Kultur : Dunkelkammern der Seele

Warum werden Menschen zu Folterknechten? Woher rührt die Grausamkeit in einer demokratischen Armee? Versuch über den Sadismus

Caroline Fetscher

Im Gepäck moderner Soldaten finden sich nicht nur Waffen, Wasserflaschen und Vitamintabletten. Sondern auch Mobiltelefone, Handynummern und Email-Adressen. Wer aus Kentucky oder Kalifornien die Reise an die Front antritt, will Freunden und Familie so nah sein wie möglich. Also werden Fotos gesendet, innerhalb von Sekunden: „Mom and Dad, hier bin ich vor dem abgerissenen Saddam-Poster.“ Solche Fotos dienen der Abwehr gegen die Unsicherheit der Gegenwart. Sie suspendieren von der Nervosität des Augenblicks.

Eine andere Botschaft vermitteln die „Souvenirbilder“ aus dem Irak, die Gefangene als Statisten sadistischer Inszenierungen vorführen, während sich Wärter, als Regisseure, an der Blöße und Ohnmacht der Opfer ergötzen. Diese Bilder sind nicht gegen die Angst geschossen. Hier toben sich Männer wie Frauen auf verbrecherische Weise an Wehrlosen aus. Dass sie fotografieren, demonstriert ihre Annahme, in einer Sphäre der Straflosigkeit zu agieren. Ohne Scham dokumentieren sie ihre Straftaten.

In Claude Lanzmanns Dokumentarfilm „Shoah“ berichtet ein KZ-Überlebender von einem SS-Mann, der Häftlingen unter der Folter zurief: „Keiner wird euch glauben!“ Von den Foltertrakten totalitärer Militärs gibt es in der Regel keine Zeugnisse, denn noch den Ungebildetesten war klar, was sie taten.

Der Vergleich der jetzt veröffentlichten Irak-Fotos mit solchen aus dem NS-Regime scheint unstatthaft. Und auch gemessen an den Massenmorden durch Saddams Folterregime könnten die Straftaten von Armeeangehörigen der USA und Großbritanniens eher geringfügig wirken. Doch nun geraten Bilder in die Welt, deren Perversion auch im Westen Grauen hervorruft.

Haben also doch alle Menschen das Potenzial zur Grausamkeit? Oder tauchen im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit nur mehr Belege dafür auf? So einfach ist es nicht. Gerade die Tatsache, dass es so etwas wie zivilisatorischen Fortschritt gibt, provoziert die Frage: Wie war das möglich? In dieser wohl spontan produzierten Armee-Pornographie prallen Sphären aufeinander – demokratische Armee, Ex-Diktatur, sexuelle Perversion –, die eine politische Kakophonie verursachen. Woher rührt der Sadismus, von Männern und sogar von Frauen?

Als Sigmund Freud begann, über die Psyche, die Libido und den Sadismus nachzudenken, sagte er, er habe „am Schlaf der Welt gerührt“. Die Existenz des Unbewussten selbst war ein Tabu, das Freud mit energischem Aufklärungswillen brach. Der Seher zwischen den zwei Weltkriegen schrieb 1929 „Das Unbehagen in der Kultur“. Kultur erfordere Nächstenliebe, ja Feindesliebe. Aber wenn der Feind „nur irgendeine Lust damit befriedigen kann, macht er sich nichts daraus, mich zu verspotten, zu beleidigen, zu verleumden, seine Macht an mir zu zeigen, und je sicherer er sich fühlt, je hilfloser ich bin, desto sicherer darf ich dies Benehmen gegen mich von ihm erwarten.“ Freud folgerte, Zivilisation bedeute das Einengen der Triebbefriedigung. Solche Normen verhüteten allerdings das Ärgste – die Regression in infantile Muster, zu grausamem Verhalten.

Freuds Einsichten in die Dunkelkammern der Seele hatten die Gräuel des Nationalsozialismus vorausgeahnt. Die heutigen Gesellschaftswissenschaften eröffnen eine weitere Perspektive: Ihnen gilt der Mensch als lernfähiges, soziales Wesen, das nicht allein Triebschicksalen unterworfen ist. Zwar waren Gewalt und Sadismus gegen Wehrlose in der Antike so bekannt wie im Mittelalter. Dantes Inferno und Giovanni Batista Piranesis „Carceri“ erkundeten als frühe Vorläufer moderner Psychologie die Räume der Verzweiflung und der Grausamkeit. Und aus Bachs Matthäuspassion erklingt der Widerhall auf die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges – Geschichte besteht aus Traumata und deren Echos. Aber die Statistiken von Amnesty International zeigen heute auch: Je nach Gesellschaftssystem trifft das Ausagieren dieser Emotionen auf unterschiedliche Grade von Akzeptanz oder Ächtung.

Traumata und deren Echo bleiben zentrale Schubkräfte für Sinnstiftung und Rebellion. Sie können auch Motor radikalen Fortschritts sein, der sich – wie die Französische Revolution oder die Uno-Charta der Menschenrechte – aus der Reaktion auf das Unerträgliche speist. Das Unerträglichste, erklärt die Charta, seien nicht allein Ungerechtigkeit und Leid, sondern auch vorsätzlich zugefügter Schmerz mit dem Ziel, das Leid eines Anderen zu vergrößern und zu genießen.

Die politisch sanktionierteste Ausprägung des Sadismus kam aus Deutschland und trug den Namen Faschismus. Dem Nationalsozialismus ging es nicht nur darum, „Andere“ zu vernichten. Man entwarf und implementierte ausgeklügelte Lagersysteme der Folter und der Lebensfeindlichkeit. Das Echo dieser Traumata hallt bis heute nach, bis in die dritte Generation. Jürgen Müller-Hohagen, Leiter des Dachauer Instituts für Psychologie und Pädagogik, setzt sich mit den psychischen Folgen des Nationalsozialismus auseinander, seit er „wiederholt merkte, dass in ein und derselben Familie massiver sexueller Missbrauch und NS-Täterschaft vorgekommen waren“. Eine jüngere Frau schrieb ihm, erst als sie von Massenvergewaltigungen als Kriegspraxis in Ex-Jugoslawien gelesen hatte, sei ihr bewusst geworden, dass „solche Kriegssituationen die Schule der Männer gewesen sein müssen, die mir die Kindheit zur Hölle gemacht haben“.

Dennoch sind sexualisierte Gewalt und ihre Verquickung mit dem Politischen noch immer weit gehend Tabu. So sehr sogar, dass einer wie Pierre Richard Prosper, US-Sonderbeauftragter für Kriegsverbrechen, erst kürzlich erklärte, während des Ruanda-Tribunals begriffen zu haben, dass sexuelle Gewalt ein Schwerverbrechen sei. Die Folterbilder aus dem Irak, auf denen auch Frauen als Täterinnen auftreten, sind das Gegenteil eines Bildersturms – ein Sturm der Bilder, der das Zivilisatorische verwüstet. Sie scheinen Freuds Befürchtung plakativ zu bestätigen, dass Ohnmacht niedrigste Instinkte provoziert.

Dennoch sollte darüber nicht vergessen werden, dass auch das Gegenteil verbreitet ist: Empathie, Solidarität und Asylrechte gelten vielen als selbstverständlich. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden jedes Jahr neue demokratische Staaten, die sich einer demokratischen Verfassung und der UN-Menschenrechts- Charta verpflichtet sehen. Diese Systeme haben, von Kanada über Europa bis Neuseeland, normative Kräfte entwickelt, Gewalt und Willkür einzuschränken – anders als autoritäre Regime. Das gilt umso mehr, wenn Soldatinnen und Soldaten einer Demokratie unsägliche Straftaten begehen: Eine Demokratie kann und muss sie ahnden.

Nicht zufällig werden sadistische Verbrechen dort begangen, wo innerhalb der Demokratie extreme Hierarchien existieren – bei Polizei oder Armee wie in Familien. Als strukturell nicht-demokratische Subsysteme entgleiten sie am leichtesten. Hier werden Menschenrechte am ehesten verletzt. In einem Betrieb, wenn er dysfunktional wird und sich Mobbing ausbreitet, in der Armee, wenn ein Szenario zwischen Ohnmacht und Allmacht schwankt oder Söldner neben regulären Soldaten agieren. Und in Familien, in denen Traumata und Tabus über Generationen akkumuliert wurden. Für keinen dieser Bereiche, auch das zeigen die Folterbilder, gilt eine besondere Unschuld von Frauen.

Frauen wie Männer sind am Business mit Kinderpornos beteiligt, Frauen wie Männer misshandelten Häftlinge im Irak. Mütter wie Väter missbrauchen ihre Kinder sexuell. Allein die Methoden variierten – etwa beim Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Mütter, meist selbst Opfer sexueller Gewalt, delegieren den Missbrauch des Kindes an Ärzte, um an qualvollen Behandlungen sadistisch zu partizipieren. Die Gefreite Lynndie England, die im Irak entkleidete Häftlinge quälte und vor ihnen posierte, ist werdende Mutter.

Demokratien müssen sich ohne Scheuklappen mit Machtmissbrauch und Gewalt in ihren Subsystemen befassen. Sie müssen psychologisch denken lernen und das Schweigen brechen. Die Folterfotos der US-Armee machen dies umso dringlicher: Es geht darum, die Bilder aus den Dunkelkammern zu belichten. Auch vor Gericht.

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