Kultur : Die Gutmacher

Das kleine Dorf Alt Rhese hat viel erlitten: die Nazis und ihre Rassenlehre, die Stasi, die NVA. Jetzt probiert ein Bayer das alternative Leben in Mecklenburg

Ulf Lippitz

Bernhard Wallner ist nicht begeistert. „Ein wenig Salz hätte schon gutgetan“, sagt er und schluckt den hauseigenen Spinatauflauf hinunter. Am Gemeinschaftstisch hat niemand den Tadel gehört, alle reden über den ersten Schnee gestern Nacht, den klaren Mecklenburger Himmel heute und dass man nach dem Mittag Sanddorn schneiden müsse. Zwei Frauen an der linken Kopfseite schluchzen plötzlich heftig. Wallner stochert im Essen herum und philosophiert über Salz, die Frauenkörper beben – und gerade als aus dem rhythmischen Zucken ein ruhiges Atmen wird, schiebt Wallner seinen Teller zur Seite. „Kaffee?“, fragt er.

Die Frauen nehmen an einem Seminar teil, abgehalten auf dem Parkgelände, geleitet von einem Heilpraktiker. Das Thema: Coaching. „Da stößt man zu innersten Gefühlen vor“, sagt Wallner nach dem Kaffee, er sitzt im Büro, in der ersten Etage des schmucklosen Schlosses, durch die hohen Fenster funkelt der Tollensesee. Der 48-jährige Bayer ist studierter Wirtschaftsjurist, gelernter Banker und frisch gebackener Kommunarde, er trägt einen schwarzen Wollkragenpullover, dunkle Hosen und trittfeste braune Schuhe. Er redet ruhig, die Stimme vibriert leise. „Was die genau im Seminar veranstalten, weiß ich nicht“, sagt er. „Das ist mir egal.“

Glatt gelogen. Bernhard Wallner achtet genau darauf, was auf der 65 Hektar großen Anlage mit Schloss und 20 Wohnhäusern passiert. Er muss, er steht selbst unter Beobachtung. Von Medien und Vereinen. Die Geschichte des Schlossparks Alt Rehse ist zu wechselhaft, einmalig, ein Abbild deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert, nichts, was sich leicht vergessen ließe. Erst die wirtschaftliche Schieflage des Guts in den 20er Jahren, dann die Errichtung einer Führerschule für Nazi-Ärzte im Dritten Reich, später die Besetzung des Objekts durch die Nationale Volksarmee der DDR und schließlich die Bundeswehr.

Bis März stand die Immobilie leer. Bernhard Wallner und eine Handvoll Gefährten beleben nun historisch verseuchten Boden mit einer Utopie – ein Aussteigertraum für das gehobene Bürgertum, eine Landkommune mit Visionen. Deshalb tuscheln Menschen böse Namen: Nazi, Sektenführer, Eso-Spinner. So wie am Abend zuvor, in einem Cafe der nahen Stadt Neubrandenburg. Wallner lächelt amüsiert, als handle es sich um eine lästige Landplage. Er kennt die Vorurteile. Die acht Gründer des Lebensparks haben lange gerungen, ob man an so belasteter Stelle ein alternatives Wohnmodell realisieren kann und darf. Am Ende siegte die Hoffnung – den Ort neu definieren zu können und zugleich in wunderbarer Landschaft zu wohnen.

Tollensesee, „den Namen hatte ich vorher noch nie gehört“, gibt Wallner zu. Im vergangenen Sommer sah er den Park am See zum ersten Mal, ein Freund hatte den Tipp gegeben. Der See ist umgeben von Mischwäldern, ein Rückzugsort für Damhirsche, Seeadler und Wildschweine. „Einer der schönsten Orte, die ich gesehen habe“, schwärmt Wallner, der weiße Strände und hohe Berge liebt.

Freiherr Ludwig von Hauff, ein Nachfahre des berühmten Märchendichters, sah das genauso und baute 1898 das Stammschloss der süddeutschen Familie in Alt Rehse nach. Er legte den Grundstein für den üppigen Park, fackelte aus Geldnot 1921 das Schloss wieder ab und kassierte die Prämie der Versicherung. Deshalb thront heute eine verschlankte Schloss-Version auf dem Hügel, ohne Stuck und Fassaden-Zierrat.

Den Hauffs blieb trotz warmer Sanierung die klamme Haushaltslage erhalten. Die Familie plante 1933 den Park samt Gut zu verkaufen. Der Hauptgeschäftsführer des Hartmann-Bundes, Hans Deuschl, nebenbei eifriger SS-Mann, bekundete Interesse. Als die Erben das Geschäft wegen eines Familienstreits verzögerten, reaktivierte er seine Kontakte in Berlin. Hitlers Stellvertreter Martin Bormann regte die sofortige Enteignung des Gutes an, inklusive Entschädigung. Ein Jahr darauf begann der Aufbau der „Führerschule der deutschen Ärzte“, in Monatskursen lernten linientreue Mediziner ab 1935 alles über Euthanasie und die Vernichtung unwerten Lebens. Tagsüber studierten sie Rassenbiologie, abends tanzten sie im Gemeinschaftshaus. Das jahrhundertealte Dorf drum herum trimmten die Nazis auf Linie. Beinahe alle Häuser ebneten sie ein, errichteten ein „Musterdorf“ mit Fachwerkhäusern und Anger. Auf den Balken erinnern Inschriften wie „Erbaut im Jahre 3“ an die neue „Zeitrechung“ – eine gruselige Puppenhaus-Siedlung bis heute.

Sechseinhalb Jahre währte der Spuk. Dann wurde aus der Schule ein Lazarett, das angeschlossene Gut lieferte brav das begehrte Rindfleisch in die Reichskanzlei – bis im April 1945 die Russen über den See kamen und die letzten Stricke nach Berlin kappten. Aus dem Schloss transportierten sie Kisten mit Dokumenten fort, aus Versehen brannten sie fünf Gebäude nieder – weil sie beim Schnapsbrennen unvorsichtig hantierten – und gaben den Ort 1948 für ein Kriegswaisenheim auf. Dann zog 1955 die Stasi ein, drei Jahre darauf riegelte die Nationale Volksarmee den Park mit Stacheldraht ab.

„Herzlich willkommen“, steht heute am Eingangshäuschen, gleich neben dem schweren Schiebetor, der selbst entworfene Farbdruck quietscht in Gelbtönen. Gleich darunter die nüchterne Aufforderung: Bitte keine Werbung! Hier starten Besucher die Besichtigung des Parks, trödeln zum See hinunter oder schreiten die Jurte-Zelte auf der Wiese ab.

In der DDR gab es weder Werbung noch Willkommensgrüße geschweige denn Besuchserlaubnis, der Park hieß in Amtsdeutsch „das Objekt“ und war ein weißer Fleck auf der Landkarte. Die Nomenklatura feierte rauschende Feste am See, dafür ließ sie Tarnnetze aufspannen und Kaviar ankarren. Der sozialistische Bürger durfte nichts sehen, der noble Müll verriet manches. Ende der 70er Jahre trieb die Armee Röhrenbunker in die Hügel, mit Klär-, Strom- und Trinkwasseranlage, sogenannte Übungs- und Rückzugsbunker, gesichert mit einer Starkstromleitung.

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel fragte sich Bernhard Wallner in Bielefeld, wie sinnvoll sein Leben sei. Er arbeitete als Manager einer Naturtechnik-Firma, verkaufte Teich-Systeme rund um die Welt und stritt sich daheim mit Abteilungsleitern. „Ich hatte andere Vorstellungen des Miteinanders“, sagt er, und so gründete er 1992 eine Naturtechnik-Firma in Landshut. Der knallharte Unternehmer war er nie, spätestens als er 1998 vor einem Schuldenberg stand, ging ihm das auf. „Auf einmal merkte ich wie es sich anfühlt, kein Geld zu haben“, erinnert er sich. Das Familienvermögen rettete ihn noch einmal. Danach schwor er, nie wieder Bankkredite aufzunehmen.

Man kann sagen, Wallner ist im Kapitalismus unternehmerisch gescheitert. Man kann auch sagen, er ist dadurch auf seine Bestimmung gestoßen – als Ideengeber alternativer Lebensmodelle in vielen Bereichen: Gesundheit, Versorgung und Finanzierung. Von einem alternativen Gesundheitszentrum mit Selbstfindungskursen über gesunde Ernährungsberatung bis zur Errichtung eines eigenen Pflanzenöl-Kraftwerks soll bald ein kleiner Mikrokosmos in Alt Rehse entstehen.

Bernhard Wallner initiierte bereits 2004 einen Lebenspark, damals am heimischen Chiemsee. Zusammen mit seinem vier Jahre jüngeren Brüder Christoph wollte er eine Brache des Benediktinerinnen-Klosters besiedeln. Die Kirchenoberen und die örtliche CSU waren dagegen. In Alt Rehse waren sie sofort willkommen. Die Gemeinde suchte Investoren, die langfristig in und mit dem Dorf arbeiten. Hauptsache, es passierte etwas.

Zwei Millionen Euro hat die Gruppe um Wallner an einen Münchner Immobilienmakler bezahlt. Er hatte den Park im vergangenen Jahr ersteigert, nachdem die Bundeswehr 1998 ausgezogen war und das Bundesvermögensamt einem „Verkauf ohne Zweckbindung“ zugestimmt hatte. Wie auch im Fall der Ferienanlage Prora. Zwei Blöcke des Nazibaus wurden jüngst an einen Investor verkauft, der sie in Ferienwohnungen umwandeln will. Im Park von Alt Rehse erinnert seit 1998 wenigstens ein Gedenkstein an die düstere Ära. Nur gedenken konnte man dort selten, der Park war bis zum Sommer zugesperrt. Im Osten gibt es sie noch, riesige Flächen für gesellschaftliche Utopien, dünn besiedelte Landstriche und niedrige Preise. Der Lebenspark Tollense, kaum denkbar in einem westdeutschen Bundesland. Mecklenburg im Herbst, das heißt: Apfelbäume im Überfluss – und die höchste Arbeitslosenquote der Bundesrepublik. Im September lag sie bei 18 Prozent.

Die neuen Besitzer öffnen und renovieren das Grundstück, das erste Mal seit über 50 Jahren, so wächst das Dorf wieder zusammen. Es gibt zwar keine erhofften Arbeitsplätze, aber die Aussicht darauf nährt Wallner – wenn mehr Touristen die Gästezimmer buchen und das Seminar-Zentrum im Schloss voll funktionsfähig arbeitet. Im Moment renoviert es die Gemeinschaft noch. Im Frühling könnten Referenten über Nachhaltigkeit und Pflanzenheilkunde dozieren.

Am Wochenende schauen erst einmal Wohnprojekte aus ganz Deutschland vorbei. Die „Esoteriker“ kommen dann – und solche, „die gerne freie Liebe hier hineintragen würden“. Sein Credo: „Keine ideologische oder religiöse Ausrichtung!“. Mit 16 Jahren wollte er mal Mönch werden, aber als „barocker Bayer“, das ging nicht. Seitdem ist Religion sekundär. Derzeit leben 45 jüdische, christliche und muslimische Menschen in der WG – vom Elektriker bis zum Software-Spezialisten besitzen sie alle Berufs- und Lebenserfahrung. „Wir wollen jedem Verdacht entgegen- wirken, dass wir eine Sekte seien“, sagt Wallner.

Was alle Bewohner eint: Unmut. Eine Unruhe, im großen System nichts bewirken zu können. Deshalb gründen sie ein kleines. Das Gesundheitssystem? Hält Wallner für eine Stütze der Pharma-Lobby. Er engagiert sich in der Solidargemeinschaft Artabana, eine Art Krankenkasse, in der individuell der Beitrag bemessen, aber solidarisch über Ausgaben entschieden wird. Rentenversicherung? Alt Rehse sei „eine soziale Absicherung für das Alter“, meint Wallner.

So wie er denken viele im Lebenspark. Heilpraktikerin Birgit Kurpiers aus Strausberg soll eines Tages das geplante Gesundheitszentrum leiten, wo noch blumige DDR-Tapete von den Wänden blättert. „So kann es doch nicht weiter gehen“, sagt sie – und meint die Welt da draußen, vor dem eisernen Schiebetor. Sie ist geschätzte 40, der Durchschnitt vor Ort. Wallner spöttelt: „Wir sind die älteste WG-Gründung der Republik.“ Vielleicht deshalb auch die am wenigsten dogmatische. Birgit Kurpiers schiebt hinterher: „Eigentlich sind wir alle Alpha-Tiere.“ Und Wallner verbessert: „Menschen, die selbstbestimmt handeln, genau.“

Und die waren zu Beginn gefordert. „Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine Heizung“, zählt Wallner auf. Aus dem See schöpften sie Wasser in große Ballons ab, die Stadtwerke richteten die Leitungen her – und ein Kanonenofen wärmte das Haus, in dem die Neuankömmlinge wohnten. Fast 20 Menschen unter einem Dach – und das in einem kühlen März. Inzwischen sind sieben Häuser renoviert, unter Mithilfe aller. „Wir haben hundert Anfragen für unser Projekt“. Sagt Wallner. „Aber wir sind voll“. Mit knapp 30 Erwachsenen und 15 Kindern. Die Gründer ausgenommen, befinden sich alle in der „Annäherungsphase“.

Sechs Monate dauert sie. In der Zeit filtert die Gemeinschaft heraus, wer zu ihnen passt. „Wir werden keine finanziellen und keine technischen Probleme haben“, orakelt Wallner, „sondern menschliche“. Daher die Probezeit. Die Visionen werden abgeglichen. „Einen respektvollen Umgang miteinander“, fordert Wallner. „Wir wollen nicht den Staat anzapfen und die Umwelt belasten – im Sinne unserer Kinder.“ Einmal in der Woche treffen sich die Bewohner, um Probleme zu besprechen und Kompromisse zu verhandeln.

Sorge bereiten Wallner nur die „Gedenkprofis“. So nennt er Menschen, die ihn an die unselige Nazi-Schule erinnern wollen. Die ihm vorschreiben wollen, wie er mit dem Erbe umgehen soll. „Schrecklich“, findet auch Wallner die Nazis und Euthanasie – und einen „Glücksfall“ den gefundenen Kompromiss. Er will den dunklen Jahren eine ständige Ausstellung widmen, „Der Wert des Menschen“. Sie behandelt die Abwege der deutschen Medizin zwischen 1918 und 1945 und steht im Depot der Berliner Ärztekammer.

Mehr Memorabilia will Wallner nicht, sondern Hallen-Fußball-Turniere in der Sporthalle oder Konzertabende im Gemeinschaftshaus. Im Sommer soll die auch vom Dorf ersehnte Dampfer-Anlegestelle Tagesausflügler aus Neubrandenburg herbringen. Wallner zitiert den Chefdirigenten der dortigen Philharmonie, Stefan Malzew. Der soll zu Bernhard Wallner gesagt haben: „Jede Veranstaltung hier ist ein Heilungsritual.“

Es klopft. Wally kommt herein, sie ist die Köchin des Parks, eine robuste freundliche Frau aus Kassel mit kurzen grauen Haaren, die es wohl nicht so mit Salz, aber mit Obst hat. Sie trägt einen Teller mit Apfel- und Birnen-Scheiben. „Das ist unser Kaiser Wilhelm, das ist die Gräfin von Paris“, sagt sie. „Alles aus dem Garten.“ Sie lacht wie eine Figur von Wilhelm Busch – mit rosigen Wangen, breitem Mund und halb geschlossenen Augen.

Wallners Sohn Matthew kommt vorbei. „Willst du mit, Sanddorn schneiden?“, fragt der Vater den 12-Jährigen. Er kommt gerade vom Gymnasium in Neubrandenburg, hat ein Paket aus Hawaii erhalten und will es erst öffnen. Wallner ist seit 20 Jahren mit einer Japan-Amerikanerin zusammen, sie stammt aus Hawaii, das Paar redet Englisch, der Sohn beide Sprachen fließend. „Meine Frau hat schon ein bisschen geschluckt, als wir hierher zogen“, gibt Wallner zu. Auf 70 Quadratmetern leben sie. Aber mit Fernseher. Darauf haben Frau und Sohn bestanden.

Draußen bellt ein Hund. Wallner knurrt. „Ich liebe Hunde“, sagt er. „Aber noch mehr liebe ich Damwild zu beobachten, wenn es vor unserem Frühstücksfenster äst. Das tun sie jetzt nicht mehr. Die Köter laufen ständig hinterher.“ Er verliert für einen Moment die sonore Beherrschung. Die Besucher müssen ihre Tiere anleinen, nur „unsere Hundebesitzer lassen die Tiere frei umherlaufen“, klagt er. Bernhard Wallner ist nicht begeistert. Es gibt keine perfekte Idylle.

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