Filmstar Margot Hielscher gestorben : Die letzte Diva

Mit ihr endet eine ganze Ära des deutschen Kinos: Margot Hielscher war ein Ufa-Star, nahm 400 Platten auf und konnte besser singen als die Knef. Ein Nachruf.

Christian Schröder
Margot Hielscher 1988 mit ihren Hunden Fidi und Adam bei Dreharbeiten zur Fernsehserie "Rivalen der Rennbahn".
Margot Hielscher 1988 mit ihren Hunden Fidi und Adam bei Dreharbeiten zur Fernsehserie "Rivalen der Rennbahn".Foto: imago/teutopress

Der Beitrag, den die Popkultur zur Rezivilisierung der Deutschen nach 1945 geleistet hat, kann gar nicht überschätzt werden. Schließlich verloren die Nationalsozialisten den Krieg nicht nur deshalb, weil sie weniger Panzer, sondern auch, weil sie die schlechtere Musik als die Amerikaner hatten. Ihr Marschtritt kam nicht an gegen den Offbeat des Jazz.
Von diesem Siegeszug der Synkopen erzählt Rudolf Jugerts Film „Hallo, Fräulein!“ aus dem Jahr 1949. Eine von Margot Hielscher gespielte Sängerin gründet ein internationales Tanzorchester und tingelt mit ihm über die Dörfer. In einer hinreißenden Szene schaukelt sie in einem offenen Reisebus durch bayerische Berglandschaften und singt, begleitet vom „Teufelsgeiger“ Helmut Zacharias und der halben Kapelle, das Titellied: „In der Schule lernte ich mein Englisch nie / Doch jetzt lern ich Tag und Nacht und das wird so gemacht / Hey, how do you do – Hallo, Fräulein, wie geht es?“

Lektionen der Völkerfreundschaft

Lektionen in deutsch-amerikanischer Freundschaft, die schnell umschlagen können zu echter Liebe, denn die Solistin wird von einem US-Offizier umworben, den der Remigrant Peter van Eyck darstellt. Am Ende entscheidet sie sich aber natürlich für Hans Söhnker als treudeutschem Wiederaufbauingenieur. Denn der Zeitgeist war noch nicht so weit wie das Kino, deutsch-amerikanische Annäherungen galten als Fraternisierung mit der Siegermacht. Ein „Hallo-Fräulein“ war das Synonym für ein „Ami-Liebling“, das sich für ein Paar Nylons einem Eroberer an den Hals wirft. Hielscher hatte am Drehbuch des Swingfilms mitgeschrieben und dabei auf ihre Erinnerungen an die Zeit zurückgegriffen, als sie mit dem Gene- Hammers-Orchester durch süddeutsche Ruinenstädte getourt war. Damals, schrieb der „Spiegel“ 1948, sei ihr „die Erleuchtung von der völkerversöhnenden Wirkung der Musik“ gekommen.
Eine Stunde Null, den Aufbruch aus dem Nichts, markierte das Jahr 1945 für die Schauspielerin und Sängerin allerdings nicht. Ihre Karriere hatte Hielscher, die 1919 in Berlin geboren wurde und das Klavierspielen beim Virtuosen Rudolf Serkin lernte, 1939 als Kostümbildnerin bei der Ufa begonnen. Heinz Rühmann, den sie bei einer Produktion beriet, habe ihr – so erzählte sie später – gleich einen Heiratsantrag gemacht. Der Komponist Theo Mackeben vermittelte ihr die erste Filmrolle als Hofdame an der Seite von Zarah Leander in der Maria-Stuart-Adaption „Das Herz der Königin“.

Hymnen der Verruchtheit

Bis zum Kriegsende drehte Hielscher dreizehn Filme, und die Verruchtheits-Hymne „Frauen sind keine Engel“, die sie in der gleichnamigen Willi-Forst- Komödie sang, sollte zu ihrer Erkennungsmelodie aufsteigen: „Frauen sind keine Engel / Sie tun so doch nur zum Schein / Sie schaun euch mit sanften Augen an und können so herzlos sein.“ Vergleiche mit der ehemaligen Ufa-Trickfilmschülerin Hildegard Knef, die es ebenfalls zum Kino- und Gesangsstar brachte, wies Hielscher noch in hohem Alter erbost zurück: „Im Gegensatz zu ihr konnte ich wirklich singen!“
Sie veröffentlichte mehr als 400 Schallplatten, holte mit der polyglotten Fernsprechnummer „Telefon, Telefon“ 1957 den vierten Platz beim Eurovision de la Chanson, und war mit ihrer rotbraunen Mähne eine Zeit lang so etwas wie die deutsche Rita Hayworth. Allerdings bot ihr das Kino der Adenauer-Ära kein Meisterwerk wie „Gilda“ an, sondern Filme, die „Die vertagte Hochzeitsnacht“, „Schlagerparade“ oder „Bei dir war es immer so schön“ hießen. Ein Doppeltalent zu besitzen war nicht immer schön. „Ich singe für mein Leben gern, aber es hat mir auch Schwierigkeiten gemacht“, bekannte Hielscher in einem Interview mit dem ORF. „Es gab viele Rollen, die ich gerne gespielt hätte, doch die Regisseure sagten: Da gibt es doch gar nichts zu singen.“

Singen als Schicksal

Das Singen war ihr Schicksal, damit fand sich Hielscher irgendwann ab. Noch mit 91 Jahren nahm sie mit dem Kollegen Ulrich Tukur das Chanson „Hörst du das Meer?“ auf. Den Mann ihres Lebens, den Komponisten Friedrich Meyer, hatte sie bei den Dreharbeiten zu „Hallo, Fräulein!“ kennengelernt. Mit ihm war sie bis zu seinem Tod 1993 verheiratet. Margot Hielscher starb am Sonntag im Alter von 97 Jahren in München. Mit ihr endet eine ganze Epoche des deutschen Films. Sie war die letzte Ufa-Diva.

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