Kultur : „Es gibt unerinnerbare Erlebnisse“

Jörg Andrees Elten, der bei der Waffen-SS war, über die NS-Jugend und die Mechanik der Verdrängung

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Herr Elten, Sie waren als 17-Jähriger von 1944 bis zum Ende des Krieges in der Waffen-SS. Wie kamen Sie dorthin?

Ich kam 1937 als Neunjähriger an die Napola, eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt, in Naumburg an der Saale, und machte dort acht Jahre später Abitur. Für die Napola-Schüler gab es zwei Möglichkeiten: Man ging zu den Fallschirmjägern oder zur Waffen-SS. Ich trug eine Brille, also war ich als Fallschirmjäger nicht geeignet. So kam ich als Panzergrenadier zur Waffen-SS-Division „Das Reich“.

Welche anderen Möglichkeiten gab es, zur Waffen-SS zu kommen?

Die Waffen-SS war im Wesentlichen eine Einheit von Freiwilligen. Sie hatte den Ruf, eine Eliteeinheit zu sein, die totale Kameradschaft lebt, vor allem nicht schnell aufgibt. Es hieß: Da wird man nicht so leicht auf dem Schlachtfeld liegen gelassen, wenn man verwundet ist.

Wie war die Kameradschaft?

Die Stimmung war in den letzten Monaten nicht mehr ganz normal, weil es nichts zu essen gab. So hatten wir eher eine Verzweiflungsgemeinschaft. Es war die Kameraderie des letzten Aufgebots.

Und trotzdem wollte man als junger Soldat also unbedingt in die Waffen-SS?

Damals wollten wir natürlich den Krieg gewinnen. Und mit dieser Zielsetzung fühlten wir uns in der Waffen-SS besser aufgehoben als in der Wehrmacht.

Günter Grass behauptet, sich nicht mehr genau daran zu erinnern, wie er zur Division „Frundsberg“ kam. Kann es sein, dass er eingezogen wurde und es nicht genau wusste?

Man wurde damals zur Wehrmacht eingezogen, nicht zur Waffen-SS. Ich gehe davon aus, dass sich Herr Grass genauso wie ich bewusst dazu gemeldet hat. Ansonsten gilt eher: Wenn der Einberufungsbefehl kommt und darauf steht „SS“, dann wundert man sich zumindest.

Grass sagt: „Der richtige Zeitpunkt etwas Autobiografisches zu schreiben, hängt offenbar auch mit dem Alter zusammen.“

Ich denke, er hatte zu einem bestimmten Zeitpunkt das Gefühl, ihm könnte diese Vergangenheit schaden. So schwieg er eben. Wenn man eine Weile geschwiegen hat, zwischenzeitlich den Nobelpreis für Literatur bekommt, fühlt es sich komisch an, nachträglich zu beichten.

Wann haben Sie zum ersten Mal über Ihre Zeit in der Waffen-SS gesprochen?

Ich konnte mit 50 Jahren meine Vergangenheit in meiner Autobiografie „Karma und Karriere“ aufschreiben. Mein Aufarbeitungsprozess begann in einem Ashram. In den Sitzungen kamen alle unterbewussten Ängste und viele Erinnerungen hoch.

Welche zum Bespiel?

Meine Zeit in der Napola. Darüber gab es diesen weißen Fleck in meiner Biografie. Die Namen meiner Lehrer wusste ich nicht mehr, den Schulstoff – immerhin acht Jahre Latein – habe ich komplett vergessen. Wie nach einem schweren Trauma. Danach schien mir Schreiben als Therapie genau richtig.

Auch Grass bekennt, dass ihm erst die literarische Form der Biografie geholfen habe, „endlich über die Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu schreiben“.

Vielleicht fängt Günter Grass wirklich erst jetzt an, diese Zeit zu reflektieren. Obwohl mich das sehr überrascht. Doch ich habe selbst erfahren, dass es immer unerinnerbare Erlebnisse gibt. Wir verdrängen alle. Manche mehr, manche weniger.

–Das Gespräch führte Stephanie Ringel.

Jörg Andrees Elten , 79, ist wie Günter Grass 1927 geboren. Er war bei der WaffenSS, arbeitete später als Reporter und ist heute Seminarleiter seines Instituts Kreativität und Meditation.

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