Ein Gespräch mit Renzo Piano : Die Stadt, die Häuser, die Zivilisation

"Schönheit macht die Menschen besser": Ein Gespräch mit dem italienischen Star-Architekten Renzo Piano.

„Als Architekt muss man Irritationen akzeptieren“. Renzo Piano.
„Als Architekt muss man Irritationen akzeptieren“. Renzo Piano.Foto: L. Nukari/dpa

In Paris entsteht derzeit der neue, 160 Meter hohe Justizpalast an der Porte de Clichy nach Entwurf von Renzo Piano (78). Das Architekturmuseum „Cité de l’architecture et du patrimoine“ zeigt parallel eine Ausstellung von fünfzehn Projekten des Architekten und seines „Renzo Piano Building Workshop“. Bei dieser Gelegenheit erläuterte der Genueser Architekt die Grundzüge seiner Arbeit. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen das Centre Pompidou in Paris (mit Richard Rogers, eröffnet 1977), das Quartier am Potsdamer Platz in Berlin (2000) und das 310 Meter hohe „The Shard“ in London (2014).

Herr Piano, was kennzeichnet ein Gebäude von Ihrer Hand? Nach so vielen Projekten lässt sich immer weniger erkennen, was ein typisches Piano-Gebäude ist.
Es gefällt mir, was Sie da sagen (lacht). Denn die wirkliche Falle für einen Architekten ab einem bestimmten Zeitpunkt seiner Karriere ist es, in einem bestimmten Stil gefangen zu sein. Ich habe nichts gegen erkennbaren Stil, wenn Sie damit Kohärenz meinen, eine bestimmte architektonische Sprache. Ich habe jedoch sehr viel gegen Stil als Marke, als etwas, das mit kommerziellem Erfolg verbunden ist. Das ist das Gegenteil der Freiheit, die man als Architekt braucht.

Aber viele Bauherren wollen das Markenzeichen, wollen einen Gehry oder Piano...
Es ist normal, dass Erfolg in eine Falle lockt, und dann ist man mehr und mehr damit beschäftigt, den Erfolg beizubehalten. Wenn man jung ist, kümmert einen das nicht, denn man hat nichts zu verlieren, und dann macht man Dinge aus dem Instinkt heraus, aus Großzügigkeit und Offenheit. Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist, dass man damit aufhört, weil man seinen Erfolg stabilisieren will. Für mich ist das beste Gegengift, Gebäude so zu entwerfen, wie sie sein sollten, und mich auf das Abenteuer einzulassen, ganz unterschiedlich zu arbeiten. Man kann selbstverständlich an bestimmten Themen festhalten, etwa, wie das Licht sein sollte, aber am Ende muss man akzeptieren, dass Gebäude unterschiedlich sind.

"Teamarbeit ist einfach kreativer"

Zu Beginn ihrer Praxis waren Sie sehr technizistisch orientiert.
Wenn man als Architekt das Glück hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, wird man Zeuge des Wandels. Nehmen Sie das Centre Pompidou in Paris: Der Wettbewerb fand 1971 statt, nur drei Jahre nach ’68. Nicht dass wir, Richard Rogers und ich, junge Leute damals, die Welt verändert hätten – sondern die Welt veränderte sich, und jemand musste das Bauprojekt machen. Jemand musste rebellieren und mit der Vorstellung aufräumen, wie ein Kulturbau zu sein hatte, furchteinflößend und abwehrend. Jemand musste es tun!

Paris steht am Anfang Ihrer Laufbahn ...
... und jetzt arbeite ich wieder in Paris, beim Entwurf für den neuen Justizpalast. Auch da sind wir Zeugen des Wandels. Die Stadt hat entschieden, dieses Gebäude nicht im Zentrum anzusiedeln. Sie will das Problem der Banlieue vermittels öffentlicher Gebäude lösen. Das bedeutet eine Verschiebung in der Geschichte der Stadt. Daher steht das Gebäude am Rand des ,Grand Paris’ und am Anfang der Banlieue ringsum. Auch das kleine Hospital, das ich in Uganda gebaut habe, zeigt einen solchen Wandel an – nämlich, dass man Exzellenz auch mit traditionellen Mitteln wie Lehm erzielen kann.

Das sind allerdings sehr unterschiedliche Bauaufgaben.
Gewiss, denn wie können Gebäude immer gleich sein? Sie mögen verbunden sein durch übergreifende Werte, wie etwa dem Bestreben, öffentliche Plätze zu schaffen, an denen Menschen ihre Wertvorstellungen miteinander teilen. Sie sind verbunden durch denselben Zugang zu den unterschiedlichen Aufgaben.

In der Präsentation Ihrer Projekte treten Sie stets hinter das Team zurück.
Teamarbeit ist einfach kreativer. Wir sind 150 Mitarbeiter im Büro, und mit vielen arbeite ich seit 30, 40 Jahren zusammen.

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