"El Club" von Pablo Larraín : Das katholische Kartell

Wie die Kirche in Chile ihre Missbrauchs-Priester scheinbar straft und doch schützt: Pablo Larraín und sein starker, kühler Spielfilm „El Club“.

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Verbannt. Padre Carcía (Marcelo Alonso) vor dem Haus der verbannten Priester.
Verbannt. Padre Carcía (Marcelo Alonso) vor dem Haus der verbannten Priester.Foto: Höhne Presse

Der Tagesablauf der Patres Vidal, Ortega, Ramírez und Silva ist klar geregelt. Sie essen zusammen, beten und singen regelmäßig. Dazwischen trainieren die Priester ihren Windhund, trinken, hängen ab und lassen es sich gut gehen. Buße stellt man sich anders vor.

Sicher, in dem windschiefen Dorf an der chilenischen Küste möchte man ungern stranden, doch das Leben dort ist allemal besser als im Gefängnis. Denn das wäre die Alternative für die Protagonisten in Pablo Larraíns kraftvollem Psychodrama „El Club“. Die katholischen Geistlichen haben schlimme Verbrechen begangen: Sie haben Messdiener missbraucht oder armen Müttern die Babys weggenommen und an reiche kinderlose Paare verkauft. Doch keiner fühlt sich schuldig, von Reue keine Spur.

Die Figuren des chilenischen Regisseurs Larraín haben reale Vorbilder. Es sind jene Priester, von denen auch in Deutschland in den vergangenen Jahren oft die Rede war. Sie haben Minderjährige missbraucht und vergewaltigt, in ihrer jeweiligen Gemeinde wird getuschelt, Vorwürfe machen die Runde, Zeitungen berichten – und plötzlich sind die Täter verschwunden. So wie auch der chilenische Bischof Francisco José Cox abtauchte, nachdem Zeitungen berichtet hatten, dass er gegenüber Kindern und Jugendlichen übergriffig geworden sei.

Unglaublich, was für ein Leben der übergriffige Bischof hat

„Ich konnte es nicht fassen, was für ein schönes Leben dieser Typ hat“, sagt Pablo Larraín beim Besuch in Berlin. Er ist Gast beim Filmverleih, wir treffen uns in dessen Büroräumen in einem Hinterhof in Friedrichshain. „El Club“ hat bei der Berlinale im Februar den Silbernen Bären gewonnen. Am Donnerstag kommt er in die Kinos.

Larraín, 39 Jahre, Drei-Tage-Bart, T-Shirt, Jeans, Sneakers, reicht sein Smartphone über den Tisch. Darauf ist eine Landschaft zu sehen wie aus der Schokoladenreklame: Berge, Wiesen, Kühe – und mittendrin ein schönes großes Haus. In diesem Haus in der Schweiz lebte Bischof Cox, nachdem er in Chile von seinen Ämtern zurückgetreten war. Larraín sah das Foto vor einigen Jahren in einer chilenischen Zeitung. Es ließ ihn nicht mehr los. „Warum sitzt der in der Idylle und nicht im Gefängnis?“, fragte er sich – und begann zu recherchieren.

Er fand heraus, dass die katholische Kirche ihre Priester, die nicht mehr tragbar sind in ihren Gemeinden, in spezielle Häuser beordert, in eine Mischung aus Gefängnis und Altersheim. Zumindest in Chile und den USA gibt es diese Häuser. „Die Kirche schützt ihre Priester vom Priesterseminar bis zum Altersheim“, sagt Pablo Larraín. Vor einer Anklage vor einem weltlichen Gericht muss sich keiner ihrer Bewohner fürchten.

Die Priester fühlen sich unangreifbar

Auch die Protagonisten von „El Club“ fühlen sich unangreifbar. Doch Larraín schickt seinen Film-Priestern den ebenfalls straffällig gewordenen Matías ins Haus. Der bringt die fein austarierte Balance aus Verdrängung und Ablenkung zum Kippen. Denn mit Matías kommt auch der obdachlose Trinker Sandokan ins Dorf, ein Opfer des Priesters. Sandokan brüllt das auf der Dorfstraße in allen grausigen Details heraus. Zum Beispiel, wie er ihn und andere Patres befriedigen musste und zu hören bekam, dass „alle priesterlichen Körperflüssigkeiten heilig“ seien. Die Geistlichen haben ihm nicht nur die sexuelle Integrität geraubt, sondern auch jegliches Schamgefühl. Sein Leben ist zerstört.

Pablo Larraín ist selbst als Kind und Jugendlicher in Chile auf katholische Schulen gegangen. Er habe viele Priester kennengelernt, sagt er. Viele gute, die Vorbilder waren, aber auch solche, die heute im Gefängnis sitzen. Denn viele Übergriffe von Priestern auf Minderjährige, die in den vergangenen 15 Jahren bekannt wurden, sind zwar verjährt und können nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Oft brauchen Opfer Jahrzehnte, bis sie die Kraft haben, das als Kind erlittene Leid anzuzeigen. Doch bei den nicht verjährten Fällen arbeitet die Kirche mittlerweile in vielen Ländern mit der weltlichen Justiz zusammen – meistens auf öffentlichen Druck hin.

Das Merkwürdige sei, sagt Larraín: Kein Täter gebe seine Taten zu. Ihre Standardausrede: Die Opfer hätten sie verführt und na ja, hm, vielleicht, man könne sich nicht wirklich erinnern. Falls doch etwas gewesen sein soll, werde wohl Gott geholfen haben.

Die Politsatire "No!" bekam einen Oscar

Er erkläre sich den Gedächtnisschwund damit, sagt Larraín, dass in den Köpfen der Täter eine Art Vakuum entstehe. Larraín nennt es „Limbo“. Die Erinnerungen sind gelöscht und hinterlassen doch eine Spur, eine schwer zu fassende Mischung aus Schuld, Verdrängung und dem Gefühl, unantastbar zu sein, weil nur Gott einen Priester richten dürfe. Ähnliche Verdrängungsmechanismen begegneten dem Regisseur bei seinen Arbeiten zur Politsatire „No!“ über die Pinochet-Diktatur. Der Film wurde 2013 als erster chilenischer Film überhaupt für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert.

Dieses Vakuum im Kopf der Täter seziert Larraín in „El Club“ auf so kühle und zugleich drastische Weise, wie es bisher noch keinem anderen Film zum Thema Missbrauch gelungen ist.

„Gott sah das Licht, und es war gut, und er schied das Licht von der Dunkelheit.“ Dieses Zitat aus der Genesis stellt Larraín seinem Drama voran. Doch hell und licht wird es selten. Larraín taucht seine Szenen in zwielichtiges Blaugrau, für das er eigens Objektive aus den 60er Jahren benutzt, wie sie russische Filmemacher einsetzten, etwa Andrei Tarkowski. Und wenn mal die Sonne scheint, bleiben die Gesichter der Protagonisten verschattet.

Alle sind verstrickt, Täter und Opfer zugleich

Larraín passt die Bildsprache und Erzähltechnik seinen Charakteren an. Auch sie sind zwielichtig und ambivalent. Alle sind verstrickt, alle sind Täter und Opfer zugleich, Opfer der Gesellschaft und Opfer ihrer Kirche. Larraín entschuldigt nichts, sondern führt vor, wie das tiefe Schweigen der Kirche über Sexualität seine Ungeheuer gebiert. Die einzige Sünde von Pater Vidal besteht wohl darin, dass er sich obendrein in Männer und Jungen verliebt. Das doppelte Tabu macht aus ihm einen gedemütigten Psychopathen, der seine Aggressionen auslebt, indem er seinen Windhund bis zur Erschöpfung im Kreis herumjagt. Für keinen der Protagonisten gibt es ein Entrinnen, erst recht keine Erlösung. Larraín meidet einfache Antworten. Gerade deshalb tut der Film weh.

Selbst der aus Rom geschickte Pater García ist kein Sympathieträger. Er soll mit offiziellem Auftrag den Selbstmord von Pater Matias aufklären und will Schluss machen mit Verdrängung und Vertuschung. Doch auch er wird zum Mitwisser – und schuldig. Weder kann er Sandokan, dem Opfer, helfen, noch eine mörderische Intrige abwenden. Auch García, über den die anderen verächtlich sagen, er sei ein „Vertreter der neuen Kirche“, bleibt Teil des geschlossenen, autoritären Systems, in dem es Wahrheit und Zweifel immer schwerer haben als Lüge, Selbstgerechtigkeit und Schweigen. Das Image der Kirche ist Pater García am Ende wichtiger als die Aufklärung der Verbrechen. Auch er zeigt die Täter nicht an.

Der Wahrheitssucher ist ein Jesuit

Im Film ist der Wahrheitssucher und Erneuerer García ein Jesuit. Auch Papst Franziskus ist Jesuit und will seine Kirche erneuern. So lässt sich „El Club“ auch als Parabel lesen auf Franziskus’ Reformbemühungen: Solange das autoritäre System nicht von Grund auf infrage gestellt wird, werden sich seine einzelnen Teile nur schwer reformieren lassen.

„Die Kirche hat heute mehr Angst vor den Medien als vor der Hölle“, sagt Pablo Larraín. Das sei ein Problem. Hat der Blick in die Abgründe der Kirche seinen eigenen Glauben verändert? „Ich mag Jesus Christus. Aber ich mag keine Christen“, sagt der Regisseur. Zum Abschied zeigt er einen weiteren chilenischen Zeitungsartikel auf dem Smartphone. Der chilenische Bischof Cox lebt jetzt in Deutschland, im rheinischen Vallendar. Er gehört der Schönstatt-Bewegung an, einer Gemeinschaft am erzkonservativen Rand der katholischen Kirche. Sie sorgte zunächst dafür, dass er in Absprache mit dem Vatikan 2002 in die Schweiz gehen konnte und danach in die Bundesrepublik kam, wie ein Sprecher der Schönstatt-Gemeinschaft dem Tagesspiegel bestätigte. Hat er seine Taten bereut? Hat er in Vallendar Buße getan? Er sei 82, gebrechlich und verlasse das Haus kaum noch, so der Sprecher. Man habe ihn schon ein bisschen vergessen. Wer Larraíns Film gesehen hat, vergisst die Patres so schnell nicht wieder.

Ab Donnerstag in den Kinos fsk, Hackesche Höfe und Kulturbrauerei (jeweils OmU) sowie im Rollberg (Original, englisch untertitelt).

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