Filmkritik: "Ich will mich nicht künstlich aufregen" : Sprachliches Adorno-Ping-Pong

Architektur, die frei von Macht ist und Schauspieler, die irgendwie mitmachen - Regisseur Max Linz will mit seiner Filmkunst-Farce „Ich will mich nicht künstlich aufregen“ alles anders und besser machen, als die anderen. Aber dann regt er sich vor allem künstlich auf.

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Filmemacher Max Linz
Filmemacher Max LinzFoto: Berlinale

„Herzlich willkommen beim Brecht- Yoga!“ Alle, die auf den bunten Matten entspannen, werden gleich den Naturzustand als Konstruktionsleistung begreifen. Genau so, wie die Zuschauer von „Ich will mich nicht künstlich aufregen“. Denn dies ist nicht nur ein Film, sondern ein Film über die Bedingungen von Kulturproduktion. Die Mittel: Sprachliches Adorno-Ping-Pong. Denn alle Theorie ist bunt. Ihre Schnipsel sind nach Art von René Pollesch montiert. Und wer im Prater lacht, der lacht auch hier.

Nur ist es, als hätte jemand die Tonspur langsam gestellt. Die Darsteller holpern beim Vortrag. Es geht um „das Prinzip des Mehrwerts“ und andere kulturpessimistische Erkenntnisse. Denn in dieser bunten Filmwelt beschränkt sich die künstlerische Freiheit auf „Affirmation oder Werktreue“. Ebenfalls erwähnt: „Das Exzellenz-Cluster normativer Kühe“, das zu viel Macht hat. Der Künstler weiß um sein eigenes Dilemma unter den Bedingungen eines auf Wirtschaftlichkeit getrimmten Systems: „Ausdruck ist existenzgefährdend – Ausdruckslosigkeit erst recht.“

Und so folgt man erheitert den Nöten der perfekt frisierten, erlesen kostümierten Kuratorin Asta, die in einem Radiointerview unerwünschte Wahrheiten über die Produktionsbedingungen der Kunst von sich gibt und deshalb die Finanzierung für ihren Film „Das Kino! Das Kunst“ verliert.

Die einzige Chance, den richtigen Film im falschen System zu machen, ist es, unterhaltsam zu sein. Max Linz, der Regisseur, der hiermit zugleich seinen Abschlussfilm an der DFFB zeigt, faltet seine 29 Jahre jungen Glieder auf das weiße Sofa der Cafeteria seiner Filmhochschule. „Jeder Film ist schon durch die Art, wie er gemacht wird, politisch. Die Möglichkeit, nicht politisch zu sein, gibt es nicht.“

Der Film wird als Satire gehandelt, aber Linz ist es natürlich vollkommen ernst. Der „erweiterte Kunstbegriff“, von dem der Film handelt, zeigt sich denn auch in allen Aspekten der Produktion: Es gab zum Beispiel kein Location- Scouting. Und auch kein Casting.

Statt „Location-Scouting“ fragte Max Linz Räume an, die mit ihrer Aussage auch ethisch-ästhetisch zu seinem Thema passten. „Kunst ist nicht autonom, sondern eine soziale Praxis, die sich auch zum Stadtraum in Beziehung setzt, in dem sie entsteht.“ Linz schätzt die „soziale Gestalt“ von Orten. Deshalb kommt zum Beispiel das Oscar-Niemeyer-Haus im Hansaviertel vor. „Diese Architektur soll jedem Mitglied der Gesellschaft eine ästhetische Lebensweise ermöglichen.“ Es wurde auch in der Akademie der Künste am Hanseatenweg gedreht und im Haus der Kulturen der Welt. Das sind „repräsentative Orte ohne Gesten der Macht.“ Linz vertraut darauf, dass sich die Aussage dieser Architektur im Film einfach vermittelt, ohne dass es angesprochen wird. Und es ist ja auch beinahe unmöglich, noch einen einzigen zusätzlichen Satz in diesem Film unterzubringen.

Statt eines „Castings“ gab es „Begegnungen, die es nahelegen, dass wir etwas zusammen machen.“ Mit den Schauspielern ist Max Linz schon lange bekannt, unter ihnen sind zwei behinderte. Deren mangelnde Perfektion, findet Linz, verweise eben auf die mangelnde Perfektion der anderen.

Das genormte Menschenbild im Film regt ihn künstlerisch auf. „Das fängt schon hier in der Schule an“, sagt Linz. Wenn man sich nur die Sed-Cards arbeitsuchender Schauspieler am Schwarzen Brett der DFFB ansehe: Die stellen sich vor anhand ihrer Maße und schreiben „Hessisch kann ich auch.“ Ihm dagegen geht es darum, „hegemoniale Darstellungsnormen zu verunsichern.“

Vor zwei Jahren hat Max Linz eine Videoreihe im Internet angestoßen, die sich mit den Produktionsbedingungen für Filme nach dem Oberhausener Manifest auseinandersetzt. Sie heißt „Das Oberhausener Gefühl“, und seinen Einführungstext dazu kann man auf perlentaucher.de nachlesen. Er wendet sich brillant-wütend gegen „bürokratische Konfektionslogik“ in der Filmindustrie, die Rede ist von der „Diskursverknappungsmaschine“ Doris Dörrie, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk als ein „auf Wirtschaftlichkeit dressiertes Medienimperium“. „Liebe Deutschland!“ sei „der kategorische Imperativ, dem jede budgetierte deutsche Film- und Fernsehproduktion unterliegt“. Und in seiner eigenen Filmhochschule, der DFFB am Potsdamer Platz, würden die Studenten „auf Linie gebracht“. Diesen Text liest man auch deshalb so gern, weil er die Dinge elegant zuspitzt, der Humor böse ist und die Wut einen wahren Kern hat. Ethisch-ästhetisch.

War er immer schon so wütend? „Nein, die Erfahrungen an der Filmhochschule haben mich wütend gemacht.“ Dass die Fördermechanismen des Filmmarktes bis in die Ausbildung hineinragen, die ja der Aufklärung verpflichtet sein sollte. Zuvor hat er an der FU und an der Sorbonne in Paris Filmwissenschaft studiert.

Eine Frage bleibt: Warum ist nach dem „Oberhausener Gefühl“ und der gelungenen Tirade nun Jan Schütte, Leiter der DFFB, Koproduzent? Warum ist dieser Film in ebenjenem beschriebenen System gefördert worden, nämlich vom RBB und dem Medienboard Berlin Brandenburg mit genau 60 000 Euro?

„Ich habe“, sagt Linz höflich-diskret, „die positiven Seiten meiner Wirkungslosigkeit erfahren.“ Deike Diening

10.2., 19 Uhr, (Delphi), 11.2., 22 Uhr, (CineStar Imax), 13.2., 13.45 Uhr, (Cinestar 8), 15.2., 20 Uhr Arsenal 1)