Kultur : Fundsachen

Kunst vom Balkan beim Belgrader Oktobersalon.

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Schräg. Skulptur von Samuil Stoyanov.
Schräg. Skulptur von Samuil Stoyanov.Foto: Max Merz

„Good Life“ lautet das Motto, das der serbische Kurator Branislav Dimitrijevik und der in Berlin lebende Finne Mika Hannula für den diesjährigen Oktobersalon in Belgrad ausgesucht haben. Viele Belgrader finden das zynisch. Zwölf Jahre nach dem Sturz Miloševiks ist das Leben in Serbien alles andere als gut: hohe Arbeitslosigkeit, leere Staatskassen. Kunst hat da keine Priorität. Das Museum für zeitgenössische Kunst in Belgrad ist seit 2007 geschlossen. Der Regierung fehlt angeblich das Geld für die Vollendung der Renovierung.

„Wir sind nicht zynisch. Wir beziehen uns auf Aristoteles’ Begriff des ‚guten Lebens’“, sagt Dimitrijevik. Der Oktobersalon ist die wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst auf dem Balkan und eine der wenigen, die sich Belgrad noch leistet – kontinuierlich seit 1960, auch wenn das Budget mittlerweile minimal ist. Dimitrijevik und Hannula haben für die 53. Ausgabe des Oktobersalons einen spektakulären Ort ausgesucht. Das Geozavod, das geodätische Institut im Stadtteil Savamala, ist ein wuchtiges Gebäude, eine Mischung aus Jugendstil und Neoklassizismus, das vor dem Ersten Weltkrieg gebaut wurde. Die rostigen Dachschindeln glänzen wie Schlangenhaut in der Sonne. Bis kurz vor Eröffnung war nicht klar, ob die Behörden das Gebäude überhaupt für den Publikumsverkehr freigeben würden.

„Der Oktobersalon soll Räume öffnen, physisch und mental“, sagt Dimitrijevik, der an der Belgrader Schule für Kunst und Design lehrt und 2003 den serbischen Beitrag zur Venedig Biennale kuratierte. „Wir möchten die Verwirrung thematisieren, in der wir uns befinden, aber auch Hoffnungen, an denen wir festhalten oder die neu erfunden werden müssen.“ An die 30 Künstler aus Ex-Jugoslawien und Westeuropa haben er und Hannula eingeladen, darunter Venedig-Biennale-Teilnehmer Ahmet Ögüt aus der Türkei, den in Kroatien lebenden Konzeptkünstler Mladen Stilinovik oder die Berliner Stadt-Interventionisten Silvia Lorenz und Wolfgang Krause, die ihrerseits Künstler aus Berlin und Belgrad einluden und Nachbarschaftsbegegnungen in Savamala initiierten.

Savamala ist ein ärmlicher Stadtteil im Zentrum Belgrads, direkt am Ufer der Save. Die Luft ist grau vom Schmutz der Autos und Lastwagen, die hier ohne Unterlass durchfahren. Doch die Gegend beginnt sich zu wandeln. Vor kurzem fand im Geozavod das neue, schicke Kunst- und Design-Festival Mikser statt. Am Ufer der Save haben neue Restaurants eröffnet. Im Geozavod hingegen ist das 20. Jahrhundert eingelagert wie in einem Einmachglas. Das Gebäude wurde als Bankhaus und Sitz der Belgrader Börse gebaut, dann von einer Versicherungsgenossenschaft und später vom Institut für Geologie genutzt. Die reich verzierten Jugendstil-Bankschalter sind noch da, meterdicke Tresortüren aus Berliner Produktion, alte Tapeten und hinter jeder Tür eine Überraschung: Akten, Bücher, Chemikalien. Die Künstler bekamen die Erlaubnis, alles was sie im Geozavod finden, zu nutzen. Das sieht man der Ausstellung an: Es gibt diverse Skulpturen aus Fundmaterial. Der Berliner Karsten Konrad hat aus Stühlen, Schränken und Tischen eine bogenförmige Skulptur gebaut, die den prächtigen Säulenaufgang im Geozavod überspannt.

Dieses Jahr gehe sie nicht zum Oktobersalon, sagt eine Bewohnerin Savamalas auf der Straße. „Warum soll ich ins Geozavod gehen und weinen?“ Viele möchten das alte Zeug nicht mehr sehen. Das Chaos und den Müll. „Wir haben bessere Kunst in Serbien“, sagt ein Besucher. Belgrad war einst ein Zentrum für Kunst, Musik und Kultur, darüber hat sich der Nebel der 90er Jahre gelegt, der unaufgearbeitete Krieg hat vieles zerstört. Aber Interesse gibt es doch. Wenn Kurator Dimitriejevik durch das Haus führt, kommt es vor, dass sich 60 bis 70 Menschen an seine Fersen heften. Den Vorwurf, dass Kunst machtlos sei und an dieser Recycling- Kunst nichts abzulesen ist, muss sich die Ausstellung gefallen lassen. „Die Kunst ist dann machtlos, wenn sie versucht, etwas zu tun, was sie nicht tun kann: die Welt verändern“, sagt Dimitrijevik. „Wir versuchen das gar nicht.“ Birgit Rieger

Bis 4.11., Karadordeva 48, Belgrad

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