Doku über Magnus Carlsen : Freunde fehlen allerdings

Eine Coming-of-Age-Geschichte, vom Wunderkind bis an die Spitze der Schachwelt: Film-Doku über den 25-jährigen Weltmeister Magnus Carlsen.

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Remis gegen Kasparow! Magnus, erst 13, auf dem Weg nach ganz oben.
Remis gegen Kasparow! Magnus, erst 13, auf dem Weg nach ganz oben.Foto: Asker og Bærums Budstikke,Bjerke

Die Hand geht zur Holzfigur, zuckt kurz, funktioniert der Zug überhaupt? Ein Blick in den Zuschauerraum, dort halten sie den Atem an. Dann zieht der kleine Junge im Kapuzenpullover die weiße Dame energisch über das Brett. Der Gegenspieler schaut entgeistert, reibt sich die Augen, schüttelt den Kopf. Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow, für viele der beste Schachspieler aller Zeiten, der sein Gegenüber bis dahin keines Blickes gewürdigt hatte, spielt gegen den Norweger Magnus Carlsen Remis. Nur Remis, gegen einen gerade mal 13-Jährigen.

Das war 2003. Kurz darauf trifft der schüchterne Junge aus Norwegen eine Entscheidung: Wenn ich so gut spielen kann, dann werde ich eines Tages der beste Schachspieler der Welt sein, also Weltmeister. Der Dokumentarfilm „Magnus“ von Benjamin Ree zeigt den rasanten und einzigartigen Aufstieg des heute 25-jährigen Magnus Carlsen. Von vielen Medien als „Mozart des Schachs“ beschrieben, wurde er 2013 tatsächlich Weltmeister. Am Freitag verteidigt er in New York seinen Titel gegen den Russen Sergei Karjakin.

Schach ist keine dankbare Aufgabe für die Kamera

Schachspielen ist eine Kunst. Eine Kunst ist es aber auch, diese Spannung, diese Faszination auf dem engen Raum von 64 Feldern eines Bretts, dieses geistige, äußerlich scheinbar unbewegte Kräftemessen zwischen zwei Menschen auf die Leinwand zu übertragen. Keine dankbare Aufgabe für die Kamera. Daran haben sich Verfilmungen – von der „Schachnovelle“ nach Stefan Zweig über „Lushins Verteidigung“ nach Vladimir Nabokov bis hin zu „Bauernopfer“ über die legendäre, dramatische Reykjaviker WM-Partie 1972 zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer – mit wechselndem Erfolg versucht.

Magnus Carlsen ist ein Schachgenie wie Bobby Fischer , beileibe aber nicht so exzentrisch. Gerade in der Verquickung vom Alltäglichen mit dem Außergewöhnlichen liegt der Reiz dieses Films – nicht nur für Schachnerds. Er gewährt dem Zuschauer mit unveröffentlichten Archivbildern und privaten Aufnahmen erstmals Einblicke in Carlsens Gedankenwelt und begleitet ihn, in der Form einer Coming-of-Age-Geschichte, von der Kindheit bis an die Spitze der Schachwelt: Sein Weg ist geprägt von persönlichen Opfern, außerordentlichen Freundschaften und einer fürsorglichen Familie.

"An Schach denke ich eigentlich immer, im Hinterkopf.“

Was macht so ein Schachweltmeister, wenn er mal nicht Schach spielt? Hat er Freunde? Wie tickt so einer, der von sich behauptet, er könne hundert Züge im Voraus berechnen, wenn er die Zeit dafür hätte; einer, der sich stundenlang Schachaufgaben anschaut und in der Schule noch gemobbt wurde?

Benjamin Ree lässt Carlsens Familie, seine Kontrahenten, vor allem aber Magnus selber zu Wort kommen – Freunde fehlen allerdings –, und er zeichnet dabei, musikalisch leicht überzuckert, das recht schlüssige Bild eines am Ende erstaunlich normal gebliebenen Wunderkinds. Carlsen beim Fußballspielen, Comiclesen, Singen oder Modeln für eine Jeansmarke. Einmal fragt ihn der Regisseur, ob er auch jetzt, während des Interviews, an Schach denke? Ja, sagt Carlsen. „Eigentlich immer, im Hinterkopf.“

Delphi (Sonntagsmatinee), FaF, Kant, Kulturbrauerei; OmU im Rollberg

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