Kultur : Generation Gegenstand

Die Berlinische Galerie ehrt den Berliner Maler K. H. Hödicke zum 75. Geburtstag mit einer umfassenden Werkschau.

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Vater der Neuen Wilden. Bei K. H. Hödicke lernten Rainer Fetting, Salomé und Helmut Middendorf malen. Foto: Georg Moritz
Vater der Neuen Wilden. Bei K. H. Hödicke lernten Rainer Fetting, Salomé und Helmut Middendorf malen. Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

Berlin ist schwarz mit roten Flecken. Ein helles Dreieck schiebt von rechts wie eine auslaufende Welle ins Bild. Sie trägt einen Surfer, der aber schon im nächsten Moment zum Passanten auf nächtlicher Straße wird. „Street Life“ hat K. H. Hödicke sein Bild von 1996 genannt. Es geht ihm immer um die Stadt, und doch verwischen in der „Notturnos“ betitelten Serie mehr als einmal alle Gewissheiten. Sieht man die Lichter fahrender Autos? Farbige Reflexe auf Pfützen im Asphalt oder illuminierte Hütten am Rand eines dunklen Gewässers? Passend zum Titel wirkt manches auch wie eine Partitur aus weißen, grünen und gelben Noten, die garantiert unterschiedlich klingen. Bloß hören muss man das selbst.

Hödicke hat seinem Publikum 2007 Gelegenheit dazu gegeben. In der Galerie Wolfgang Gmyrek, die dem Künstler damit in ihren neuen Räumen an der Friedrichstraße zum siebzigsten Geburtstag gratulierten. Fünf Jahre später feiert ihn nun die Berlinische Galerie mit der Ausstellung „K. H. Hödicke – Malerei, Skulptur, Film“. Sie blickt zurück auf das Werk des Avantgardisten und fokussiert besonders auf die sechziger und siebziger Jahre, in denen der Maler, der am Donnerstag seinen 75. Geburtstag feiert, der Neuen Figuration den Boden bereitete.

Die „Notturnos“ aus der Zeit nach dem Mauerfall vermitteln das Unerhörte dieser gegenständlichen Malerei bloß noch in Ansätzen. Sie verblenden Figuratives und Abstraktes zu atmosphärischen Stadtlandschaften, in denen Hödicke ungewohnt versöhnlich auf seine Stadt blickt. Im Wortsinn, denn das Atelier des Malers befindet sich in einem turmartigen Haus, von dem aus er Berlin beobachtet. „Eine steinige Stadt“, meint Hödicke. Über ein Jahrzehnt brauchte er bloß aus dem Fenster zu schauen, um die Sujets seiner Bilder vor Augen zu haben: das Brandenburger Tor, die Mauer, den Potsdamer Platz. Den freien Blick dieser achtziger Jahre gibt es nicht mehr, aber Hödicke lässt sich immer wieder auf Veränderungen ein. Anfang der siebziger Jahre, als er den „Himmel über Schöneberg“ in zahllosen Collagen festhielt, ging der Blick aus der Froschperspektive der Hinterhöfe geradewegs zum eng umzäunten Ausschnitt in Düsterbraun, Blaugrau, Nachtblau. Darum gruppiert sich die steinerne Architektur.

Im Werk des Künstlers offenbart sich ein Bild von Berlin, das man fast schon vergessen hat. Auch Hödickes Schüler haben es gezeichnet – mit heftigen Gesten und in brennender Farbigkeit, weshalb Rainer Fetting, Salomé oder Helmut Middendorf stets die Neuen Wilden genannt werden. Ein Label, das längst in der Beliebigkeit angekommen ist. Dahinter drohen die Konturen der einzelnen Lebenswerke immer mal wieder zu verschwinden. Auch das von Hödicke als Vaterfigur jener Malergeneration. Obgleich in seine Zeit als Professor ab 1974 an der heutigen Universität der Künste zahllose andere Schüler hinzugekommen sind – darunter die Malerin Katrin Kampmann, Jan Muche oder Maria Eichhorn als explizite Konzeptkünstlerin.

Auch Hödicke hat anders begonnen. Als Schüler und Kontrastgestalt von Fred Thieler, der als Professor für Malerei in Berlin das abstrakte Informel pflegte. „Thieler war damals Avantgarde, und Westberlin war wie Düsseldorf.“ Ästhetisch habe die Kunstrichtung Zero den Ton vorgegeben, dazu gehörten Designermöbel von Knoll. Puristische Interieurs, in die die jungen Berliner Maler wie Berserker brachen: „Die Russen kommen, hieß es, als ich in der Galerie Werner ausgestellt habe“, erinnert sich Hödicke. Er selbst war 1945 mit seinen Eltern von Nürnberg nach München geflohen, dort starb die Mutter des gerade Siebenjährigen. Und obgleich 1957 der nächste Umzug nach Berlin folgte, war Hödicke nachhaltig beeindruckt von der Opulenz jener katholisch geprägten Stadt: „Ich kam aus dem Süden, mit Barock und Lüftlmalerei im Kopf.“ Natürlich wollte man sich auch absetzen als junge, neue Malergeneration. Das Ergebnis war ein Job bei der Post nach dem Kunststudium.

„Sie können sich das heute nicht mehr vorstellen“, meint Hödicke. Anfang der sechziger Jahre hätten die Finger einer Hand gereicht, um die kommerziellen Galerien in Berlin zu zählen. Von denen stellte niemand gegenständliche Bilder aus wie „Der große Schlachter“ (1963), das heute im Besitz der Berlinischen Galerie ist und die Verbundenheit des Malers mit Kollegen wie Max Beckmann demonstriert. Ein expressives Triptychon mit verzerrten Figuren, roten Hunden und einer weißen Gestalt wie ein Luftgeist, der ganz zufrieden aus dem Bild blickt. Als habe Hödickes Alter Ego sich endlich mit Pinsel etwas Luft im stickigen Kunstbetrieb verschafft.

Tatsächlich eröffnete der Maler ein Jahr später zusammen mit Markus Lüpertz und Bernd Koberling die legendäre Produzentengalerie Großgörschen 35. „Es war der Druck, etwas zeigen zu wollen.“ Und der eigene Showroom in Schöneberg ein echtes Ventil. Auch wenn sie kaum etwas verkauften und Hödicke weiter nachts Briefe sortieren musste, um Geld zu verdienen. „Vom Atelier direkt ins Museum, so hatte ich mir den Weg meiner Bilder damals vorgestellt“, sagt Hödicke und lächelt selbst über seine Naivität von damals.

Das ist lange her und die Generation Gegenstand längst in die Institutionen eingezogen. Vorwiegend mit Tafelbildern, die im Fall von Hödicke ein ewig raues, aggressives Bild von Berlin zeichnen: „Ich lebe heute noch ein bisschen auf Kriegsfuß mit dieser Stadt. Ich könnte mir aber auch nichts anderes vorstellen.“ Man glaubt es gern und gewinnt sogar den Eindruck, als speisten sich die widerstrebenden Kräfte der Gemälde aus eben jener Widerspenstigkeit, die beide gleichermaßen charakterisiert – den Maler und die Stadt.

In der Berlinischen Galerie lernt man jedoch auch Hödickes andere Seiten kennen. Experimentelle Filme aus der Frühzeit sind ebenso Teil seiner Ausstellung wie „Kalter Fluss“ von 1969: ein Fass voller Teer, der sich in einem Monate währenden Prozess von der Wand Richtung Boden bewegt hat und irgendwann erstarrt ist. Bewegung als ein langer, zäher Fluss. Ein kinetisches Objekt, das erst aus dem Rahmen zu fallen scheint und am Ende doch den expressiven Duktus des Malers wie gewohnt beschwört. Und eine Einsicht: Berlin ist K. H. Hödicke.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, Eröffnung am 21. Februar um 19 Uhr, bis 27.Mai., Mi-Mo 10-18 Uhr

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