Kultur : Galopp der Großstadt

Else Lasker-Schüler singt Hymnen auf Berlin.

Erhard Schütz

Dieses Berlin, kreisende Weltfabrik. Tempo: auf Rollen laufen die Einwohner, entnerven oder verstehen sich zu entorganisieren, vermögen maschinell zu werden.“ 1922 schrieb Else Lasker-Schüler ihre Hymne auf die Stadt. So wenig wie Gott zieht der Künstler sich aufs Dorf zurück, sagt sie. Doch Liebe zur Stadt, fährt sie fort, schließt die zur Natur nicht aus. Tatsächlich liefert sie, neben Porträts ihrer Bewohner und prominenten Besucher – Peter Hille, Karl Kraus, Tilla Durieux, Magnus Hirschfeld, Gottfried Benn und vielen anderen – einfühlsame Miniaturen über Gartenhof oder Eberesche. Selbst die Wand vorm Fenster wird so gut ein Stück Natur, wie die Affen im Zirkus oder die Hündchen der Dichterin: Stadtnatur.

Kein Wunder, dass für sie unmittelbar neben dem Halleyschen Kometen 1910 die Zirkussterne leuchten. Alles ist irgendwie erleuchtet, durchglüht, denn hier schreibt eine „Entzückte“. Wer ihr bisher als exaltiert Schraubenlockerer oder von kratzbürstigen Leidensdamen adoptiertem Schmusetier aus dem Weg gegangen ist, kann nun Versäumtes nachholen. Es lohnt sich gleich dreifach.

Man lernt erstens die poetische Prosa einer Dichterin kennen, die Gottfried Benn für unsere Größte hielt, eine die von sich sagte: „Schriftstellerinnen sind immer tätig, und tätige Menschen sind gefährlich, oft sogar unzurechnungsfähig; aber ich sei nur erdentrückt, erklärte ich“. Das weit ausgreifende, kundige Nachwort erklärt, was man über dieses Leben in sozusagen somnambuler Selbstbestimmtheit sonst noch wissen muss.

Man lernt zweitens und vor allem das Berlin zwischen 1903 und 1928 neu kennen. Am anrührendsten in einer Miniatur von 1910 über den frisch gestalteten Kurfürstendamm, in dem sie die „lieblichen Reiterinnen“ erwähnt, die dort „auf ihren verwöhnten Schimmeln“ dahingaloppieren, um zugleich an die Qual der ein Jahr zuvor gnadenlos zur Arbeit gepeitschten Karrengäule zu erinnern. Ausgerechnet ein Schutzmann nimmt dabei die Quäler in Schutz, die doch selbst von ihren Brotherren gequält werden. Wie dieser Schutzmann steht sie zwischen allen, aber zugleich darüber und sieht die Schmerzen und die Schönheit. Ach ja, der dritte Lohn des Lesers: ein sorgfältig, liebevoll und schön gemachtes Büchlein. Erhard Schütz

Else

Lasker-Schüler:
Die kreisende Weltfabrik.

Berliner Ansichten und Porträts. Transit Verlag, Berlin 2012.

127 Seiten, 14,80 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben