Flüchtlings-Doku : Hey, du guter alter Mond

Für ihrem Dokumentarfilm „Alles gut“ hat Pia Lenz zwei Flüchtlingsfamilien ein Jahr lang in Hamburg mit der Kamera begleitet

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Djaner, 8 Jahre. In Mazedonien schlugen sie ihn in der Schule. Hier in Hamburg ist er stolz, dabei zu sein.
Djaner, 8 Jahre. In Mazedonien schlugen sie ihn in der Schule. Hier in Hamburg ist er stolz, dabei zu sein.Foto: Rise & Shine Cinema

Wir schaffen das, sagt die syrische Mutter, und schlagartig wird klar, was dieser bis zum Überdruss zitierte Satz eigentlich bedeutet, wenn Geflüchtete ihn sagen. Und wenn sie damit eben nicht die Kanzlerin zitieren, sondern sich trotzig und verzweifelt Mut machen in aussichtsloser Lage. Am Ende dieses Films von Pia Lenz, die zwei Flüchtlingsfamilien ein Jahr lang in Hamburg mit der Kamera begleitet hat, gibt es für die sechsköpfige syrische Familie immer noch keine Wohnung. Der Vater, Adel, 46, sucht täglich, telefoniert, mailt, besichtigt unermüdlich, erhält zig Absagen, viele davon sind fadenscheinig. Wir sind noch nicht angekommen hier, sagt er, wir brauchen ein Zuhause.

„Alles gut“ zeigt die Mühsal der sogenannten Integration aus der Sicht derer, die wild entschlossen sind, sich zu integrieren. Und derer, die ihnen dabei helfen, dort, wo Integration zuallererst stattfindet, in der Schule, in den Unterkünften, auf den Ämtern. Es ist Sisyphosarbeit.

Deutsches Liedgut gegen mazedonisches Trauma

Der Film konzentriert sich auf die Kinder. Auf den achtjährigen Roma-Jungen Djaner und Adels elfjährige Tochter Ghofran. Djaner soll mit seinem Bruder und seiner erschöpften, überforderten Mutter Alisa abgeschoben werden. Er freut sich riesig auf die Schule, aber dann sitzt er im Unterricht und weiß nicht, wohin mit seiner Unruhe, der Angst, der Wut. Immer wieder muss die Familie sich vor der Polizei verstecken. Einmal liegt er im Bett, singt das Laterne-Lied „Hey, du guter alter Mond“, um sich zu trösten. Deutsches Liedgut gegen mazedonisches Trauma, zum Weinen. „Hier sind alle Kinder gleich“, sagt seine Mutter. Zu Hause wurde er in der Schule geschlagen. Aber das reicht nicht als Asylgrund.

Regisseurin Pia Lenz ist nahe dran an den Kindern, ihrer Einsamkeit, der Zähigkeit, der Würde auch eines Achtjährigen. Das nüchterne Ambiente, die Containerhäuser der Notunterkünfte, die Behörden- und Schulräume bilden den festgezurrten Rahmen, den die Kinder schier sprengen. Die Schulklasse als Mikrokosmos: Lehrer rufen Krisensitzungen ein, Eltern bangen um die Leistungen ihrer Kinder, aber sie organisieren auch einen Fahrservice. Manchmal klingen die Kids wie die Erwachsenen. Oder Ida, ebenfalls acht, meint pragmatisch: „Es gibt Flüchtlinge, die sind nicht nett. Dann muss man sie gut behandeln, dann werden sie nett“.

Alle wollen das Beste. Aber es bleibt schwierig.

Ghofran wiederum schottet sich ab, hört mit Knopf im Ohr Rap aus Aleppo, will sich treu bleiben. Bloß kein offenes Haar wie die türkischen Girls. Aber sie lernt Fahrrad fahren – in Syrien verboten für Mädchen – und schmettert im Schulchor mit. Ein Happy-End? Alle wollen das Beste, Sozialarbeiter, Pädagogen, Gutachter. Aber es bleibt bei der drohenden Abschiebung für die Roma, bei der zermürbenden Wohnungssuche für die Syrer. Ich muss weitersuchen, sagt Adel, immer weiter und weiter. Unsereins hätte längst Tobsuchtsanfälle bekommen oder resigniert das Handtuch geworfen. Alles gut? Es ist eine Beschwörung, ein Traum, ein Hohn.

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