Edgar Froese von Tangerine Dream : Er war der Zukunftsmusiker

Mit seiner Band Tangerine Dream gehörte Edgar Froese zu den Gründervätern elektronischer Popmusik. Berühmt wurde die 1967 in West-Berlin gegründete Gruppe zunächst in Großbritannien. Der Klangpionier Froese starb mit 70 Jahren in Wien.

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Edgar Froese von Tangerine Dream.
Edgar Froese (1944 - 2015)Foto: dpa

Die Musik von Tangerine Dream ist als „kosmisch“, als „Trip durch die magischen Kanäle der Elektronik“, gar als „akustische Science Fiction“ beschrieben worden. Entstanden Ende der sechziger Jahre in West-Berlin, als der politische Aufruhr der Studentenbewegung seinen Höhepunkt erreichte, ließ diese Musik das Hier und Jetzt hinter sich und brach ins Utopische auf. Schon Titel wie „Nebulous Dawn“, „Stratosfear“ oder „Sunrise in the Third System“ signalisierten, wohin die Reise gehen sollte: in eine andere, eigene Wirklichkeit. Während auf dem 1970 erschienenen Debütalbum „Electronic Meditation“ die Stücke noch in einer herkömmlichen Bluesrockbesetzung (Schlagzeug, Bass, Gitarre, Orgel) eingespielt worden waren, wurden die Beiträge bald immer länger und abstrakter und nahmen nicht selten komplette LP-Seiten ein. Die Gitarren verschwanden, die Klänge kamen nun aus schrankwandgroßen Moog-Keyboards. Im Deutschland des beginnenden Pop-Zeitalters war das avantgardistisch.

Tangerine Dream, benannt nach der Zeile „tangerine trees and marmalade skies“ aus dem Beatles-Song „Lucy In the Sky With Diamonds“, waren immer von einer spirituellen Aura umweht. Ihre Konzerte glichen mitunter Gottesdiensten. „Aus meiner tiefsten Überzeugung liegen Welt und Menschheit ein Masterplan zugrunde“, hat Edgar Froese, der die Band 1967 gründete, in einem Interview gesagt. „Um meiner Idee einer spirituellen Realität nahe zu sein, brauche ich weder Steinkirchen noch Kanzelexegesen, jeder Mensch sollte in sich selbst eine Suche nach diesen Wahrheiten beginnen.“

Dabei berief Froese sich auf Buddha wie auf Beuys. 1944 im ostpreußischen Tilsit geboren, hatte er an der Berliner Akademie der Künste Malerei und Grafik studiert. Er spielte Gitarre, Geige und Klavier, formierte die Beat-Band The Ones und freundete sich per Zufall mit Salvador Dalí an. Für einige der legendären „happening afternoons“, zu denen sich Künstler, Schriftsteller und Musiker in der Villa des Malers in Port Lligat trafen, lieferte er den Soundtrack. Dalí tanzte und soll begeistert gewesen sein von der „verrotteten religiösen Musik“. Um etwas Neues zu beginnen, dafür, so Froese, sei aber das West-Berlin der späten sechziger Jahre der ideale Ort gewesen.

Den ersten Erfolg hatten Tangerine Dream in Großbritannien und den USA

„Auf einmal war der Gedanke da: Ey, du kannst es doch, also mach’s doch einfach.“ Berühmt geworden sind Tangerine Dream, wie manche andere Krautrock-Band, zunächst in Großbritannien und Amerika. Dabei ist ihre Musik weder so experimentell wie die von Can noch so minimalistisch wie die von Neu! und schon gar nicht so ohrwurmhaft wie die von Kraftwerk. Aber der US-Musikführer „All Music Guide to Electronica“ feierte das Album „Phaedra“ als „eines der wichtigsten Werke in der Geschichte der elektronischen Musik“, und der große DJ John Peel erkor „Atem“ 1973 zu seiner „Platte des Jahres“.

Tangerine Dream war immer das Projekt von Edgar Froese und entwickelte sich in seinen frühen Jahren zum Durchlauferhitzer für Ausnahmetalente der elektronischen Musik. Zu den ehemaligen Mitgliedern gehören der Schlagzeuger Klaus Schulze, Beuys-Schüler Conrad Schnitzler, Steve Jolliffe, Saxofonist der Bluesrockband Steamhammer, und Peter Baumann, Gründer des New-Age-Labels Private Music. Später holte Froese seinen 1970 geborenen Sohn Jerome in die Band, mit dem er oft alleine die Konzerte bestritt. Ihren Erfolg hatten Tangerine Dream auch Richard Branson und seinem Label Virgin zu verdanken, bei dem zehn Jahre lang die Platten der Band herauskamen. „Phaedra“ schaffte es 1974 in die Charts von 14 Ländern, das Titellied zum Schimanski-„Tatort“ „Das Mädchen auf der Treppe“ stieg 1982 in die Top 20 der deutschen Singlecharts auf. Edgar Froese veröffentlichte mit Tangerine Dream rund fünfzig Alben, seit 1973 kamen auch Soloplatten von ihm heraus. Tangerine Dream waren 1980 die erste West-Band, die in der DDR auftreten durfte. Warum? "Weil wir keine Texte hatten", vermutete Froese.

„Meine Musik ist wie Homöopathie“, hat Froese gesagt. „Der Klang ist mein Botenstoff. Er will nur anstoßen, um das auszulösen, was das Individuum an Möglichkeiten besitzt.“ Edgar Froese ist am Dienstag, wie jetzt bekannt wurde, mit 70 Jahren in seiner Wahlheimat Wien gestorben. Er erlag einer Lungenembolie. „Edgar hat einmal gesagt: Es gibt keinen Tod, nur einen Wechsel unserer kosmischen Adresse“, schreibt die Band auf ihrer Website. „Das tröstet uns ein bisschen.“

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