DIE KÜNSTLER : „Maler müssen übertreiben“

Atelier Berlin: Klaus Fußmann und Christopher Lehmpfuhl über Gegenständlichkeit, Vorbilder und Künstlerfreundschaft.

Wie der Lehrer, so der Schüler. Fußmann und Lehmpfuhl pflegen die Figuration. Foto: M. Wolff
Wie der Lehrer, so der Schüler. Fußmann und Lehmpfuhl pflegen die Figuration. Foto: M. Wolff

Herr Fußmann, Herr Lehmpfuhl: Inwiefern hat Berlin Sie als Maler geprägt?

KLAUS FUSSMANN: Als ich 1962 nach Berlin kam, lag die Stadt wie im Sterben. Ich begann, Interieurs von Häusern zu malen, deren Bewohner weggezogen waren. Ganze Straßenzüge standen leer, die der Senat aufgekauft hatte. In diesen Räumen lagerten die Reste einer anderen Zeit.

CHRISTOPHER LEHMPFUHL: Ich bin im ehemaligen Westteil aufgewachsen, für mich war der Mauerfall ein Befreiungsschlag, auch künstlerisch. Es gab ein Schlüsselerlebnis: Im Gemeinschaftsatelier der Fußmann-Klasse hatte ein Student einen Liter Terpentinöl über seine Leinwand gekippt. Ich floh vor dem Geruch nach draußen und finde seitdem in der Stadt meine Motive. Außerdem stand Lovis Corinth Pate. Seine Berlin-Bilder zeigten mir, dass es möglich ist, den Impressionismus hier fortzuführen.

Wie haben Ihre Kommilitonen reagiert?

Damals gab es Stimmen an der Hochschule, die sagten: Malerei ist tot. Fußmann hat mich bestärkt. Ich habe klein begonnen, die Werke dieser Zeit messen 24 mal 36 Zentimeter, das ist das Innenmaß der Weinkiste, mit der ich die Leinwände auf dem Fahrrad transportierte. Mit den Transportmöglichkeiten wuchsen die Formate. Heute sind sie über zwei Meter groß.

Sie arbeiten beide figurativ. War das Ihre einzige Option? Oder malen Sie im Gegenständlichen auch das Abstrakte?

FUSSMANN: Auch ich wurde belächelt, als ich als junger Maler dem Gegenstand frönte. Damals war Hard Edge angesagt und Morris Louis war ein Star. Aber Erfolg hat nur, wer seinem eigenen Weg folgt. Der Sog der Abstrakten war für mich groß, da ich mit den Informellen aufgewachsen bin, die ihren Siegeslauf hatten, als ich 17, 18 Jahre alt war. Aber das endet immer in den gleichen Pinselschlägen, wie heute das Neo-Informel. Das Spektrum ist einfach sehr klein. Ich habe versucht abstrakt zu malen, aber das war nichts für mich. Gegenständliche Malerei kann zum Ausdruck bringen, was mich bewegt.

LEHMPFUHL: Ich brauche den Gegenstand, um eine Idee zu entwickeln. Aus der Nähe betrachtet, besitzen meine Bilder eine starke Abstraktion; erst aus der Ferne erschließt sich das Motiv. Dieses Spiel zeichnete schon die Impressionisten aus. Abstraktion kann es auch durch Ausschnitthaftigkeit geben: Aus dem Detail erschließt sich das Ganze. Meine aktuellen Bilder besitzen eine abstrakte Qualität durch die zentimeterdick aufgetragene Farbe, die fast ins Skulpturale geht.

Heute verbindet Sie eine Freundschaft. Wie waren die Anfänge Ihrer Beziehung?

FUSSMANN: Als sich Lehmpfuhl bei mir als Hochschüler präsentierte, spürte ich eine große Kraft. Ich wusste, wird diese Dynamik einmal frei, kommt ein guter Maler zum Vorschein, wenn auch kein intellektueller. Das Elegante liegt ihm einfach nicht, davor ist er geschützt. Ein Maler kann nicht über seinen Schatten springen.

LEHMPFUHL: Schon als ich Fußmanns Kataloge zur Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch studierte, erkannte ich die Seelenverwandtschaft. Diese Nähe blieb. Wir haben uns in der Akademie immer montags getroffen, um bei Bier und Brot über Kunst zu diskutieren. Dieses Gespräch ist nie abgerissen.

FUSSMANN: Im Laufe meiner Lehrtätigkeit sind rund 150 Studenten an mir vorbeigezogen. Die meisten kommen und gehen, wenige bleiben. Daraus hat sich eine Gruppe von 30 Personen geformt, die sich auch über die Generationen hinweg etwas zu sagen haben, ohne Rivalität, wie so oft an der Hochschule.

Profitieren auch Sie von Ihren Schülern?

FUSSMANN: Manchmal sind es Fetzen. In einem Gedicht können zwei Zeilen zünden, ähnlich ist es beim Bild. Erst beim Malen merkt man, dass etwas vom anderen hängen geblieben ist. Es gibt Lehrer, die von ihren Schülern ganze Motivreihen übernommen haben.

Als Maler schaffen Sie Fixpunkte im Fluss der Zeit. Wieso ist Malerei geeignet, das Zeitliche in sich aufzubewahren, vielleicht mehr noch als die Fotografie?

FUSSMANN: Malerei ist handgemacht, kein Apparat steht dazwischen. Ein Fotograf kann sich anstrengen, so viel er will, er erhält nur ein Foto. In der Malerei ist mehr möglich. Ich könnte von Ihnen ein Porträt nur aus Rudimenten malen; trotzdem würde man Sie erkennen. Das geht beim Foto fast nicht. Malerei besitzt einen größeren Radius.

LEHMPFUHL: Malerei ist für mich vor allem die Möglichkeit, das Hier und Jetzt darzustellen. Sie ist nicht zu ersetzen.

Sie malen Vanitas-Bilder. Was reizt Sie an der Vergänglichkeit als Sujet?

FUSSMANN: Ich bin von Natur aus Pessimist. Aus dieser misanthropischen Situation heraus male ich. Das zeigt sich in den Blumenbildern. In dem knallbunten Strauß ist das Verwelken schon enthalten. So bin ich groß geworden. Diese Haltung schützt mich vor Enttäuschung.

LEHMPFUHL: Ich bin Optimist, negiere aber nicht das Schlechte, stelle es sogar dar: das Kaputte, von dem man denken könnte, es sei nicht malenswert. Genau an dem Punkt fängt für mich Malerei oft an: an den Umbruchstellen der Stadt, in denen sich die Zerrüttetheit unserer Zeit zeigt. Dennoch versuche ich es positiv darzustellen – aus einer christlichen Grundhaltung heraus.

FUSSMANN: Glauben ist ein Vorteil. Ich kann das nicht.

LEHMPFUHL: Auch in der Tristesse, einem Regenbild, gibt es immer einen Lichtpunkt, der sich spiegelt, einen Sonnenstrahl, der hereinkommt. Ich inszeniere das Licht als künstlerisches Element, als positive Botschaft.

Worin drückt sich für Sie Schönheit aus?

FUSSMANN: Schönheit läuft nebenher. Sie ist nicht greifbar. Deshalb darf man im Bild auch nicht protzen. Farbe ist wie ein Edelstein. Zum Beispiel das Rot, die Königin der Farbe, sie darf nur sparsam benutzt werden. Ich muss jede Farbe so einsetzen, dass sie das Ganze trägt.

LEHMPFUHL: Die Schönheit meiner Malerei besteht darin, dass ich in der Stadt Momente suche, die Kunst sind. Das reicht vom Garten bis zur Baustelle mit Blick auf das Staatsratsgebäude und beleuchteten Weihnachtsbaum.

Besteht da nicht die Gefahr der Beschönigung? Als Landschaftsmaler haben Sie beide ein eher romantisches Deutschland-Bild entworfen.

FUSSMANN: Das war ein Auftrag des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, der bei mir Aquarelle aus seiner Heimat, der Pfalz, gesehen hatte und begeistert war. Die Schattenseiten hätte ich da nicht bringen können. Warum auch?

LEHMPFUHL: „Blühende Landschaften“, der Titel stand bei mir von Anfang an fest. In Bayern habe ich am Walchensee eine Hommage an Corinth gemalt, im Rheinland ein Stoppelfeld als Hommage an van Gogh. So entstand ein Porträt von Deutschland, wie ich es empfinde: positiv, weil ich dieses Land liebe.

Inwiefern sehen Sie als Maler Ihre Umgebung anders?

FUSSMANN: Stets blendet sich die Geschichte der Malerei davor. Wir sind gar nicht in der Lage, etwas normal zu sehen. Wir sehen alles mit den Augen der Künstler, die vor uns waren und übertreiben oder variieren. Ich sehe alles euphorisch. Dadurch wird Kunst daraus. Der größte Veränderer auf diesem Gebiet war van Gogh, der die Moderne geschaffen hat. Er war kein begnadeter Könner, aber ein begeisterter Mensch, ein Prophet, dem eine Veränderung gelang, die nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist.

LEHMPFUHL: Wir Maler verbinden uns mit der Sichtweise unserer Kollegen. Als ich am Mont St. Victoire in der Provence war, habe ich übermächtig die Gegenwart von Cézanne gespürt, aber nicht so stark, dass ich dort nicht hätte malen können.

Warum braucht der Mensch die Kunst?

FUSSMANN: Das ist die einzige Hoffnung, die wir haben. Dostojewski hat gesagt: Schönheit wird einmal die Menschheit retten. Durch die Kunst können wir kultivierter werden.

LEHMPFUHL: Kunst ist der Versuch, unsere Zeit verständlich zu machen.

Für Sie kann Kunst ein regelrechter Kampf sein, nicht zuletzt mit den Elementen. Was treibt sie nach draußen?

FUSSMANN: Es geht um das Erfassen in der Ekstase, das lässt sich anhand von Fotos im warmen Atelier nicht machen. Man hat mich deshalb schon als späten Impressionisten bezeichnet, aber das stimmt nicht. Vielleicht muss man einen neuen Begriff dafür finden.

LEHMPFUHL: Für meine Kunst habe ich bereits eine Bezeichnung gefunden: haptischer Pleinairismus. Wie wäre es bei dir mit ekstatischem Pleinairismus?

FUSSMANN: Wir Pleinairisten versuchen nicht nur die schöne grüne Wiese und den Apfelbaum zu malen. Es ist immer etwas Gebrochenes dabei.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

Klaus Fußmann, 1938 in Velbert geboren, war von 1974 bis 2005

Professor an der Berliner Hochschule der Künste. Er gilt als

Vertreter der neuen

Gegenständlichkeit und hat sich auch publizistisch immer wieder mit Themen der Malerei

auseinandergesetzt.

Christopher Lehmpfuhl, 1972 in Berlin geboren, studierte von 1992 bis 1998 bei Klaus Fußmann und lehrt selbst seit 2005 an der Berliner Akademie für Malerei. Gegenwärtig zeigt er in der Alten Münze unter dem Titel Berlin Plein Air Arbeiten der vergangenen sieben Jahre (Molkenmarkt 2, bis 23. 12.; tgl. 12–19 Uhr).

Anlässlich der Ausstellung hat Lehmpfuhl

bei DOM Publishers eine Werkmonografie

veröffentlicht, die seine künstlerische Auseinandersetzung mit seiner Heimatstadt zeigt

(456 S., 78 €).

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