Film "Erich Mielke - Meister der Angst" : Der Mann, der alle Menschen lieben wollte

Er war der Stasi-Chef: Der mit Spielszenen angereicherte Dokumentarfilm „Erich Mielke - Meister der Angst“ geht einer DDR-Hassfigur auf den biografischen Grund.

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Im Visier. Erich Mielke, jahrzehntelang DDR-Stasi-Chef, in Uniform.
Im Visier. Erich Mielke, jahrzehntelang DDR-Stasi-Chef, in Uniform.Foto: polyband/BStU

Hannah Arendts arg abgenutztes Wort von der „Banalität des Bösen“: Hier passt es perfekt. Wer kann, wenn er sie einmal gehört hat, je wieder Mielkes Wortmeldung bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Herbst ’89 vergessen? „Ich liebe doch alle, alle Menschen!“ Ein Satz, gesprochen im Verwunderungsgestus eines Kindes. Welch groteskes Szenario! Dieser verbal hilflose alte Mann, verantwortlich für einen beispiellosen Überwachungs- und Einschüchterungsapparat, tritt mit einer Quasi-Liebeserklärung ab. Auch das war die DaDaR.

Ein Vierteljahrhundert nach deren Ende scheinen alle Geschichten über die Staatssicherheit erzählt. Merkwürdigerweise fehlte noch die Geschichte ihres Anführers – ein Defizit, das nun die Dokumentarfilmer Jens Becker und Maarten van der Duin beheben wollen. Nur, wozu die Spielszenen zu Anfang? Zur Infantilisierung des aktuellen Dokumentarfilmwesens gehört es, wesentliche Begebenheiten in den Kostümen der Zeit und mit geborgten Gesichtern nachzustellen. So entsteht die Ambiente-Doku für den konzentrationsgestörten Zeitgenossen, sofern nicht gerade Heinrich Breloer Regie führt. Bald aber trägt die Sache. Vielleicht liegt es an Kaspar Eichel als Erich Mielke. Ihm gelingt es, den Mann souverän zu unterspielen und zugleich ernst zu nehmen. Das ist elementar.

Mit den meisten Gutachtern spricht er kein Wort

Eine junge Psychologin sucht 1990 den ältesten Häftling in der JVA Moabit auf. Er wartet auf seinen ersten Prozess – wegen Tötung zweier Polizeioffiziere auf dem Berliner Bülowplatz am 9. August 1931. Sieben Gutachter prüfen Mielkes Verhandlungsfähigkeit, mit den meisten spricht er kein Wort. „Herr Mielke, wann sind Sie geboren?“, fragt die Psychologin. Keine Antwort. Sie nennt Datum und Ort, 28. Dezember 1907 in Berlin, im Wedding. „Im roten Wedding“, ergänzt Mielke mit Betonung. Mag sein, dass er augenblicklich bereut, das Schweigen gebrochen zu haben. Zu spät. „Würden Sie sagen, dass Ihre Familie arm war?“ Der vormalige Minister für Staatssicherheit der DDR ist durch nichts zu provozieren, aber hier muss er nun doch hohnlachend entgegnen: „Arm ist gar kein Ausdruck!“ Wenn auch die Figur der Psychologin fiktiv ist, so folgen die Dialoge doch den Protokollen.

Vielleicht sollte man die DDR-Eliten einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Die Zahl derer, die als Kind kein eigenes Bett zum Schlafen hatten, ist irritierend hoch. Regierungen aber werden meist von Menschen gestellt, die bereits als Kind in eigenen Betten schliefen. Hier ist irgendein Unteres durch geschichtliche Verwerfungen sehr seltener Art nach oben gekehrt worden. Natürlich besaß auch Erich Mielke kein eigenes Bett, wie sollten sechs Schlafstätten in den 30-Quadratmeter-Raum passen, in dem seine Familie lebte? Vater, Mutter, vier Geschwister. Geschlafen wurde umschichtig, das war nichts Besonderes in den Berliner Arbeitervierteln zu Jahrhundertbeginn.

In keinem Augenblick wird Erich Mielke in Eichels Darstellung zur bloßen Kopie: Er ist es, indem er es nicht ist. Auch werden hier nicht Experten- und Zeitzeugen-Stimmen für kurze Sequenzen unterbrochen, sondern umgekehrt: Mielkes Anwälte, der ehemalige KGB-General Nikolai Germantow, der Historiker Nikita Petrow und andere mischen sich mit kurzen Sätzen in das, was man wohl nicht fiktionale Fiktion nennen darf. Und was sie sagen, ist fast immer erhellend.

Ein "Idealist" der ganz eigenen Art

Auf seine Weise sei sein Mandant „Idealist“ gewesen, erklärt Mielkes Strafverteidiger nicht ohne strukturelle Bewunderung. Der zweite attestiert ihm gar eine große Fähigkeit, sich auf sein Gegenüber einzustellen. Die beiden, womöglich Ausnahmen, zollen Mielke Respekt für die beharrenden Elemente seines Charakters. Gewöhnlich sagt den Jetztmenschen ohne DDR-Erfahrung der Typ Schabowski mehr zu. Einer, der sich immer wieder distanziert hat von der DDR und sich selbst. Im Gegensatz zu Honecker, Mielke und den anderen.

Der Hauptunterschied aber liegt anderswo: in der Generation. Schabowski, in der DDR Typus Menschenfresser, war ein unbedingter Macher, doch leider an einem Projekt beteiligt, aus dem nichts zu machen war. Als er das erkannte, war er sehr verstimmt. Die authentische Erfahrung Mielkes und anderer alter Kommunisten war: Nur wir selbst können uns aus unserem Elend retten! Mielkes Eltern traten 1919 in die KPD ein. „Schlagt ihre Führer tot!“, riefen die Herrschenden.

Die DDR? Eine Sekte, die sich im Format geirrt hat

Das sind Grunderfahrungen. Die widerruft man nicht, und man entschuldigt sich auch nicht dafür. Nur qualifizieren sie nicht zum Regieren eines Landes, im Gegenteil. Was war denn die DDR, auf die einfachste Formel gebracht? Eine Sekte, die sich im Format geirrt hat.

Natürlich ist das nicht der Diskurs, den der Film führt. „Erich Mielke – Meister der Angst“ lockt mit einem bedenklich dämonisierenden Titel. Doch da bleibt kein Rest des Diabolischen. Auch darum lohnt es, diesen Film zu sehen. Die Geschichte eines Jungen, der wegen einer gewissen Begabung sogar eine Freistelle am Gymnasium bekommt, und die Eltern nehmen ihn dann doch von der Schule: Elend mit Abitur? Das passt einfach nicht.

„Ich liebe Euch doch alle!“ Es ist wichtig, diesen viel zitierten Satz im Zusammenhang zu kennen. Vier Tage nach der Maueröffnung, am 13. November 1989, trat Erich Mielke, 83-jährig und zur Rechenschaft gebeten, vor die Volkskammer. Er begann mit „Liebe Genossen, liebe Abgeordnete“, um sich zu folgender Auskunft zu entschließen: „Ich habe doch einen außerordentlich hohen Kontakt zu allen werktätigen Menschen.“ Erstes Lachen im Auditorium. Und das ist erst der Anfang.

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