Erich Heckel und Max Kaus im Brücke-Museum : Die Tiefe in der Fläche

Bilder einer Künstlerfreundschaft: Das Brücke-Museum präsentiert die beiden Maler Erich Heckel und Max Kaus in einer gemeinsamen Ausstellung.

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"Badende und Hockende am Strand" von Max Kaus (1923).
"Badende und Hockende am Strand" von Max Kaus (1923).Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Die klaren, den Betrachter fixierenden blauen Augen sind das Auffälligste an dem Porträt. Um den Mund liegt ein freundlicher, leicht herausfordernder Zug. Auf dem dunklen Braun seines schweren Sakkos tanzen bunte Flecken. So hat der Maler Max Kaus den einstigen Generaldirektor der Staatlichen Museen und Gründer des Brücke-Museums, Leopold Reidemeister, gesehen. Das Bild kam im vergangenen Jahr als Schenkung ins Dahlemer Haus. Und ist nun Anlass, sich dem Werk Max Kaus’ stärker zu widmen. Der gehörte zwar nicht zu den „Brücke“-Mitgliedern der ersten Stunde, hatte aber Kontakt zu Otto Mueller, Karl Schmidt-Rottluff und vor allem zu Erich Heckel.

Mit Heckel verband Kaus eine Freundschaft, von der er nicht nur malerisch, sondern auch menschlich viel profitiert habe, wie er in einem Interview in den siebziger Jahren bekannte. Auch Heckel konstatierte seinerseits: „Er ist nicht mein Schüler, er ist mein Freund.“ Der künstlerische Austausch der beiden Maler wird nun in einer umfangreichen Schau im Brücke-Museum anhand von hundert Werken nachgezeichnet.

Eröffnet wird diese Begegnung mit zwei Selbstporträts der beiden Künstler von 1919. Zwar ist in ihren sorgenvollen Gesichtern der Schrecken des Ersten Weltkriegs abzulesen, in dessen Wirren sie sich als Sanitäter in Ostende erstmals begegneten. Aber während Heckel mit Holzschnitt die maskenhafte Zweidimensionalität betont, löst sich Kaus, knapp zehn Jahre jünger als sein Mentor, bereits davon und arbeitet mit wenigen Ölfarbe-Strichen Plastizität heraus. So wird es bleiben. Heckel lässt zwar bald schon auch den Expressionismus hinter sich, aber er bleibt der Mann für die Fläche, Kaus für das Volumen.

Beide sind an einer figurativen Darstellung in der Natur interessiert

Dabei hat der Jüngere viel vom Brücke-Künstler gelernt, hat sich Techniken abgeschaut und sich auch motivisch an ihm orientiert. Beide sind an einer figurativen Darstellung in der Natur interessiert. Heckel malt Badende, ebenso Kaus. Damit sind sie in ihrer Zeit, in diesem besonderen künstlerischen Umfeld nicht die Einzigen. In der Ausstellung hängen auch Otto Muellers jugendliche Akte: in sich gekehrt wirkende Frauen, mit dem Rücken zum Betrachter gewandt, elegant auf dem Boden kauernd. Kaus übernimmt manche Positionen eins zu eins. Unter den Nationalsozialisten teilen Heckel und Kaus ein Schicksal: Ihre Kunst wird als entartet verfemt. Im Krieg werden ihre Ateliers zerstört. Heckel zieht nach Hemmenhofen an den Bodensee und kehrt nie wieder nach Berlin zurück. Kaus übernimmt nach 1945 eine Professur und den Posten als stellvertretenden Direktor an der Hochschule der Künste. Trotz der räumlichen Trennung bleiben sich die beiden Freunde bis zum Tod Heckels im Jahr 1970 verbunden.

Heckel ist zwar bis heute der bekanntere Name, doch in der Ausstellung des Brücke-Museums kann endlich auch Kaus auftrumpfen. Die lockere Porträt- Reihe seiner Frau Gertrud, Turu genannt, ist eine echte Entdeckung. Sie überzeugt nicht nur, weil sie handwerklich meisterhaft gemacht ist. Kaus geht hier dynamisch mit Raumtiefe um, staffelt Vorder- und Hintergrund und schafft Spannung durch kontrastreiche Farben, Gelb und Blau, Rot und Grün. Die Porträts beeindrucken als berührende Momente vertrauter Entspanntheit. Turu mit Katze, Turu, wie sie ruht. Dafür gibt es bei Heckel keine Entsprechung.

Überhaupt gewinnt Kaus an überzeugender Eigenständigkeit, je weiter die Chronologie der Ausstellung voranschreitet. Seine Rügen-Landschaften, die Hügel, Felsen und Äcker der frühen Jahre lösen sich in den sechziger Jahren zu abstrakten, organischen Formen auf. Dass man das alles so transparent nachvollziehen kann, liegt an der klugen Hängung. Sie setzt zwar thematische Akzente, lässt die beiden Künstlerfreunde aber immer wieder so aufeinandertreffen, dass Raum für jeden Einzelnen bleibt, dass sich Verbindendes und Trennendes gleichermaßen herausschälen.

Brücke-Museum, Bussardsteig 9, bis 25. Oktober; Mi bis Mo 11–17 Uhr. Der Katalog kostet 35 €.

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