• Eigentümlichkeiten der Sprache - die Einsichten des Erzählers Georges-Arthur Goldschmidt

Kultur : Eigentümlichkeiten der Sprache - die Einsichten des Erzählers Georges-Arthur Goldschmidt

Wilfried F. Schoeller

Eine Kindheit der Verlassenheit und Lebensgefahr, der Züchtigungsrituale, des Erwachens von Sexualität - so lassen sich die erzählenden Bücher von Georges-Arthur Goldschmidt charakterisieren. Es ist sein eigener Fall, den er beschrieb: die Geschichte eines zehnjährigen jüdischen Jungen aus Hamburg, der weg muss aus der großbürgerlichen Atmosphäre, dem geliebten Garten; eines Waisenkinds, das in einem französischen Internat aufbewahrt und drangsaliert wird, vor den Nazis gerettet, körperlich gepeinigt, sexuell missbraucht wird. In mehren Büchern hat Goldschmidt von diesen Zerreißproben erzählt, mit obsessivem Erinnerungswillen den Bezirk der Einsamkeit, Scham, Peinigung, erotischer Selbstversunkenheit und Icherschaffung aufgesucht. In jedem der Texte wird Autobiografie angestrebt, keiner trägt diese Bezeichnung. Sie sind "Roman" oder "Erzählung" benannt. Diese Selbsterlebensbeschreibung sammelt sich im Innenraum des Erlebens, ist als komplexe Übersetzung zu verstehen.

Goldschmidt, der als Deutschlehrer in Paris gearbeitet und vieles von Handke ins Französische übertragen hat, begnügte sich nicht, sein Geschick als ein symptomatisches aufzudecken. Ihn charakterisiert der Wunsch, die Erkundung des jugendlichen Ichs als Akt der Entblößung in einen Kontext zu stellen. Mit einem Begleitchor aus Stimmen von Rousseau bis Lacan erweiterte er diese Suche nach der symbolischen Existenz des gedemütigten Ichs ins Philosophische. Der Essay "Der bestrafte Narziß" verstand sich als Exerzitium über die Verfehlungen der Pädagogen, die widersprüchliche Natur des Strafens, den Lustrausch der Unterwerfung. Goldschmidt gab den Opfern einen eigenwilligen Wert des Ich-Bewusstseins zurück. Das erinnerte an die im Leiden verzückten Märtyrer der Altarbilder. Ein Akt stolzer Willkür: dass sich einer, der vor allem ein Geschundener war, in die alten Geschichten von der Selbsterhöhung der Dulder hineingeschrieben hat.

Zu seinem Eigenen kam er durch das Übersetzen, zu einer Sprache, die seine Prosa erst ermöglichte. In seiner Dankrede auf den kürzlich erhaltenen Börne-Preis sprach er "Vom Überleben und danach", erinnerte an das Personal, das es ihm ermöglichte: "eine Internatsleiterin, ein Gendarm, ein katholischer Priester und zwei Bauern aus den französischen Alpen". Er redete vom Öffnen der Augen durch die ständige Lebensfurcht: "Man weiß von diesem Augenblick an, dass man der Sprache nicht trauen kann, da doch mittels ihrer entschieden wird, dass es einen nicht geben durfte, und doch hörte man in der anderen Sprache die Worte des Widerstands und der Rettung."

Eigentümlich eingelagert in die erzählende Prosa ist der Essay "Als Freud das Meer sah". Er fasst die meditativen Einsichten des Übersetzers zusammen. Diese Tätigkeit ist für Goldschmidt ein Neudenken des gleichen Textes in anderer Verfassung und ein Sich-Selbst-gewahr-Werden in der Differenz: "Das Deutsche kommt dem unmittelbaren Verstehen anscheinend viel mehr entgegen als das Französische, welches viel verschleierter und mittelbarer, auf ganz anderen Wegen die Sachen zum Ausdruck bringt." Goldschmidt kam auf das Projekt, den Franzosen die Eigentümlichkeiten der deutschen Sprache zu erklären, als französische Psychoanalytiker Freuds Text "Die Verneinung" übersetzen wollen und darüber in Diskussionen gerieten. Für ihn wurden Freuds Begriffe zum Passagiergut zwischen beiden Sprachen, erfuhren Wörter wie das Unbewusste, Verdrängung, Wiederholung, Wahn und Begierden eine Umwertung als Verständnisschlüssel für die Sprache. Das Deutsche hat Freud die Erkundungen des Inneren ermöglicht, hat ihm die Verstehenswörter zugespielt: "Unermüdlich schwappt Wasser um die Pfosten, es kommt und geht, steigt und fällt, dieses Flüssige, aus dem die Sprache entsteht; See und Sprache sind so eng verwandt, dass im Deutschen sogar die Seele, die bei Freud eine so große Rolle spielt, aus dem Wasser kommt."

Sprache ist für Goldschmidt kaum das Instrument des Sprechers. Man kann sie nicht lernen, sie kommt "auf anderen Wegen zu einem". Sie ist größer als die Person, die sie spricht, "jedenfalls ein Körper, der einen umgibt". Dieser Essay ist auch das Zeugnis einer magischen Besetzung durch die Sprache, der Eroberung durch Klang, Sinn, Architektur und Rätsel der fremden Wörter. Die Urkunde einer romantischen Vorstellung vom beseelten Organismus. Die eine Sprache für das eine, die andere für das andere. Eine Differenz fiel in seiner autobiografischen Prosa auf, als er nach zwei Romanen auf Französisch die Erzählung "Die Absonderung" auf Deutsch schrieb. Im Prozess des Bilderfindens gab es eigentümliche Verschiebungen durch den unterschiedlichen Sprachbau. Im Medium der Psychoanalyse spürt er ihnen nach. Sein Essay handelt auch vom Zwischenraum, den die Sprachen beim Übersetzen zueinander lassen, vom hörbaren Schweigen: "Je weniger sich ein Wort oder ein Satz übersetzen lassen, desto mehr drängen sie zum Übersetztwerden, so, als ob gerade die Sprache am deutlichsten zu hören wäre, wo sie eben schweigen muss."



Goldschmidt ist Enthusiast dessen, was Sprache macht: Bilder anbieten, Geheimnisse offenbaren, Bedeutungen in einem Wort übereinander legen, Seele zum Sprechen bringen. Er kann sich zu einer Lobrede auf die Vorsilbe ver verstehen, rühmt den Klartext, der seit Freud in die deutsche Sprache eingedrungen sei. Er ist ein detektivischer Etymologe auf den geraden Wegen der Wortbildung, auf den Abwegen des spekulativen Raunens. Sein einzigartiger Versuch: Sprachwahrnehmung als Verzauberungskunde.Georges-Arthur Goldschmidt: Als Freud das Meer sah. Freud und die deutsche Sprache. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Ammann Verlag, Zürich 1999. 184 S. , 38 DM.

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