den Schulen keinerlei Anleitung zum politischen und demokratischen Denken gab. Deshalb war 1968 ein Schock, der uns Rebellion mit politischem Handeln gleichsetzen ließ. Die Geschichte der RAF ist ja eine tragische Geschichte: Vor allem die erste Terroristen-Generation hat nicht nur gemordet, sondern sich selbst ausgeschaltet und von der Welt isoliert, sei es, dass sich die Häftlinge in Stammheim in den Tod führten, sei es, dass sie Jahrzehnte im Gefängnis verbrachten. Sie haben das Leben der anderen zerstört und das eigene vergeudet, aus einer falsch verstandenen Rebellion heraus.

Wollten Sie in „Die bleierne Zeit“ vor allem diese Tragödie erzählen?

Im Film besucht die Journalistin Juliane ihre wegen terroristischer Aktivitäten verhaftete Schwester Marianne in der Strafanstalt. Die Gefangene wirft ihr vor, dass sie in ihren Artikeln die politischen Aktivitäten aus der persönlichen Geschichte heraus erklärt. Darauf Juliane: „Eine Generation früher und du wärst BDM geworden“, und die Schwester ohrfeigt sie. Ursprünglich hieß der Film „Die deutschen Schwestern“. Mir ging es um die Kontinuität der deutschen Geschichte in der Abfolge der Generationen. Erst lassen sich Menschen vom Nationalsozialismus verführen. Deren Kinder werfen das ihren Eltern vor, lassen sich aber gleich wieder von einer Ideologie verführen, bis hin zum Mord. Ich wollte nicht verurteilen, ich wollte verstehen, wie es dazu kam.

Die Öffentlichkeit verhielt sich damals anders, die Fronten waren verhärtet.

Die Hysterie war auch auf der Seite des Polizeiapparats so groß, dass wir dachten, es gibt bald einen neuen Polizeistaat. Auf beiden Seiten extreme Reaktionen.

Deutschland ist dann aber doch kein Polizeistaat geworden.

Aber das Misstrauen war groß. Die Nazizeit lag 1968 noch nicht so lange zurück, es gab Richter und Politiker mit NS-Vergangenheit, die sich in Nachkriegsdeutschland integriert hatten. Wir haben damals noch nicht wirklich geglaubt, dass Deutschland zu einer Demokratie fähig sei. Es gibt noch eine weitere Linie, die sich bis heute durchzieht: Peter-Jürgen Boock sagt im „Spiegel“, auch was das jahrzehntelange Schweigen der RAF betrifft, seien die RAF-Leute die Kinder ihrer Eltern gewesen. Am Grab von Gudrun Ensslin und Andreas Baader habe er deshalb vor kurzem eine große Wut auf sie bekommen. Die Verführbarkeit der Deutschen, die immer wieder darin resultiert, dass sie radikal und mörderisch handeln, entspricht auch immer wieder der ebenso radikalen Verdrängung unserer Geschichte. Das war nach den Siebzigern ähnlich wie in den Fünfzigern.

Warum ist es nicht nur für die Angehörigen der Opfer, sondern auch für die deutsche Gesellschaft so wichtig herauszufinden, wer zum Beispiel Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschossen hat?

Wenn der Sohn Michael Buback jetzt sagt, lasst Christian Klar frei, finde ich das sehr beeindruckend, weil seine Haltung mit dem deutschen Rigorismus bricht. Selbstverständlich will er wissen, wer seinen Vater ermordet hat, für die Angehörigen und die Gerichte ist das wichtig. Aber da alle RAF-Mitglieder die Morde befürwortet haben, ist für die deutsche Öffentlichkeit die Frage, ob Klar nun der Mörder war oder womöglich Stefan Wisniewski, weniger entscheidend als die Frage nach den Wurzeln der Gewaltbereitschaft. Die RAF-Terroristen waren keine gewöhnlichen Mörder mit genetisch oder psychologisch bedingter krimineller Energie. Die Ideologie hat sie dazu gebracht. Es war ihr Kopf, ihr völlig falsches Verständnis von Politik. Und das in dieser heillosen Kontinuität der Verführbarkeit und des Irrglaubens. Wir müssen immer wieder versuchen, diese Grundmuster der deutschen Geschichte zu verstehen.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

Margarethe v. Trotta , 65,lebt als Filmemacherin in Paris. 1975 (mit V. Schlöndorff): „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, 1981: „Die bleierne Zeit“. Ihr jüngster Film: „Ich bin die Andere“.

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