Kultur : Eine Vorsicht aus Liebe

Sie ist 40, fünffache Mutter und war noch nie beim Film. In Max Färberböcks „September“spielt Catharina Schuchmann gleich eine Glanzrolle – eine der leisen Art

Jan Schulz-Ojala

Also, im Film ist sie ja blond. Bis auf ihre letzte Szene: Da hat sie ihr Kind vom Klavierunterricht abzuholen vergessen und sich statt dessen die Haare schwarz färben lassen und irrt im strömenden Regen dem Büro ihres Mannes entgegen, eine Verwirrte, eine Verlorene. Ob sie jetzt, zum Gespräch, vielleicht mit rotem Haar erscheint, weil das Drehbuch zum nächsten Film es so will? Ach, frag sie einfach nach ihrer natürlichen Haarfarbe.

„Gucken Sie hier“, sagt Catharina Schuchmann und senkt den Kopf, denn sie ist auf den ersten Blick mit dem Blond erschienen, das du aus dem Film erinnerst, „der Ansatz, das ist mein richtiges Haar. Ich kann’s kaum erwarten, dass es wieder so wird. Ich bin nämlich ziemlich grau.“ Und dann erzählt sie, wie sie ihr graues Haar für den Film erst hat blond tönen lassen müssen, dann dunkel färben und dann nochmal zurückfärben, für Fotos, ins Blond. Nun wächst auch das wieder raus. „Das war alles ein bisschen strapaziös fürs Haar.“

Spricht so eine Schauspielerin? Reden Schauspielerinnen in Interviews über Haarfärbeprobleme, ja, bekennen sie sich, gerade 40 geworden, zu ihrem Älterwerden, indem sie einem fröhlich den grauen Haaransatz zeigen? Nein, so sind gewöhnliche Schauspielerinnen gewöhnlich nicht. Sie sprechen gewöhnlich gerne über vieles, nicht aber über graue Haare. Und als hätte sie deine Gedanken erraten, sagt Catharina Schuchmann: „Ich bin keine Schauspielerin.“ Und es ist ja richtig, Catharina Schuchmann hat – bis zu Max Färberböcks „September“, der diese Woche ins Kino kommt – noch nie vor einer Filmkamera gestanden. Und nun spielt sie in diesem Film ganz leise alle an die Wand.

Du erinnerst dich an ihre erste Szene, Julia heißt sie im Film, an ihr leer gewordenes, trauriges Gesicht. Sie hat den Kindergeburtstag nicht abgebrochen an jenem 11. September, mit dem der Film beginnt, und dann kommt ihr Mann spät nach Hause, ein Investmentbanker, zu spät für sein Geburtstagskind. Sie lebt in Scheidung, aber wahrhaben will sie es nicht. Mal dreht sie sich weg von der Anwältin, die ihr ins Gewissen redet, mal zerrupft sie grundlos die Blüten fein arrangierter Schnittblumen, mal sitzt sie im Restaurant wie abwesend ihrem Mann gegenüber und sieht in ihrem weißen Kleidchen aus, als hätte sie ein Totenleibchen übergestreift. Diese Szenen: alle atemberaubend. Das Paar redet und redet nicht. Und irgendwann bricht sie zusammen, draußen vor dem Bürohaus ihres Mannes, zeigt diesem fremdgewordenen Mann, der sie hilflos wieder zu lieben beginnt, ihr frischgefärbtes, frisch regenverheultes Haar.

Das alles hast du nicht vergessen können, und deswegen bist du hier, Café Einstein, Sommergarten, und sitzt diesem klaren, frohen, klugen Gesicht gegenüber, das kein Gesicht einer Schauspielerin sein will. Und stellst die naheliegendste Frage. Ganz einfach war das, erzählt sie: Ihre Schwester sei sehr gut mit Max Färberböcks Frau befreundet, und eines Tages hätte sie diesen Max, den sie nur „extrem flüchtig“ kannte, mal anrufen sollen. Und sie hat ihm nur gesagt: „Wenn du glaubst, dass ich das kann?“

Ein kleines Wunder also – aber deswegen leben wir ja. Catharina Schuchmann selber ist durch dieses Wunder, das ihr da jemand antat, glücklich verwundert hindurchgegangen. Sie hat die Dreharbeiten genossen, arglos und auch nicht beargwöhnt, findet sie, „ich bin Laie, ich hab mich ja nicht gedrängt“. Und jetzt geht sie durch eine neue, fremde Welt zum Beispiel von Teampremieren, Drehbuchlesungen, ersten Interviews auch mit Leuten wie dir, und das alles absolviert sie frei und souverän, als wäre sie, tja, eine Schauspielerin. Also stellst du die zweite logische Frage, die Was-denn-dann-Frage.

Magister in Sinologie

„Ich habe Sinologie studiert“, sagt sie knapp und klar, und den Magister hat sie auch gemacht. Nun, ein rechtes Berufsziel sei mit den China-Wissenschaften nicht wirklich verbunden gewesen, nur die Gewissheit, dass man damit schon etwas hätte anfangen können. Aber bei der Prüfung war ihr ältester Sohn schon zehn Monate alt, erinnert sie sich, und während der Vorbereitung darauf fehlte ihr sehr die Zeit für das Kind. Also wurde Catharina Schuchmann hauptberuflich Mutter und Reedersgattin – „wir führen ein großzügiges, aber keineswegs prassendes Leben“ – und zieht inzwischen fünf Kinder groß: eine Tochter und vier Jungs.

Fünfzehn Jahre lang Haushalt, und nun plötzlich dieser Film: Sie nennt es „eine unglaubliche Bereicherung“. Die großen Kinder haben „September“ inzwischen bei einer Teamvorführung gesehen, und die Frau auf der Leinwand haben sie kaum wiedererkannt. Eines sagte sogar, bei der Verzweiflungsszene im Regen hätten die Maskenbildner bestimmt viel Arbeit gehabt. Sie entwickelt ein wunderbar lachfaltenreiches Lachen, als sie an diese Kinderbeobachtung denkt: „Hässlich kann ich selber.“

Die Familie ist der ausgewiesene Mittelpunkt ihres Lebens, und der Familie galt ihre erste Sorge, als Max Färberböcks Vorschlag kam. Mit ihrem Mann hat sie sich zuerst besprochen – und die Kinder verlangten nur, dass diese seltsame Filmwelt und Journalisten wie du nicht gerade bis nach Hause vordringen und ihr Aufnahmegerät einfach auf den Küchentisch legen. Und so ist es ihr größter Wunsch, „dass auf keinen Fall die Familie darunter leidet, wenn ich jetzt anfange, zaghaft tatsächlich berufliche Schritte zu unternehmen“.

Diese Vorsicht aus Liebe, nicht aus einem Mangel an Emanzipation, und ihre ersten Schritte in das so anderweitige Draußen: Bisher ist das alles gut gegangen. Sie war ein paar Wochen beim Dreh und hat tageweise bei der Postproduction des Films zugesehen, aber die Kinder kamen mit der Abwesenheit der Mutter verblüffend gut klar, „in der Schule sind sie sogar besser geworden“; sie könnte sich vorstellen, als Regieassistentin zu arbeiten, lieber das, als unbedingt vor der Kamera zu stehen, es sei denn, „Herr Färberböck macht in 20 Jahren wieder einen Film mit mir“; und ihr Mann war mit in Cannes, wo „September“ Premiere hatte, und er sah diese überlebensgroße, überlebenstraurige Frau auf der Leinwand, und er sagte zu ihr, anders als seine Kinder: „Da sind auch Dinge, die ich von dir kenne.“

Das ist so zärtlich, so intim, da traust du dich gar nicht, weiter hineinzuhorchen in den klaffenden Widerspruch zwischen der lebensfesten Frau, die dir gegenübersitzt, und jener erschütternd Lebenserschütterten, die sie auf der Leinwand spielt. Vielleicht auch hat sie dir schon jetzt zu viel Privates erzählt, von ihrem Klarinettespielen, vom Singen im Chor (als Tenor!), davon auch, dass sie mit ihren Kindern jeden Abend betet. Und da kommt ihr der erste Drehtag in den Sinn, die Szene, als eine andere Filmmutter ihrem Kind ein Gutenachtgebet ins Handy spricht, und an dieses „so schön gesprochene Gebet“ erinnert sie sich voll innerer Bewegung – ja, so viel erzählt sie, da werden ihre Kinder, wenn sie das lesen sollten, vielleicht doch ein bisschen böse sein.

Also biegst du nochmal ab und in das leichtere Reden hinüber. Lieblingsfilm? Catharina Schuchmann geht selten ins Kino, aber „The Hours“ mag sie sehr. Lieblingsschauspielerin? Da fällt ihr gleich Juliette Binoche ein, und du denkst, wie gut das passt. Auch Juliette Binoche, eine der rätselhaftesten Erscheinungen des Kinos, hat so ein klares Gesicht, und im Gespräch, du erinnerst dich von fern, schaut sie das Gegenüber sehr gerade an, als sei in ihren Augen alles zu lesen, nur kein Geheimnis. Und so geht das Reden mit Catharina Schuchmann zu Ende, ein klares, irdisches Reden mit der Frau, die unirdischer, unklarer gar nicht denkbar wäre als in jenem eigentümlichen Film namens „September“. Da hast du ihr Gesicht entdeckt, ein Gesicht, das du jetzt – aber gibt es Schöneres? – noch viel weniger verstehst.

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