Film "Coconut Hero" : Die Schlussmacher

Nach "About a Girl" gibt es wieder einen Film zu Jugendlichen und Suizid. „Coconut Hero“ beschäftigt sich mit dem Tabu-Thema so drastisch wie sensibel.

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Der Hauptdarsteller Mike Tyson legt seinen Kopf auf den Tisch.
Schon mein lächerlicher Name. Der 16-jährige Mike Tyson (Alex Ozerov), der im hohen Norden Kanadas zur Schule geht, ist fertig mit...Foto: Majestic

Ein paar Fakten: Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland etwa 600 Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren, mehr Jungen als Mädchen, das Leben. Bei etwa zehn bis zwanzigmal so vielen bleibt es beim Versuch. In dem Alter ist Suizid nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache. Gesprochen wird darüber wenig. Zumal man weiß, dass spektakuläre Selbstmorde Nachahmungstaten nach sich ziehen.

Ein Tabu also, privat wie öffentlich – umso verblüffender, dass binnen einer Woche zwei Filme deutscher Produktion ins Kino kommen, die das Thema explizit in den Mittelpunkt stellen. Suizidversuche sind jeweils der Ausgangspunkt, wobei die Vorgeschichte mit wenigen Strichen skizziert wird: Vater schon länger weg, überforderte alleinerziehende Mutter, Probleme in der Schule, Isolation. Zielgruppenfilme sind sie in zweierlei Hinsicht. Lebensmüden Adoleszenten, die nicht nur romantisch mit dem Tod liebäugeln, sollen sie Lust aufs Leben machen. Und das Umfeld soll sensibilisiert werden für die, die ein bisschen sensibler sind als das Umfeld. Kann da im Kino mehr zünden als ein bloß pädagogischer Impuls?

In „About a Girl“, letzte Woche im Kino gestartet, ist es die 15-jährige Charleen, die mithilfe des eingeschalteten Föns in der Badewanne Schluss machen will. „Coconut Hero“, in einer Siedlung im fernen Norden Kanadas gedreht, erzählt von einem 16-Jährigen namens Mike Tyson. Wohl auch das ewige Gehänsel in der Schule wegen des Boxernamens mag die Todessehnsucht des schüchternen Jungen befördert haben. Jedenfalls greift er sich das viel zu große, alte Gewehr, das der Vater dagelassen hat, schließt sich in sein Zimmer ein und schießt sich in den Kopf. Pech. Platzpatronen.

Etwas Simplifizierendes, Karikatureskes, letztlich Denunziatorisches steckt im Beginn beider Filme, und auch als die selbsternannten Todeskandidaten nach der obligaten längeren Weißblende im Krankenhaus zu sich kommen, wird die Sache nicht unbedingt besser. In „About a Girl“ verwandelt sich das gesamte soziale und familiäre Umfeld wie auf Knopfdruck in ein irreales irdisches Paradies: von der Mama und dem ins Familienleben zurückgebeamten Papa bis zur so herzensguten wie altersweisen Oma. Klar, dass der Heldin, zwar tapfer mürrisch gegeben von Jasna Fritzi Bauer, der Schlussmacherimpuls schon auf halber Filmstrecke abhanden kommt.

Das Leben ist schön, man muss nur eisern genug hingucken? „Coconut Hero“ geht geschickter an die Sache heran. Nicht nur sind die Erwachsenen keine Abziehbilder, wie sie allenfalls dem Scriptentwicklungswesen für die ganz Kleinen durchgehen sollten, sondern das zweite Leben des Mike Tyson (Alex Ozerov) fühlt sich exakt so an wie das erste. Nur dass die Mitschüler sich jetzt nicht mehr über seinen Namen lustig machen, sondern über den „Zombie“, der noch dazu die Todesanzeige selber in die Zeitung gesetzt hatte. Auch die Mutter (überzeugend dauernervös: Krista Bridges) verwandelt sich nicht prompt in einen schuldbewussten Engel – erst recht nicht, als Mikes Vater plötzlich in der Tür steht.

Sebastian Schipper, eben noch allseits gefeierter „Victoria“-Regisseur, gibt diese Figur schön leise, lakonisch, authentisch familienfremd. Ein Farmertyp in ewig gleicher gefütterter Lammfellweste, der zunächst sogar eine Falle wittert, als er seinen Sohn unvermutet lebendig antrifft: Sollte er etwa mit der Todesanzeige, wohl von seiner Ex aufgegeben, zurückgelockt werden in ein abgelegtes Leben? Als der Irrtum aufgeklärt ist und dem Film überhaupt sein anfänglich hysterisches Tempo angenehm verloren geht, findet sich auch plötzlich Raum für eine Vater-Sohn-Annäherung der absolut unplakativen Art.

Nun könnte der Film komfortabel wie „About a Girl“ seinem Ziel entgegentraben. Aber ebenso wie die Sache mit dem Vater sich unprogrammgemäß entwickelt, so verläuft auch die Beziehung zu der sanften Tanztherapeutin (Bea Santos), deren Kurs Mike zwecks Wiedergewinnung von Lebensmut zwangszugeteilt wird, keineswegs linear. Zwar handelt das Drehbuch, das Regisseur Florian Cossen mit Elena von Saucken schrieb, vom Wechsel am Pick-up-Steuer bis zum gemeinsamen Bad im See genrespezifische Standardsituationen ab, findet dann aber den Weg ins signifikant Andere. Hier wird Lebensfreude dem Helden nicht mit Gewalt injiziert, sondern sie sickert unmerklich ein. Irgendwann könnte sie dem Jungen, der von seinem Selbstvernichtungsziel durch eine garstig glückliche Fügung sogar nicht einmal ablassen muss, noch einen zarten Strich durch die Rechnung machen.

„Coconut Hero“ (der Titel passt zum kurios verkopften Helden) entstand als deutsch-kanadische Koproduktion, und dieses Zusammenspiel von Cast und Crew verschafft dem Film seinen besonderen Sauerstoff. Er braucht eine kleine Weile, um die Klischees abzuschütteln, und stürzt am Schluss, wie „About a Girl“, leider ins Überdeutliche, in die frohe Botschaft mit Ausrufezeichen. Dazwischen aber schlingert er wunderbar autonom voran, wie im besten Fall das Leben selber.

Cinemaxx, Filmkunst 66, FaF, Passage; OV: Cinestar Sony-Center; OmU: Central, Kulturbrauerei, Moviemento

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