Kultur : Ganz absurd real

Kühles Berlin: „Das merkwürdige Kätzchen“.

In aller Stille eingepanzert. Die Mutter (Jenny Schily). Foto: peripher
In aller Stille eingepanzert. Die Mutter (Jenny Schily). Foto: peripher

Die Katze kratzt an der Schlafzimmertür, keiner öffnet ihr. Karin schläft noch, sie ist übers Wochenende zu Besuch bei den Eltern und der kleinen Schwester Clara. Clara (Mia Kasalo) lernt gerade schreiben, sie krakelt auf den Einkaufszettel, die meisten Wörter schreibt sie falsch. Schön falsch, sagt Karin (Anjorka Strechel). Wenn die Kaffeemaschine brummt, schreit Clara los, sie ist eine fröhliche Krachmacherin. Die Mutter schweigt und lächelt streng, die Katze schnurrt, der Hund knurrt, ein Falter flattert über den Tisch. Der Schwager kommt mit Werkzeugkiste, um die Waschmaschine zu reparieren. Das dauert, sein Sohn Jonas steht im Türrahmen und schaut zu.

Sonnabend in einer Berliner Altbauwohnung. Die erwachsenen Kinder sind angereist, die Großmutter wird vom Bahnhof abgeholt, der Vater kauft ein, man bereitet das Essen vor, später tauchen die Tante und Nichte Hanna (Kathleen Morgeneyer) auf, die einen Cellokasten mit Blinklicht auf dem Rücken trägt. Regisseur Ramon Zürcher hat ein Familienkammerspiel mit Katze gedreht, in dem aus schnöder Alltagsroutine – Pfandflaschen wegbringen, einen Knopf annähen, Sätze wechseln wie „Du hast den Pulli falsch rum an“ – surreale Momente hervorblitzen, das absurde Theater der Wirklichkeit. Eine Glasflasche kreiselt, ein Ball fliegt durchs offene Fenster, die Dingwelt gehorcht ihren eigenen Gesetzen und entwickelt eine stille Magie.

Das 70-minütige Spielfilmdebüt des Béla-Tarr-Schülers und Dffb-Absolventen lief 2013 im Forum der Berlinale, es ist unübersehbar vom Minimalismus der Berliner Schule geprägt. Aber der Regisseur, Jahrgang 1982, hat seine eigene Agenda. Beredte Monologe, stumme Blicke, kurze Dispute, eine Familien-Etüde: Zürcher nennt „Das merkwürdige Kätzchen“ eine audiovisuelle Skulptur, sehr frei nach Kafkas „Verwandlung“. Eine Bewegung löst die andere aus, wie Billardkugeln, sagt der Filmemacher, der auch für Buch, Schnitt und die polyfone Soundcollage verantwortlich zeichnet.

Die Kamera bleibt auf Beobachtungsposten, reglos, meistens auf Hüfthöhe, auf Kinderaugenhöhe. So diskret der Film bei seiner Aufzeichnung der familiären Alltagschoreografien auch vorgehen mag, er ist der quirligen Clara und Karin mit ihren verrückten Theorien über die Fallgesetze von Orangenschalen oder die einschlaffördernde Wirkung von kalorienhaltigen Milchgetränken näher als den Eltern. Der Mutter zum Beispiel. Jenny Schily verleiht ihr einen zarten Seelenpanzer, eine kaum merkliche Verbitterung. Manchmal verteilt sie kurze Sätze wie Ohrfeigen, manchmal dauert sie einen, weil alle ihre Aufmerksamkeit wollen. Gesichter, Geschichten, Gelächter, Gesten – eine filmische Fingerübung nur, und doch ein zauberhaftes Stück Kino, wie es in Deutschland viel zu selten vorkommt.Christiane Peitz

fsk, Hackesche Höfe

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