• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Kultur : Genosse Goya

23.07.2012 00:00 Uhrvon
Neuer alter Meister. „Der Narr und das Mädchen“ von Werner Tübke (1982). Foto: Galerie Schwind, © VG Bild-Kunst, Bonn 2012Bild vergrößern
Neuer alter Meister. „Der Narr und das Mädchen“ von Werner Tübke (1982). Foto: Galerie Schwind, © VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Vorschau auf ein künftiges Museum: Potsdam zeigt Teile der Sammlung Plattner.

Es ging schnell und ist trotzdem zu spät. Auch wenn ab Dienstag die Sammlung des Software-Milliardärs Hasso Plattner im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte allen zugänglich ist, ändert das nichts mehr an den Gräben, die sein Angebot für Potsdam gerissen hat. Hier die Bewahrer, die einen groben architektonischen Klotz wie das Mercure-Hotel weiter im Stadtzentrum sehen wollen, weil sich in ihm DDR-Geschichte spiegelt. Dort die Initiatoren einer neuen „Montagsdemo“ mit dem dringenden Wunsch nach städtebaulicher Veränderung, wie sie die geplante Kunsthalle mit sich gebracht hätte.

Dass die Demonstranten mit Prominenten wie Günter Jauch oder Wolfgang Joop vom kulturellen Engagement und damit von einer zutiefst bürgerlichen Idee beseelt sind, während die Fraktion der Linken im Stadtparlament mit ihrer Ablehnung des Neubaus zugleich die Leipziger Schule aus ihrer Stadt scheucht, ist eine skurrile historische Volte.

Plattners junge Sammlung hätte mit Bernhard Heisig, Willi Sitte, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer ein anderes Erbe aus DDR-Zeiten in das Herz von Potsdam gebracht. Eines, das weiter wirkt, denn die von ihm erworbenen Bilder sind großenteils nach der Wende entstanden. Und auch wenn die ältere Generation – Tübke starb 2004, Heisig im Juni 2011 – ihr Werk nahezu abgeschlossen hat, arbeiten Maler wie Arno Rink oder Ulrich Hachulla immer noch.

Inzwischen hat Plattner sich für den Rückzug auf sein Grundstück am Jungfernsee entschieden und plant dort einen Museumsbau. Eine Privatsammlung auf privatem Grund: Das passt doch, werden nicht wenige erleichtert denken, die dem SAP-Mitgründer „bourgeoises“ Verhalten unterstellten. Und vergessen, dass hinter dem demonstrativen Zeigen neben Eitelkeit immer auch ein Auftrag steht. Kunst als Allgemeingut muss sichtbar bleiben – möglichst zentral und öffentlich, statt nur nach Anmeldung hinter Villenzäunen.

Was ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wäre, zeigt nun die Ausstellung „Einblick und Ausblick“. Anhand von 27 Gemälden, die überwiegend aus den Ateliers von Heisig und Mattheuer stammen. Drei große Formate von Rink beweisen, welche Impulse er seinem berühmtesten Schüler Neo Rauch zu geben vermochte. Vorbilder wie Goya scheinen in Tübkes imposantem Ölgemälde „Der Narr und das Mädchen“ von 1982 auf, während Hachulla in seinem Diptychon anhand einer karnevalesken Szene noch einmal den Verismus der zwanziger Jahre beschwört.

Ansonsten überwiegt gediegenes Alterswerk. Heisig, einst expressiver Zertrümmerer der Form, legt sich bloß noch vereinzelt mit dem preußischen Geist des Militarismus an. Viel lieber malt er in den letzten Lebensjahren die grünen Alleen auf dem Weg in sein Dorf Strodehne. Auch Mattheuer liebt das ländliche Idyll, dem er schon 1960 ein „Gartenbild“ widmet. Sitte schließlich, als Präsident des Künstlerverbandes der DDR bis heute höchst umstritten, stellt zu Beginn der siebziger Jahre sein „Alexisbad“ halb kubistisch, halb fauvistisch dar.

Er wolle „kein DDR-Museum“ aufbauen, sagt Plattner. Seine Auswahl, die sich eng am Programm der Galerie Schwind (Leipzig/Frankfurt am Main/Berlin) orientiert, unterstreicht dieses Anliegen. Fast scheint es, als habe der Unternehmer in den alternden Malern Seelenverwandte jener Künstler der Klassischen Moderne entdeckt, von denen er ebenfalls zahlreiche Werke besitzt. Beides soll in Potsdam langfristig unterkommen und wäre im Zentrum der Stadt ungleich besser aufgehoben als in der Abgeschiedenheit eines Seegrundstücks. Christiane Meixner

Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Potsdam, Am Neuen Markt 9, bis 16. September. Di bis Do 10–17, Fr 10–19, Sa/So 10–18 Uhr.

Alle Folgen von Jam’in’Berlin

Tagesspiegel twittert

Empfehlungen bei Facebook

Weitere Themen aus der Kultur

Service

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz

Foto:

Alle Tickets für Berlin und Deutschland bequem online bestellen!

Tickets hier bestellen | www.berlin-ticket.de