Kultur : Ein Land, wo Apfelsinen blühten

90 Jahre später: Der Völkermord an den Armeniern ist in der Türkei bis heute ein Tabu. Für andere ist er Familiengeschichte. Zwei Armenierinnen erzählen.

Kerstin Decker

Ich bin der Märchenerzähler in deinem Kopf. Nenne mich Meddah.“ Der Mann mit dem Märchenerzähler im Kopf heißt Thovma Kathisian und ist ein alter Armenier, der bald sterben wird. Und der Meddah sagt ihm, dass ein allerletzter Gedanke sich in ihm versteckt hält. Warum?, fragt der alte Armenier den Märchenerzähler in seinem Kopf. „Das ist doch ganz einfach“, antwortet der Meddah, „der hatte sich dort versteckt, um mit dem letzten Angstschrei ins Freie zu segeln … durch deinen sperrweit aufgerissenen Mund.“

So beginnt „Das Märchen vom letzten Gedanken“ von Edgar Hilsenrath. 1989 hat Hilsenrath diesen Armenien-Roman geschrieben. Es ist ein Buch über den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. 1915/16 brachten Türken über eine Million türkische Armenier um. Dieser Völkermord machte Hitler so zuversichtlich: Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?, fragte er schon 1939. Je größer das Verbrechen, desto unrichtbarer, desto unsühnbarer ist es auch. Glaubte Hitler. Die Täter wurden nie bestraft, wusste er. In der Türkei ist es bis heute besser, man redet nicht davon. Oder man riskiert, sich vor einem türkischen Gericht verantworten zu müssen, wie gerade der Schriftsteller Orhan Pamuk. „Wegen grundloser Vorwürfe gegen die türkische Identität, das türkische Militär und die Türkei als Ganzes.“ Es gäbe in der ganzen Geschichte der Türkei kein Kapitel, für das wir uns schämen müssten, erklärte kürzlich Ministerpräsident Erdogan. Wahrscheinlich hat er das Buch „Der Völkermord an den Armeniern 1915/16“ noch nicht gelesen. Wolfgang Gust hat Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes herausgegeben. Gusts Dokumentensammlung ist ein Buch des Todes. Hilsenraths „Märchen vom letzten Gedanken“ ist ein Buch des Lebens. Obwohl es von nichts anderem handelt als vom Tod.

Der Meddah nimmt den sterbenden Armenier mit nach Hayastan, in das Land seiner Vorfahren am Fuß des Berges Ararat. Denn der alte Armenier will am Ende seines Lebens wissen, wie er auf die Welt kam. Der Meddah zeigt Thovma Kathisian eine staubige türkische Landstraße im August 1915, auf der tausende Armenier unter den Peitschenhieben der türkischen Gendarmen in Richtung Mesopotamien taumeln. Es wird sehr schnell dunkel hier, denn jeden Abend fangen die Kurden in den Bergen die Sonne mit einem Strick aus schwarzem Ziegenhaar und verstecken sie in einem großen Zelt. Eine von den Frauen auf der Landstraße nach Mesopotamien ist Kathisians Mutter. „Sie hatte gar kein Gesicht. Sie hatte nur noch Augen… Die Spiegelaugen einer Schwangeren. Große Augen, die widerspiegelten, was sie in ihrem Schoß trug, denn mitten im Augenspiegel saß der kleine, ungeborene Thovma Kathisian und winkte.“

Jeanette Spassova, Schauspielerin an der Berliner Volksbühne, kam 1989 aus Bulgarien nach Berlin, als Hilsenrath gerade sein bestes Buch fertig hatte. Sie war eine der letzten, die ordnungsgemäß die Grenze von Ost- nach West-Berlin überquerten. Am 9. November 1989 abends um 18 Uhr. Sie wollte zu einem Gastspiel am Hebbel-Theater. Jeanette Spassovas Mutter ist Armenierin, ihr Vater ist Bulgare. Wie viele Armenier hat sie das Land ihrer Vorfahren nie gesehen. Schon ihre Mutter wurde in Bulgarien geboren.

Durch die großen Fenster ihres Berliner Zimmers in Mitte fällt die Nachmittagssonne, in den Händen hält sie ein vergilbtes, an den Ecken geknicktes Schwarz-Weiß-Foto. Es ist von 1916. Dieses Foto ist das Einzige, was übrig ist von ihrer Familie. Links vorn steht ein kleines Mädchen vor ihren beiden Tanten. Das ist Jeanette Spassovas Großmutter. Man sieht ihr das Jahr im Keller nicht an. Ein Jahr lang lebten sie schon versteckt bei einer türkischen Familie. Noch ein Jahr mussten sie dort bleiben.

Alles, was Jeanette Spassova weiß von ihren Vorfahren, hat ihr die Großmutter erzählt. Sechs Schwestern wohnen in einem großen Haus inmitten von Orangenhainen am Marmarameer. Eines Abends bekommen sie die Nachricht, dass sie ihr Haus verlassen müssen. Am nächsten Morgen brechen die sechs Schwestern mit ihren sechs Männern und den Kindern auf. Eine der Schwestern ist hochschwanger. Bei Hilsenrath blickte das Ungeborene aus den Augen seiner Mutter „auf die langen Reihen der Frauen, Kinder und Greise“ und fragte: „Wohin gehen alle diese komischen Leute? Warum scheint die Sonne, wenn niemand lacht? … Und warum bleibt meine Mutter jetzt stehen? Und warum geht sie plötzlich in die Knie? Pass auf, Mutter! Sei vorsichtig, denn du könntest mich aus den Augen verlieren!“ Das Ungeborene verschwindet langsam aus dem Spiegel der Augen, zieht sich tief zurück in den Schoß seiner Mutter und kommt in einem Straßengraben zur Welt. Jeanette Spassovas Großmutter erlebte eine andere Geschichte. Drei Schwestern mit ihren Familien bleiben weit zurück, denn die hochschwangere Frau kann nicht schneller laufen. Sie entbindet im Keller des Hauses einer türkischen Familie in Konya.

Alle drei Familien leben nun in diesem Keller, Jeanette Spassovas Großmutter ist das Kind einer der Schwestern, das Neugeborene ist ihr Cousin oder ihre Cousine. Ob es ein Mädchen war oder ein Junge, weiß die Enkelin nicht. Nur den Namen. Aksoritsch. Aksor heißt auf Armenisch Verbannung. Aksoritsch ist der Verbannte. Aksoritsch stirbt bald, aber die drei Familien bleiben im Keller, zwei Jahre lang. Und jeden Tag, so weiß es die Großmutter, geben sie ihren Rettern ein Goldstück. Sie waren sehr wohlhabend in dem großen Haus am Marmarameer. Wahrscheinlich, sagt Jeanette Spassova, hat ihnen ihr Geld das Leben gerettet. Trotzdem, die Goldstücke haben nicht zwei Jahre lang gereicht. Und es war gefährlich, Armenier zu verstecken.

Zwar nahmen sie oft armenische Kinder auf und machten muslimische Diener aus ihnen oder zogen sie wie eigene auf. Frauen hatten ebenfalls Chancen zu überleben. Die Gendarmen verkauften sie an Kurdenstämme oder in türkische Harems. Man trennte Frauen und Kinder meist gleich zu Beginn von ihren Männern. Dass ganze Trecks mit Hunderten von Frauen nackt marschieren mussten, natürlich auch durch die Dörfer, war noch das Wenigste. Alles, was Menschen Menschen antun können, ist dokumentiert und füllt die 700 Seiten in Gusts Buch. Wie viele Männer mit verbrannten Köpfen man fand, wie viele Frauen mit aufgeschlitzten Bäuchen in den Schluchten lagen. Man könnte beinahe von einem befremdlichen Hang zum Detail reden, aber der Sinn dieser Augenzeugenberichte (oft von christlichen Missionsstationen) war ja, die deutsche Regierung zu bewegen, gegen dieses Morden einzuschreiten.

Seit 1908 herrschten die Jungtürken im niedergehenden Osmanischen Reich. Sie kamen als Retter und meist aus dem französischen Exil. Von der Pariser Zeitschrift „La Jeune Turquie“ hatten sie den Namen. Das Rezept hieß: Modernisierung nach westlichem Vorbild. Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts waren die Deutschen die Hauptmodernisierer in der Türkei gewesen. Wirtschaftlich und militärisch. Der Berliner Botschafter in Konstantinopel, Paul Graf Wolff-Metternich, fasste das so zusammen: „Was sie (die Türken) leisten, ist unser Werk, (sind) unsere Offiziere, unsere Geschütze, unser Geld … ohne unsere Hilfe fällt der geblähte Frosch in sich zusammen.“

Was wie westliche Arroganz klingt, war in Wirklichkeit der Aufruf an das Vaterland, den Türken jede Hilfe zu versagen. Es war die realistische Einschätzung, dass 1915 nur noch ein einziges Land den Völkermord verhindern konnte: Deutschland. Und in der Tat kam Antwort aus Berlin. Der Botschafter wurde abberufen. Schließlich waren es deutsche Strategen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg in den Armeniern eine große strategische Bedrohung für den potenziellen Bündnispartner Türkei sahen. Gerade, wenn es einmal gegen Russland gehen sollte. Schließlich wohnten die Armenier, Christen wie die Russen, zu beiden Seiten der Grenze, in Russland und im Osmanischen Reich. Die Armenier waren das erste (Staats-)Volk, das das Christentum annahm, noch vor den Römern.

Dass jemand schon immer irgendwo war, heißt nicht, dass er da auch bleiben kann. Der preußische General Colmar von der Goltz (von den Türken auch Goltz-Pascha genannt), empfahl schon vor dem Krieg eine große Deportation der Armenier in die Wüste Mesopotamiens. Dabei wollten die Jungtürken anfangs den Armeniern größere Autonomie einräumen, überhaupt war das Osmanische Reich tolerant gegenüber seinen religiösen Minderheiten. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts verloren sie fast den letzten Rest Europas. Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Kreta. Und wenn der russische Zar ihnen von der anderen Seite auch noch Anatolien abnehmen würde – mit Hilfe der Armenier dort? Akut schrumpfende Großreiche neigen zur Neurose. Und da, wo das Siedlungsgebiet der Armenier aufhörte, fingen die Turkvölker schließlich wieder an. In Dagestan, Turkestan und Aserbaidschan. Nur die Armenier standen wie ein fremder Volksriegel dazwischen.

Modernsein bedeutet, die Vergangenheit zu entmachten und die Dinge im Großen anzugehen. Planmäßigkeit ersetzt die Spontaneität. Damit hatte die Aufklärung nicht gerechnet. Der Genozid an den Armeniern war ein modern-archaischer Völkermord. Modern war seine Vorsätzlichkeit, seine Planung. Archaisch war seine Ausführung. Daher aber auch die Möglichkeit zu entkommen, selbst für die, die wie Jeanette Spassovas Familie schon mit den großen Trecks unterwegs waren. Diese Todesmaschine war noch unvollkommen. Die drei Familien verließen den Keller nach zwei Jahren, als sie hörten, jetzt würde ihnen nichts mehr passieren. Sie gingen den ganzen Weg wieder zurück, ihr Haus stand immer noch am Meer unter den Orangenhainen, nur war es ausgeplündert und eine bettelarme türkische Familie lebte jetzt darin. Ihre Schafe, Ziegen und Hühner liefen von Zimmer zu Zimmer. Die Tiere mussten ausziehen, die drei Schwestern wohnten wieder in ihrem alten Haus. Was aus den anderen dreien, ihren Männern und Kindern geworden war, wussten sie noch nicht. 1918, nach fast einem Jahr, sagte man ihnen, dass sie wegmüssten, sofort, oder sie würden verhaftet. Eine allerletzteSzene zu Hause hat sich dem Kind, das Jeanette Spassovas Großmutter war, eingebrannt. Wie sie noch etwas von der Wand nehmen wollte, ein Bild oder ein Spielzeug, aber ihre Mutter riss sie fort. Diesmal gingen sie nach Bulgarien. In ein christliches Land.

In den 90er Jahren flog Jeanette Spassova in die USA. Wildfremde Menschen nahmen sie auf, als hätte sie schon immer dazugehört. Und irgendwie, dachte Jeanette Spassova, stimmt das auch. Es waren die Kinder und Kindeskinder der drei Schwestern, die 1915 vorangegangen waren. Sie hatten es bis in den Libanon geschafft und sind später in die USA ausgewandert. Jeanette Spassova hat Armenisch von ihrer Großmutter gelernt. Altarmenisch. Viele Armenier verstehen das nicht mehr.

Vivian Cholewa schon. Sie wohnt in Naumburg an der Saale und spricht außerdem Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch. Vivian Cholewa ist Anfang 30, ihre Familie hat Armenien bereits 1908 verlassen. Der Großvater kam als kleiner Junge nach Palästina.

Alles, was Vivian Cholewa vom Leben ihrer Vorfahren in Armenien weiß, klingt ungefähr so wie bei Jeanette Spassova. Da war ein großes schönes Haus, und wir haben unter Bäumen gesessen. Auch Vivian Cholewas Familie ist vor Pogromen geflüchtet. Zwischen 1894 und 1896 waren die Armenier im Reich des türkischen Sultans Abdul Hamid einer ganzen Serie von Massakern ausgesetzt. Das deutsche Auswärtige Amt befand dazu, dass es nicht Aufgabe der deutschen Politik sein könne, „sich um die Christen in der ganzen Welt zu kümmern“. Und Bismarck hatte bereits erklärt, dass keines der Völker des Osmanischen Reichs „die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert“ sei. Kaiser Wilhelm II. wies die Bitte des armenischen Patriarchen Malakia Ormanian ab, gegen die Verfolgung der Armenier zu intervenieren. 1909 erreichte eine weitere Serie von Pogromen ihren Höhepunkt.

Vivians Urgroßvater baute wieder ein schönes, großes Haus, diesmal in Haifa, direkt am Meer. Das Haus in Haifa hatte einen großen Bunker. Das Verfolgtsein wird Architektur. In diesem Haus am Meer ist Vivian Cholewa aufgewachsen. Damals hieß sie noch Vivian Demergian. Der Wortstamm ist türkisch und bedeutet Eisen. Die Demergians waren eine Familie von Kunstschmieden. Früher gab es in Haifa ein armenisches Dorf und eine armenische Schule. Als Vivian zur Schule kam, gab es diese armenische Schule nicht mehr. Zu wenig Schüler. Auch Jeanette Spassova konnte in Bulgarien nicht mehr auf die armenische Schule gehen wie noch ihre Mutter. Sie besuchte eine deutsche Schule in Sofia, Vivian Cholewa ging auf eine jüdische Schule in Haifa. Draußen könnt ihr sprechen, was ihr wollt, aber zu Hause, sagte ihr Vater, will ich nur Armenisch hören. Altarmenisch, so wie der Vater, selbst schon in Palästina geboren, es von seinem Vater lernte. Bei Jeanette Spassova war das unmöglich, immerhin war ihr Vater Bulgare. Nur mit der Großmutter hat sie immer Armenisch gesprochen.

Dass die Sprache überlebt, dafür hatte Vivians Vater gesorgt. Er selbst fand seine armenische Frau in Bethlehem. Vivian hat elf Geschwister. Dass sie auch Armenier heiraten würden, war ihren Eltern selbstverständlich. Aber dann wollte die erste Schwester einen Juden, die zweite gar einen Araber. So kann das unmöglich weitergehen, beschlossen Vater und Mutter. Vivian war schon lange aufgefallen, dass sie erstaunlich oft nach Jerusalem fuhren. In Jerusalem leben noch mehr Armenier als Haifa. Und dann eröffnete ihre Mutter Vivian feierlich, dass schon bald ihre Verlobung stattfinden würde. Wessen Verlobung?, fragte Vivian zurück. Sie hatte einen arabischen Freund, aber das konnte sie ihrer Mutter nicht sagen. Also verschwand Vivian kurz vor der Verlobung zu einer Freundin nach Westjerusalem und war unauffindbar.

Als die Eltern sie mit der Polizei suchen lassen wollten, riefen die Geschwister an. Vivian musste zurückkommen, denn ihr Vermissten-Foto in allen Zeitungen – das ging zu weit. Die Verlobung fand statt. Mit Bussen kamen die Armenier aus Jerusalem, Vivian schien es, als reise die ganze armenische Gemeinde von Jerusalem an. Und dann sah sie auch – Überraschung! – den Mann, der künftig ihrer sein sollte. Er ist 24 und sieht aus wie 35, war ihr erster Gedanke. Sie war gerade 18. Vielleicht, dachte Vivian, muss ich ihn erst kennen lernen. Am Abend war sie verlobt. Und dann saß jeden Tag ein fremder Mann auf ihrem Sofa, wenn die junge Hotelfachfrau von der Arbeit kam, und sah immer noch aus wie 35. Eine dramatische Entlobung fand statt. Kurz darauf lernte sie diesen deutschen Steinmetz namens Cholewa aus Naumburg kennen.

Seit fast zehn Jahren lebt sie schon in Naumburg. Vivian Cholewa hat zwei Kinder. Johanna-Lucien und Vincent-Levon. Lucien heißt auf Armenisch „der Mond“ und Levon ist der Name eines armenischen „starken Königs“ in einer Geschichte, die Vivians Vater in Haifa seinem Enkel schon oft erzählt hat. Auf Altarmenisch. Die Naumburger Kinder, die jedes Jahr bei ihren Großeltern in Haifa sind, verstehen das Altarmenisch ihres Großvaters.

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