Kultur : Die Zersetzung der Gewissheit

Tiefschläge und Hohelieder: die britische Band Elbow und ihr Album „Build A Rocket Boys“

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Endlich da, wo sie immer hinwollten. Die Band Elbow aus Manchester. Foto: Universal
Endlich da, wo sie immer hinwollten. Die Band Elbow aus Manchester. Foto: Universal

Es beginnt damit, dass Craig Potter eine Taste seines Fender-Rhodes-Pianos drückt, gedrückt hält und mit einem Klebestreifen für die Dauer des Songs nach unten zwingt. Und so hört man den einen Ton – Bing-bing-bing-bing – wieder und wieder. Wer an der einzigen interessanten Kreuzung kleben bleibt, die es in einem Ort wie Bury in Lancashire vielleicht gibt, der hört denselben Ton. Tief in sich. Wie das Ticken einer Uhr. Wie das pochende Herz der Langeweile.

Guy Garvey kennt diesen Ton genau. Von lippy kids erzählt der Sänger in dem gleichnamigen Song, von jungen, überheblichen Burschen, wie er selbst einer war, „die sich an der Ecke wie Krähen niederlassen“ und nichts weiter tun, als reden. Das Schaben der Füße, der Takt, in dem die Zigaretten fortgeschnippt werden, deutet an, dass der Ton immer lauter, aufwühlender wird. Dass es bald nicht mehr nur darum gehen wird, sich die Zeit zu vertreiben mit Gesprächen über tolle Bands und Platten, die man gehört haben muss. „Do they know these days are golden?“, fragt Garvey. Und als wäre er ein alter Mann, der zufällig durchs Bild latscht, ruft er seinem jüngeren Selbst und dessen Kumpels zu: Macht was Sinnvolles – build a rocket boys!

Niemand weiß besser als Garvey, wie absurd der Rat ist. „Build A Rocket Boys“, so lautet auch der Titel des fünften Albums seiner Band Elbow. Mit ihm kehren die fünf Musiker zu der Zeit zurück, da auch für sie so ziemlich alles begann. Und das ist das einzig Merkwürdige an diesem magischen Stück Popmusik. Warum beschäftigt sich eine Band, die alles erreicht hat, mit dem jugendlichen Erwachen geistiger Kräfte?

„Jetzt sind wir erstmals in 21 Jahren die Band, die wir immer sein wollten“, sagt Garvey im Gespräch. Als Teenager sei er schwer erträglich gewesen. Ein stets verdrossener junger Mann. Seine Eltern ließen sich scheiden, als er 13 war, er brach die Schule ab, wollte Poet werden und zog sich immer weiter in seinen massigen Körper zurück. Als 17-Jähriger schloss sich Garvey auf dem College einer Band an. Sie bestand aus denselben Leuten, die heute zu Elbow gehören. Neben Garvey und Turner sind das Mark Poter an der Gitarre, sein Bruder Craig an den Keyboards und Drummer Richard Jupp. Sie arbeiteten im Roadhouse in Manchester, wo in den neunziger Jahren alle wichtigen Indie-Bands auftraten. Irgendwann 1997 waren sie selbst soweit und im Roadhouse nun oft im Vorprogramm zu hören. Was das Musikerdasein anbetraf, gaben sie sich keinerlei Illusion hin. „Als Band erlegten wir uns von Anfang an eiserne Disziplin auf“, sagt Garvey. „Wer nur fünf Minuten zu spät zur Probe erschien, dem zeigten die anderen die kalte Schulter.“ Die Gruppe musste ohne Chef funktionieren.

Niemand bei Elbow kann Eigentumsrechte beanspruchen, jeder fühlt sich verantwortlich. Heute sind sie neben Radiohead die einzige britische Rockband, die in ihrer musikalischen Sprache vollkommen frei ist. Mit jedem Song scheint sie wieder ganz von vorne anzufangen; indem oft nur ein Instrument einsetzt, wie das elektrische Piano oder ein Fingerschnippen, bis es immer mehr Motive sind, die ineinanderfließen. Garveys klarer, freundlicher Gesang ist nicht an die Gesten des Popstars gekoppelt. Die Musik ist ein Fluchtraum. „Es macht mir nichts aus“, sagt er, „vor 20 000 Menschen aufzutreten, aber wenn mich der Busfahrer streng ansieht, schäme ich mich.“

Elbow hatten schon beinahe aufgegeben. So viele Jahre war das Quintett mit unerbittlicher Hingabe bei der Sache geblieben, hatte immer wieder all seine Aufrichtigkeit, Wärme und Leidenschaft für ein neues Album aufgebracht. Aber mehr als Lob von Kritikern hatte ihm das nicht eingebracht. Nun wollten sie 2008 noch eine letzte Platte herausbringen und dann auseinandergehen. Grundiert wurde es von der Trauer um den Drogentod eines Freundes. Doch der bahnbrechende kommerzielle Erfolg von „The Seldom Seen Kid“ und die Verleihung des Mercury-Preises katapultierten Elbow augenblicklich in höhere Sphären. Damit hatten sie ihre Dämonen bezwungen. Eigentlich konnten Elbow nur noch langweilig werden. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Mag ihre Musik diesmal auch bar aller Qualen entstanden sein, etwas Unbezwungenes lebt in den musikalischen Wanderdünen fort, zu denen sie ihre Ideen aufschütten. Diese Musik ist ein emotionaler Kompass.

„With Love“, das von einer irren Balaleika-Figur eröffnet und von kaum mehr als rhythmischem Klatschen getragen wird, ist ein Lob der Liebe, ein Hohelied auf den Saufkumpan. In dem unter einem Krautrock-Beat pulsierenden „Birds“ geht es um Vögel als keepers of our secrets, Geheimnisträgern, die uns bei allem, das wir anstellen, zusehen. Dabei gibt es gar keine Geheimnisse im Elbow- Universum. Mystiker sind sie nicht. Mit demselben jazzigen Atem, mit dem auch ihre Vorbilder Talk Talk zu Werke gingen, und einem Gefühl für Tempi und Grooves, das nicht mehr ausformuliert wird, zersetzen sie jede Gewissheit.

Das ist ein radikaler Gegenentwurf zur Ego-Musik der iCulture. Während das Internet und die unmittelbare Verfügbarkeit des Welt-Pop-Wissens dazu führen, dass Musiker mit dieser Überforderung konkurrieren wollen und traditionelle Formen zugunsten eklektizistischer Samplewolken auflösen, bestellen Elbow „eine kleine Ecke im Garten“, wie Garvey sagt. Sie sind Familienmenschen geworden. Und so langweilig das klingen mag, so souverän ist ihr Umgang mit dieser Gesetztheit, die von ihnen verlangt, das Abenteuer in leeren Räumen zu suchen, die von nichts anderem als ihren Akkorden geflutet werden.

„There’s a bayonet in my family things“, heißt es im Song „High Ideals“, der von den hohen moralischen Ansprüchen Abschied nimmt. Beim Aufräumen findet sich ein altes Bajonett. Garvey weiß: „It’s passed from hand to hand / With the wedding rings.“ Dieses antiquierte Kriegswerkzeug gibt es wirklich. Angsteinflößend findet es Garvey, er würde es nicht vererben, sondern einschmelzen, wenn die Reihe an ihn käme. Es sei das falsche Symbol für das Opfer. Er ist einer der Guten.

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