Elternpflichten vs. Kinderrechte : Was uns das Beschneidungs-Urteil lehrt

Erwachsene sind die bestimmende Macht über Minderjährige. Aber wo sind die Grenzen dessen, was sie verfügen dürfen? Auch darum geht es in der Debatte um das Beschneidungs-Urteil.

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Recht und Pflicht. Kinder stehen unter dem Schutz der elterlichen Sorge oder anderer „Personensorgeberechtigter“. Dabei werden auch Werte weitergegeben.
Recht und Pflicht. Kinder stehen unter dem Schutz der elterlichen Sorge oder anderer „Personensorgeberechtigter“. Dabei werden...Foto: picture-alliance/ dpa

Es ging in die Ferien. Wir Kinder drängten uns zu dritt auf dem Rücksitz des Autos, vorn hielt die Mutter die Landkarte und der Vater das Steuer in Händen. Von Hessen bis an die dalmatinische Küste mussten mehr als 1500 Kilometer bewältigt werden, das Heck des Wagens war rappelvoll mit Koffern, Spielsachen, Schwimmringen, Reiseschreibmaschine, Strandtaschen. Es war heiß. Nach einer knappen halben Stunde erkundigt sich der Siebenjährige: „Wann sind wir da, Papi?“ Wie soll Papi das erklären? „Es ist noch weeeeit!“ Spät am Abend wurde irgendwo übernachtet, am anderen Morgen ging es weiter.

Zwei Tage eingequetscht auf der Rückbank eines Wagens, ist das keine Zumutung für kleine Kinder? Das ist wie Freiheitsberaubung – Einschränkung des physischen Bewegungsraums, der Motorik, der Selbstwirksamkeit, Wegfall des gewohnten Umfelds. Na klar, es war eine Zumutung für die Kinder. Aber die Ferien waren klasse. Alle wollten im Jahr darauf wieder ans Meer.

Wie, wann und warum sind Strapazen für Kinder, sind Eingriffe in das Leben von Kindern zumutbar, wie, wann und warum sind sie es nicht? Wo sind die Grenzen? Wer definiert sie? Darum geht es unter anderem bei der aktuellen Debatte über das Urteil zur Beschneidung jüdischer und muslimischer Jungen im Säuglings- oder Kindesalter. Löst man sich von der aktuellen Fixierung auf die Frage der Beschneidung, öffnet sich womöglich ein nichtideologischer Horizont, der das Verhältnis von Staat und Kindeswohl klarer einordnen hilft.

In jeder Kindheit halten Erwachsene das Steuer, sie geben die Richtung an. Ihnen gehört die Landkarte, sie können sie lesen. Daran wird sich kaum je etwas ändern, egal wie die Gesellschaft und ihre Rechtslage verfasst sind. Insbesondere die frühen Phasen der Minderjährigkeit sind, wie der heutige, westliche Gesetzgeber es formuliert, geprägt vom Recht und von der Pflicht der elterlichen Sorge oder der anderer „Personensorgeberechtigter“.

Erwachsene entscheiden, wo und wie Kinder leben, was sie anziehen, wo sie hinziehen, was es für sie zu essen gibt, auf welche Schule sie gehen, mit wem sie spielen, wann sie raus aus dem Haus dürfen, was sie im Fernsehen anschauen, welche Musik sie hören, welche Geschichten ihnen vorgelesen werden, welche Sprache sie sprechen. Die Erwachsenen sind dafür verantwortlich, ob belohnt oder gestraft, kommuniziert oder geschwiegen wird. Sie erklären bestimmte Emotionen, Wörter, Körperregionen oder Speisen für schlecht und verboten, andere für gut und erlaubt. Kurz, sie entscheiden, welche symbolische Ordnung sozialer, religiöser, ideologischer oder anderer Art die Kinder umgibt. Wenn Eltern oder andere Agenten der primären Sozialisation an Götter, oder Drachen glauben, an Himmel oder Hölle, an Jesus oder Allah, an Ufos oder Sternzeichen – das Kind wird es erfahren und zunächst für richtig halten, für richtig halten müssen. Denn der frühe, kindliche Kosmos ist von noch wenig anderem erfüllt als vom Umfeld der weltlichen Machthaber, in deren Obhut es sich findet. Deren Kosmos ist für das Kind die Welt. Sich aus diesem Schutzraum zu entfernen, sich gegen ihn zu stemmen wäre existenziell bedrohlich, denn eine eigene Landkarte fehlt noch. Und ohne die Nähe der Älteren fehlen auch Nahrung, Obdach, Ansprache. Kein Ich oder Selbst könnte sich entwickeln, wären Kleinkinder ausschließlich aufeinander angewiesen. Das stattet Erwachsene mit einer enormen Machtfülle aus, die sie in anderen Sphären ihres Lebens womöglich nie haben oder hatten.

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