Kultur : Die Geister, die ich rief

Unterm Aktenberg: Christian Tilitzkis revisionistische Geschichte der Philosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich sorgt für politischen Zündstoff

Gerwin Klinger

Die Universitätsphilosophie unter dem Nationalsozialismus war bis weit in die achtziger Jahre unbekanntes Terrain. Es gab zwar immer wieder Kontroversen um Heidegger, aber ansonsten hielten die Philosophieprofessoren der Nachkriegszeit das Thema unter Verschluss. Es gab einiges zu verbergen, und es ist inzwischen einiges aufgedeckt worden. Keine der zahlreichen Forschungsarbeiten ist allerdings mit der jetzt veröffentlichten Dissertation von Christian Tilitzki vergleichbar. Das betrifft zunächst den Umfang des Unternehmens, das zwei großformatige Bände von fast anderthalbtausend Seiten beansprucht. Tilitzki hat mehr als ein Dutzend Jahre in den Archiven gesessen. Er hat die bis 1989 unzugänglichen DDR-Archive durchforstet, und er hat den Vorlauf in der Weimarer Republik vollständig miteinbezogen.

Was ist die Frucht dieser Herkulesarbeit? Tilitzki würde ob einer solchen Frage die Nase rümpfen. Mit Enthüllungen zu kompromittierenden Universitätskarrieren kann und will er nicht aufwarten. Das braune Pulver haben andere verschossen. Die zeitbedingten Äußerungen damaliger Philosophen aus heutiger Sicht moralisch anzuprangern, scheint seine Sache nicht zu sein. Er rekonstruiert vielmehr die zeitbedingten Zusammenhänge der von den Philosophen seinerzeit betriebenen akademischen Politik und revidiert die herrschende bundesrepublikanische Sichtweise, die diese Zusammenhänge meist normativ oder moralisierend verdeckt.

Die Materie birgt Zündstoff. Tilitzki hat gar für Empörung gesorgt. Ein Rezensent sah in seinem Buch „Merkmale jenes intellektuellen Antisemitismus, der jüdische Denker nur als abstrakte denunziert“. Tilitzki, der ja die zeitgenössischen Argumentationszusammenhänge rekonstruieren will, scheint auf etwas unheimliche Weise den „Sinn“ solcher Äußerungen verständlich zu machen. Sind das Entgleisungen ohne kohärentes Motiv, sozusagen Jenninger-Effekte? Meyer sieht das nicht so: Die „zahllosen Ungeheuerlichkeiten, die sich vornehmlich in Fußnoten finden“, hält er für einen „Teil der Textstrategie“.

Tilitzki vertritt und vertieft die Positionen von Ernst Nolte, der die Dissertation als Zweitgutachter betreut hat, er vertritt also nichts Geringeres als den historiographischen Revisionismus, der in den achtziger Jahren den Historikerstreit ausgelöst hat. Wer Tilitzki folgen will, wird das politische Engagement deutscher Philosophen nicht vom Standpunkt des in der Nachkriegszeit etablierten „Normativismus“ verurteilen. Es soll „historisch verständlich“ werden aus der doppelten Frontstellung gegen Bolschewismus und Amerikanismus, aus der antizipierten Gefahr kommunistischer Machtergreifung und – auch an diesen Un-Gedanken robbt sich Tilitzki heran – aus der diesbezüglichen „Täterrolle“ der Juden.

Ein Möllemann der Philosophiegeschichte? Es böte sich an, Tilitzki einfach rechts liegen zu lassen. Aber das wäre zu einfach. Denn in den Diskursen über Philosophie im Nationalsozialismus, die ab Ende der achtziger Jahre an den philosophischen Instituten in Gang kamen, herrscht nicht nur ein bisweilen brachialer Wille zur Entlarvung. Es herrscht auch eine in der Nachkriegszeit etablierte, allzu einseitige Sicht, die in erster Linie „Ungeistiges“ sehen will und deshalb manchmal vorverurteilend verfährt. Das Material geht aber in diesen Prozeduren nicht auf. Und das macht Tilitzki deutlich.

Um die historischen Prozesse wissenschaftlich zu erforschen, müssen wir uns also die ideologischen Scheuklappen abreißen – und seien sie noch so staatstragend. Dazu bedarf es der Rekonstruktion des historischen Kontextes. Aber: Gerade dies will gekonnt sein. Wie der normative Zugriff in der Gefahr steht, das historische Material über den Leisten der heute herrschen Meinung zu ziehen, so droht die „Perspektive der Zeitgenossenschaft“, die Tilitzki beansprucht, die kritische Distanz zur damals herrschenden Ideologie zu verlieren. Denn nur scheinbar verbürgt die Rekontextualisierung der Philosophie eine ideologiefreie Sicht. Wenn nach 1933 die Philosophischen Institute gesäubert werden, gibt es Opfer, Täter und Profiteure, die Karrieren auf Kosten von entlassenen Linken und Juden machen – und es gibt die implizite Frage: Mit wem hält es die Zeitgenossenschaft? Unter den Opfern, die aus Deutschland fliehen mussten, waren der demokratisch denkende Kantianer Liebert, der Göttinger Dilthey-Schüler Georg Misch, entlassen als Jude, und Richard Hönigswald, ebenfalls als Jude entlassen und zeitweilig im KZ Dachau inhaftiert. Tilitzki bringt es fertig, diese Säuberungsopfer als „emigrierte Kollegen“ in ein entspanntes Verhältnis mit einer Täter-Figur wie Alfred Bäumler zu setzen, einem der umtriebigsten Strippenzieher der Nazis in der Philosophie. Es fehlt der Sinn für den brutalen Riss, der nach 1933 durch die Philosophen-Zunft ging.

Überhaupt ist Tilitzkis „Zeitgenossenschaft“ auf Einverständnis mit den bestehenden Verhältnissen gestimmt – und zwar ein Einverständnis der fraglosen Art. Interesse für die Parteimitgliedschaften der Philosophen? Höchstens am Rande. Dabei hätte der Aktenkenner Tilitzki hier durch solides Historiker-Handwerk glänzen können, indem er das politische Organisationsverhalten systematisch analysiert. Und was ist mit der Demokratiefeindlichkeit, dem Rassismus und dem braun-völkischen, autoritär-militaristischen oder führungstechnokratischem Gedankengut, das die damaligen philosophischen Diskurse strukturiert, genauso wie die philosophischen Identitätsstiftungen, Sinngebungen und Legitimationen des NS-Systems?

Für Titlitzki ist das alles „selbstverständlich“, „eine triviale Einsicht“ und „bedarf keiner Überprüfung“. Wieso auch? Philosophie ist eben, wie wir seit Hegel wissen, ihre Zeit in Gedanken gefasst. Großspurig verwirft Tilitzki die Erkenntnisobjekte, die die Aufarbeitung der Philosophie im Nationalsozialismus motivieren könnten. Und wofür genau interessiert er sich? In epischer Breite wird der Papierkrieg bei Berufungs- und Habilitationsverfahrenen dargestellt. Es ist der Auftritt der grauen Philosophie-Mäuse, die ihr Futter von den Groß-Deuterichen wie Baeumler, Heidegger, Gehlen oder Gadamer bezogen. Und Tilitzki tut ein weiteres: Unter der Maßgabe „höchstmöglicher Komplexität der Rekonstruktion“ und als Beleg für die damalige philosophische „Vielfalt“ gibt Tilitzki ausgewählte Diskurs-Fragmente eins zu eins an den Leser weiter – ohne Analyse, nur grob thematisch sortiert.

Doch hier ersäuft nicht jemand hilflos in dem Material, das er in Archiven und Bibliotheken ausgegraben hat. Die Hermeneutik der „Zeitgenossenschaft und Komplexitätsrekonstruktion“ organisiert einen bizarren Effekt: Jede Menge Einzelheiten, aber nur geringe Erkenntnisse über die Philosophie im Nationalsozialismus. Tilitzki führt uns vor Augen, dass es unergiebig ist, auf diesem Feld nach braunem Professorenunrat zu fischen.

Auch in den Jahren 1933–45 wurde akademische Philosophie betrieben. Gerade die Nolte-Schule weiß aber, dass sich auch in diesem diskursiven Pluriversum eine kohärente, systemtragende „Politik der Philosophie“ formiert hat. Sie lässt sich studieren, ohne in die „Normativismus“-Falle zu tappen. Und es gibt – daran sei erinnert – entsprechende Ansätze, angefangen mit der kaum zur Kenntnis genommenen Heidegger-Studie von Pierre Bourdieu.

Christian Tilitzki: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. 2 Bände, Akademie-Verlag, Berlin 2002. 1475 Seiten, 165 €.

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