Fortsetzung von Elena Ferrantes Neapel-Saga : Mütter, Machos und das Meer

Vom Elend der Geschlechter und anderen Unglücksfällen: Elena Ferrante setzt ihre bewegende neapolitanische Saga über die Freundschaft zweier Frauen fort.

Unter süditalienischen Himmeln. Zwei Kilometer Margherita, die längste Pizza der Welt, Mai 2016.
Unter süditalienischen Himmeln. Zwei Kilometer Margherita, die längste Pizza der Welt, Mai 2016.Foto: dpa

Wer nach der Lektüre von „Meine geniale Freundin“ der Versuchung widerstand, sich sofort den zweiten Teil von Elena Ferrantes vierbändiger Neapel-Saga im italienischen Original, auf Englisch, Französisch oder Dänisch zuzulegen, um das Hinterherhinken der deutschen Ausgabe als weniger schmerzhaft zu empfinden, wird jetzt belohnt. Mit dem wieder angenehm flüssigen, wo nötig auch flapsigen Deutsch, mit dem Karin Krieger sich schon des ersten Bands annahm. Warum allerdings die Salumeria von Lilas Ehemann nicht Feinkostgeschäft heißt (ein kokettes Zwinkern Richtung Toskanafraktion?), bleibt ebenso rätselhaft wie die Frage, warum das Ganze nun „Geschichte eines neuen Namens“ heißt, wo im Original der bestimmte Artikel steht: „Storia del nuovo cognome“.

Im großen, mehr als 60 Lebensjahre umfassenden Bogen seiner Protagonistinnen Lila und Lenù sind jetzt die Teenagerjahre dran. Nach der Heirat der erst 16-jährigen neapolitanischen Schusterstochter Raffaella-Lila-Lina Cerullo, mit der der erste Band endete, geht es jetzt um ihre ersten Ehejahre. Ihre gleichaltrige Kindheitsfreundin Elena Greco, die Ich-Erzählerin, quält sich währenddessen durch eine Pubertät zwischen schulischem Ehrgeiz und dem Elend zu Hause, traurigen ersten Knutschereien und der vergeblichen Leidenschaft für Nino Sarratore, den ebenso brillanten wie labil-undurchsichtigen Schulfreund.

In der „Geschichte eines neuen Namens“ entfaltet die Autorin – für den dringenden Verdacht, dass hinter dem Pseudonym Elena Ferrante eine Frau steckt, hätte es die Enthüllungswut eines italienischen Kollegen im vergangenen Jahr gar nicht gebraucht – die drei Themen, die diesen Zyklus neben seiner Sprache so stark machen, auch über gelegentliche Längen hinweg. Eine leidenschaftliche Kritik an den Möglichkeiten des Aufstiegs durch Bildung, eine intime Analyse der Lebensbedingungen von Frauen und eine Abrechnung mit der Liebe.

Einwände gegen das Konzept der Liebe

Vor allem ihre fundamentalen Einwände gegen das Konzept der Liebe zeigen, was ihre Saga von Frauenliteratur vom Grabbeltisch, in deren Nähe sie schon gerückt wurde, grundsätzlich unterscheidet. „Man nennt es Liebe“ – die italienische Literatur hat den feministischen Seufzer vielleicht am bittersten festgehalten. So unversöhnlich, wie ihr Vitaliano Brancati in „Der schöne Antonio“ in den späten 1940er Jahren zu Leibe rückte, kann es auch Ferrante. Und zwar nicht sarkastisch, sondern noch radikaler: Für Ferrante ist die Liebe nichts als eine Behauptung, eine Fassade der Konventionen, hinter der ungestört betrogen, manipuliert und zerstört wird. Die Liebe trifft nicht einfach die Falschen, endet tragisch oder säuft im Ehealltag ab – es gibt sie gar nicht. Selbst Lenùs schmerzvolle Schwärmerei für den schönen Nino bestimmt ihr Leben kaum. Prägender ist die Überanstrengung in der Schule und bei den Hausaufgaben am Küchentisch, die nötig sind, um irgendwann den Rione, das elende Viertel ihrer Kindheit, die sie ständig entmutigende Mutter und die Aussicht auf eine Ehe nach deren Geschmack hinter sich zu lassen.

Das Leben ihrer Freundin Lila ist sogar völlig frei von pubertärer Schwärmerei. Sie liebt nicht, sie heiratet noch als halbes Kind einen Mann, von dem sie sich Schutz vor den gewaltsamen Zumutungen des Viertels verspricht. Noch während der Hochzeitsfeier erfährt sie, dass er sie verraten hat. Er wird ihre Energie und ihren klugen Kopf auch weiter ausbeuten und an seine Mafia-Freunde verkaufen. Von der Hochzeitsnacht an vergewaltigt er sie. Was der Status der verheirateten Frau über ihr privates Schicksal hinaus bedeutet, macht ihr die eigene Mutter klar, als Lila-Lina sich in den Ferien auf einen Tag und eine Nacht für ein Abenteuer frei machen will.

Signora Nunzia, die der Tochter als Aufpasserin in die Ferien gefolgt ist, schluckt zwar die fromme Lüge, mit der Lila den kurzen Ausbruch begründet. Doch schon deren Anspruch auf „ein bisschen Freiheit“ erscheint ihr unerhört: „Lina, was redest du denn da? Freiheit? Was denn für eine Freiheit? Du bist verheiratet, du bist deinem Mann Rechenschaft schuldig. Lenuccia darf ein bisschen Freiheit wollen, du nicht.“ Auch von ihren gleichaltrigen Freunden und Freundinnen ist Lila nun isoliert: „Die Rolle als Ehefrau hatte sie quasi unter Glas gesetzt, wie ein Schiff, das mit vollen Segeln an einem unerreichbaren Ort kreuzt, fast ohne Meer.“

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