• Felix Hartlaubs Skizzenband "Aus Hitlers Berlin": Vermächtnis eines früh Unvollendeten

Felix Hartlaubs Skizzenband "Aus Hitlers Berlin" : Vermächtnis eines früh Unvollendeten

Der Schriftsteller und Zeichner Felix Hartlaub flanierte durch das Berlin der Jahre 1934 bis 1938. Er beobachtete die Deformation der Gesellschaft vom Rand aus. Mit einem Skizzenband aus dem Nachlass wird die mustergültige Edition der Werke nun fortgesetzt.

Hannes Schwenger
Die neue Macht zeigt Zähne. Skizze aus Hartlaubs Band.
Die neue Macht zeigt Zähne. Skizze aus Hartlaubs Band.Abbildung: DLA Marbach

Nein, Felix Hartlaub ist keineswegs „einer der großen Unbekannten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts“, wie der Suhrkamp Verlag im Klappentext für die literarische Skizzen „Aus Hitlers Berlin 1934-1938“ unterstellt. Unbekannt ist zwar das genaue Datum von Hartlaubs Soldatentod in den letzten Berliner Kriegstagen, nicht aber sein schmales, breit publiziertes Werk, das die Schwester Geno – mit einigen Lücken – bereits 1955 als „Das Gesamtwerk“ herausgab.

Ältere Leser lasen seine Aufzeichnungen von der Front und aus Hitlers Führerhauptquartier als rororo-Band. Das war eine erweiterte Taschenbuchausgabe der Erstveröffentlichung von 1950 unter dem Titel „Von unten gesehen“. Auch die Novelle „Parthenope“ wurde schon 1951 gedruckt. Ein Porträt „Felix Hartlaub in seinen Briefen“ erschien unter Mitwirkung seines Vaters 1959. Der Suhrkamp Verlag widmet sich seinem Werk seit 2007 in mehreren Neuausgaben, die Geno Hartlaubs editorisch unzuverlässige Werkausgabe Stück für Stück behutsam revidieren. 2011 gründete sich in Berlin sogar eine Hartlaub-Gesellschaft, die das Vermächtnis des Autors und Zeichners noch bekannter zu machen versucht.

Felix Hartlaub, ein durch Berlin flanierender Beobachter

Die zuletzt erschienenen „Kriegsaufzeichnungen aus Paris“ (2011) kommentierte Durs Grünbein noch mit den Worten, mit Hartlaub sei „der deutschen Literatur ein Stück Geistesgegenwart verloren gegangen.“ Unter dem Titel „Aus Hitlers Berlin 1934-1938“ werden nun aus dem Nachlass erstmals Aufzeichnungen des Studenten veröffentlicht, in einer wie üblich perfekt edierten und kommentierten Fassung. Einen künftigen Epiker lassen sie indes nicht erahnen, so wenig wie Hartlaub – kühne Spekulation der Herausgeber – gegen das NS-Regime „zum Schlag ansetzte, doch zu Lebzeiten über das Ausholen nicht hinauskam.“

Besser trifft ihn die Charakterisierung als „durch Berlin flanierender Beobachter“, der, wie später in Hitlers Sperrkreis, die Deformation der Gesellschaft durch den Nationalsozialismus „vom Rand her“ registriert, „in unscheinbaren Szenen des täglichen Lebens, eher an der Peripherie als im Zentrum Berlins“. Allerdings hat das scheinbar Unscheinbare doppelten Boden, wenn er 1941 in einem Brief bekennt, er erzähle am besten, „was sich mir täglich sichtbar zeigt; vielleicht kommt man gerade damit dem Unsichtbaren, das natürlich das Entscheidende ist, am nächsten.“ Er steht damit nicht allein unter den besten Erzählern seiner Zeit, Friedo Lampe, Horst Lange und anderen Autoren eines magischen Realismus.

Vom Berlin Hitlers ist bei Hartlaub noch wenig zu ahnen

Die neue Macht zeigt Zähne. Skizze aus Felix Hartlaubs Band.
Die neue Macht zeigt Zähne. Skizze aus Felix Hartlaubs Band.Foto: DLA Marbach

Den Anfang seiner Skizzen macht eine Zimmersuche, die durch „vornehme“, „herunterkommende“, „jüdische“ Quartiere und „verwohnte verwaiste Studentengegend“ zwischen Charité und Oranienburger Straße bis in den Berliner Norden führt. Weiter geht es mit dem „Studentenhaus 1935“, einer ehemaligen Freimaurerloge, und einem Seitenblick auf „Politische Studenten“, „fast alle in Uniform“. Dann zwei Besuche in der Bibliothek mit ihren Benutzern: „Vom Sekundaner, der sich eine Einlasskarte erschlichen hat, bis zum Greis mit drei verschiedenen Brillen. Vom berühmten Forscher bis zum Arbeitslosen, der hauptsächlich wegen der Heizung da ist.“ Dazwischen ein Ordinarius, „der sich nur mit großem Widerwillen in diese Versammlung der Nichtarrivierten, verkannten Forscher, unbelohnten Fachgelehrten, betrogenen Privatdozenten begibt... Das nächste Mal wird er seinen Assistenten schicken oder sich die Bücher ins Haus bringen lassen.“

Vom Berlin Hitlers, wie es die NS-Architektur gestaltete, ist bei Hartlaub noch wenig zu ahnen, wenn die großen Bauvorhaben (Neue Reichskanzlei, Umsetzung der Siegessäule für die Schaffung der Ost-Westachse) erst 1938 Gestalt annahmen, geschweige denn Hitlers geplantes „Germania“. Nicht einmal die Olympiabauten von 1936 finden Erwähnung. Insofern ist der Titel „Aus Hitlers Berlin“ ein wenig irreführend. Hartlaub hat vielmehr den soziologischen Blick Walter Benjamins und Siegfried Kracauers auf das alte und das nationalsozialistische Deutschland – nur eben keinen politischen Blickwinkel.

Das meiste bleibt Fragment

Als beginnender Schriftsteller hat er sich arrangiert, ist sogar der SA beigetreten und wird Mitglied im Reichsverband deutscher Schriftsteller; seine Devise, die er als Rat an seinen jüngeren Bruder weitergibt, heißt „Nur nicht auffallen!“ Das gelingt ihm so gut, dass ihn sein Doktorvater, der George-Schüler und Nationalsozialist Walter Elze, 1942 zur kriegsgeschichtlichen Abteilung beim Oberkommando der Wehrmacht vermittelt, sein Entrée zum Sperrkreis der Führerhauptquartiers. Auch dort gelingt es ihm nicht aufzufallen und den Blick von unten anzusetzen.

So wenig wie Hitlers Berlin sind Felix Hartlaubs Skizzen vollendet, das meiste bleibt Fragment, auch wenn die „Zimmersuche“ zu einem grotesken Ende findet (der verzweifelte Suchende entdeckt seinen eigenen Namen an einer Tür und dahinter eine verschollene Tante, bei der er mietet). Oder „Ein Tag meines Lebens“, eine für den Vater, der von ihm „anschauliche, eingehende, farbige Berichte“ fordert, verfasste Humoreske mit dem ironischen Schluss: „Wenn sich auch mit anschaulicher Schilderung und tiefschürfender Analyse gar Vieles über mein Leben aussagen lässt – das Letzte, der eigentlich schöpferische Prozess, das eigentliche Wirken des strengen Forscherethos', bleibt Geheimnis, mir selbst verborgenes, unaussprechliches, unberührbares heiliges Geheimnis.“ Ja, das trifft den Punkt.

Felix Hartlaub: Aus Hitlers Berlin 1934-1938. Mit Zeichnungen des Autors. Hrsg. von Nikola Herweg und Harald Tausch. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014.132 Seiten, 18,95 €.

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