Dokumentation "Himmelverbot" : Bloß raus aus Rumänien!

Die Dokumentation „Himmelverbot“ zeigt die Rückkehr eines verurteilten Mörders in die Gesellschaft, der während des Films immer wieder mit seiner Tat konfrontiert wird.

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Filmemacher Andrei Schwartz (links) und der verurteilte Mörder Gabriel
Filmemacher Andrei Schwartz (links) und der verurteilte Mörder GavrielFoto: w-film

„Dein Zoom reicht höchstens bis zur Salami im nächsten Fenster, meine Kamera hat die beste Optik der Welt. Wenn ich sie richtig halte, kann ich bis in den Himmel sehen...“ Während er dies sagt, steckt Gavriel routiniert einen kleinen Spiegel durch das Zellenfenstergitter eines rumänischen Gefängnisses hinaus und dreht es Richtung Wolken: Eine uralte Knastkulturtechnik zur gegenseitigen Kontaktaufnahme, mit der sich hier ein einzelner Insasse heiter ironisch vor der Kamera selbst inszeniert.

Gavriel Hrieb ist ein schmächtiger Mann mit Chaplin-Statur und -Schnauzbart. Und ein Doppelmörder, der sich nach eigener Schilderung einst aus Zorn zu einem Racheakt an einer Oberstaatsanwältin (und ihrem Ehemann) hinreißen ließ, die ihn als „lausigen Juden“ ungerecht behandelt haben. Zusätzlich umweht von der hehren Aura der Auflehnung gegen einen autoritären Staat wird die Tat dadurch, dass sie noch zu Ceausescu-Zeiten geschah.

Vor zehn Jahren gehörte Gavriel zu den Protagonisten einer Dokumentation des Filmemachers Andrei Schwartz über ein rumänisches Hochsicherheitsgefängnis („Jailbirds – Geschlossene Gesellschaft“). Als der zu lebenslänglicher Haft Verurteilte durch EU-Reformen 2011 nach 21 Jahren Haft auf Bewährung freikam, waren Schwartz und seine Kamerafrau Susanne Schüle wieder dabei – später ergänzt durch Material, das mit Gavriels Handykamera aufgezeichnet wurde.

Nach der Entlassung schlüpft Gavriel mit zehn Euro Entlassungsgeld bei seiner Mutter unter; er nennt sie am Telefon „Chefin“ und sie ihn „mein Küken“. Doch nach dem ersten Wiedersehensglück ist das Verhältnis so kompliziert wie früher, und die Nachbarn aus dem Mietbunker stänkern gegen den „Kriminellen“. Auch Gavriel selbst fremdelt in der kapitalistisch umgekrempelten Welt, wo aus Krämerläden Handyshops wurden und Arbeit sich von der Pflicht für alle zur Rarität verwandelt hat. Die Menschen, sagt er, seien zu Einzelkämpfern geworden. Nicht nur deshalb sehnt sich der Endvierziger in die Geborgenheit der Gefangenengemeinschaft zurück, wo er als „der Jude“ seine feste Rolle hatte und zum Abschied ein kleines, woher auch immer organisiertes Festmahl aufgetischt bekam.

Doch Gavriel widersteht dem Drang zum Rückfall und findet sogar legale Arbeit – in Bayern, wo er als Spüler in einer Großküche und Toiletteneinlasser arbeitet. Schwartz begleitet das Schicksal seines traurigen Helden aus wechselnder Distanz, drängt ihn in direkten Gesprächen auch immer wieder zur Konfrontation mit seiner Tat. Parallel dazu führen seine Recherchen im Justizarchiv zu Erkenntnissen, die Gavriels Version bestenfalls als Lebenslüge dastehen lassen und das Vertrauensverhältnis schwer belasten. Den Film lädt das mit weiterer Spannung auf – und womöglich eröffnet Gavriel dieser erzwungene Blick auf die Vergangenheit auch die Chance zur späten Schulderkenntnis. „Himmelverbot“ lenkt den Blick eindringlich auf ein stolperndes Menschenleben in einem nahen europäischen Land, dessen ökonomisches Machtgefälle beschämende Ungerechtigkeit produziert.

fsk am Oranienplatz, Krokodil (OmU)

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