Film "The Tribe" : Jenseits der Wörter

In dem ukrainischen Jugenddrama "The Tribe" regiert die Stille. Die gehörlosen Darsteller sprechen nur ihre eigene Zeichensprache. Der Zuschauer muss kombinieren.

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Filmszene mit Sergej (Grigori Fesenko) und Anna (Yana Novikova)
Liebe? Ist eigentlich verboten in der Internatswelt des "Stamms", dem Sergej (Grigori Fesenko) und Anna (Yana Novikova) angehören.Foto: rapideyemovies

Der Neue heißt Sergej, so steht es im Presseheft, und das Mädchen, in das er sich verliebt, heißt Anna. Vielleicht nennen sie sich beim Namen, vielleicht sprechen sie sich auf ihre Weise so an, aber zu hören sind ihre Namen im Film nie. Auch sonst kein Name ist zu hören und sonst kein Wort, aber nahezu alles ist zu verstehen in Myroslaw Slaboshpytskiys „The Tribe“. Auch wie sich Anna etwa mit ihrer Mitbewohnerin Svetka verständigt und was die anderen Mitglieder des titelgebenden „Stamms“ sagen, der Gang, die im Presseheft Gera, Makar, King und Shynr heißen.

Hörende, die sich in das Universum von „The Tribe“ hineinwagen, und es ist ein großes Abenteuer, betreten eine gänzlich unvertraute Welt. Für über zwei Stunden sind sie ausschließlich unter ukrainischen Gehörlosen, die ihre eigene Sprache sprechen, und weil jeder Untertitel, auch jeder stummfilmtypische Zwischentitel fehlt, müssen sie aus den Gebärden und dem sichtbaren Geschehen ihre eigene Summe ziehen. Kein Geflecht aus üblichem Dialogmaterial hilft, Konfliktlinien und dramatische Bögen parallel zum visuellen Erlebnis abzuspeichern. Alles bleibt für das Zeichensystem der Hörenden unbesprochen, also geschieht alles merkwürdig unvorhergesehen. Das ist beunruhigend, spannend, zunächst ähnlich absonderlich, wie es die Besichtigung eines Films in einer nicht untertitelten seltenen Sprache wäre. Aber wo dort noch der Klang der Stimmen sein eigenes Dechiffrierungssystem mitführte, regiert hier Stille.

Ohne Worte

In lange Einstellungen mit sparsam bewegter Kamera und in nicht mehr als drei Dutzend Szenerien löst der 1974 in Kiew geborene Regisseur das Geschehen seines ersten Langspielfilms auf. Ein Internat für Gehörlose im trostlosen Randbezirk einer Großstadt. Eine Klasse von fast erwachsenen Jugendlichen. Auch das Lehrerpersonal kommuniziert nur in Gebärdensprache: die Direktorin, die Kollegin, die ihren Schülern anhand einer Karte die Europäische Union erklärt, außerdem ein Werklehrer mit nicht gerade pädagogischen Nebenfunktionen: In einem uralten Kastenwagen fährt er – ein Mitschüler ist als Zuhälter dabei – Anna und Svetka Nacht für Nacht auf einen Lkw-Parkplatz, wo die Mädchen sich prostituieren müssen. Auch ist er substanziell an einem Geschehen beteiligt, das zum finalen Gewaltausbruch führt, so radikal minimalistisch, wie man das so wohl noch nie im Kino gesehen hat. Oder sollte man auch sagen: gehört?

Neuankömmlinge, die sich in geschlossenen Machtsystemen unter- und einordnen müssen, um zu überleben, kennt das Kino dagegen zur Genüge, zuletzt wohl am eindrucksvollsten in Jacques Audiards Gefängnisfilm „Ein Prophet“. Dieses Genregesetz wird auch in „The Tribe“ nicht unterlaufen, bis es zerfällt, indem es sich – und das ist kein Widerspruch – lange Zeit zu erfüllen scheint. Natürlich geht es um Stehlen und Hehlen, um Prügeln und Plündern, um derart auf ihren Tauschwert reduzierte Individuen, dass der böse alte Manchesterkapitalismus dagegen wie eine ferne Dystopie erscheint. Sergej findet sich zurecht, bis etwas nicht restlos Ausrechenbares schleichend hinzukommt. Und dennoch geht ihm die Übersicht nicht verloren, im Gegenteil.

Nur Geräusche sind hörbar

Fast mit mechanischer Folgerichtigkeit schreitet die geisterbahnfinstere Story voran; der eigentliche Gewinn von „The Tribe“ steckt aber vor allem in der Aufmerksamkeit, die er im Zuschauer mobilisiert, bloß weil das Reden entfällt. Der Blick für die matt ölfarbenbestrichenen Schulflure, die backsteinernen Hofnischen und trostlosen Vierbettzimmer. Das Hören auf das Viele, das dennoch an Geräusch vorhanden ist, ganz ohne übliche Filmmusik. Das Mitwandern mit der wie klaustrophobisch operierenden Kamera (Valentyn Vasyanovich), von fester Position zu langsamer Verfolgung zum – seltenerem – Schwenk. Sicher, all dies aus dem Arsenal des Kinos ist so viel Zeichen wie immer. Nur treten die Instrumente hier einmal vergleichsweise solistisch auf, und schon ist ihr Anteil am Ganzen ungleich deutlicher herauszuhören.

Mit kaum 20-jährigen gehörlosen Darstellern, die noch nie vor einer Kamera standen, allen voran Grigori Fesenko als Sergej und Yana Novikova als Anna, hat Slaboshpytskiy sein Langfilmdebüt in Kiew gedreht, im Winter des Maidan. Heute mag sich „The Tribe“, der seit seiner Premiere 2014 bei der Semaine de la Critique in Cannes viele Preise gewonnen hat, auch als Metapher auf das versehrte Land Ukraine lesen lassen, auf die Verhältnisse in seinem Osten, wo mittlerweile ein paramilitärisch gestützter Separatistenstamm die Gesetze bestimmt. „The Tribe“ aber erzählt nur seine eigene, atomkernwinzige Geschichte, und das perfekt.

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