Film "Sunrise" : Suchen, verlieren, träumen

In der Familientragödie „Sunrise“ wird ein junges Mädchen in Indien entführt. Der Vater will sich rächen. Der Filmemacher Sen-Gupta ist selbst einer Entführung nur knapp entkommen.

von
Komal Gupta
Komal GuptaFoto: Rapid Eye Movies

Die Schleusen des Himmels, die Schlunde der Hölle – in „Sunrise“ stehen sie weit offen. Es ist Regenzeit in Mumbai, Monsun, Nacht. Ganz gegen den Titel des Films wird es nie hell, nie ist es trocken. Der Regen, den der indische Regisseur Partho Sen-Gupta und sein französischer Kameramann Jean-Marc Ferriere in kunstvoll ausgeleuchteten halbdunklen Einstellungen als prasselnde, gurgelnde Flut inszenieren, ist ein Symbol – ein Bild für die allmähliche Aufweichung, ja, Auflösung einer menschlichen Seele.

Sie gehört dem engagierten Polizisten Joshi (Adil Hussain), auf dessen Schreibtisch täglich Meldungen über vermisste Kinder flattern. 100 000 pro Jahr sollen es in Indien sein, heißt es im Abspann. Offiziell. Meist werden Mädchen entführt. Wenn es besser läuft, werden sie von Kinderhändlern für illegale Adoptionen vermittelt. Wenn es schlimm kommt, landen sie als Sklavinnen in Haushalten, Fabriken oder im Bordell.

Jeden Abend liest die Mutter eine Geschichte

Dieses Schicksal kann auch Jungen treffen. Der 1965 in Mumbai geborene, in Sydney lebende und 2004 mit seinem Spielfilmdebüt „Hava aney dey – Let the Wind blow“ auf der Berlinale vertretene Filmemacher Sen-Gupta ist als Kind knapp einem Entführungsversuch entkommen. In seinem Drama „Sunrise“ hat Aruna, Joshis Tochter und das schlaueste Mädchen der Klasse, dieses Glück nicht. Das von Komal Gupta gespielte Kind wird vor der Schule gekidnappt, als sie auf ihren Vater wartet, der sie abholen soll. Zehn Jahre später ist sie noch immer verschwunden – und trotzdem sitzt Joshis tief verletzte Frau Leela (Tannishtha Chatterjee) immer noch abends daheim und liest der herbeifantasierten Tochter Geschichten vor.

Aus dem Trauma des Verlusts und der Schuld entstehen in Joshis Kopf Rettungs- und Rachefantasien, die im Bordell „Paradise“ in eine wilde Ballerei münden. Irreale Düsterbilder des Umherirrens in der kaum als Mumbai identifizierbaren Überall-und-nirgendwo-Stadt vermischen sich unauflöslich mit tatsächlichen Polizeieinsätzen. Ein weiteres Element der Abstraktion, das diese Nachtfahrt in eine gepeinigte Vaterseele nicht eben leichter macht: Ständig wechseln in dem Thriller um einen einsamen Ermittler die Zeitebenen. Von der Zeit vor Arunas Geburt bis hin zu ihrer erträumten Rettung.

Trotz des relevanten Themas und der kunstvollen Stilisierung kippt „Sunrise“ so vom Psychogramm in einen undurchdringlichen Bilderreigen. In Sachen Durchfeuchtungsgrad ähnelt er Karen Duves das Motiv ebenfalls schamlos ausreizendem, grandios versumpften „Regenroman“.
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