Geschlechterdebatte : Hat der Mann noch eine Zukunft?

Alle Zahlen sagen: Frauen sind im Kommen. Schon jetzt sind in den USA die weiblichen Chefs erstmals in der Mehrheit. Und wenn das so weitergeht, was wird aus dem Mann? Eine Prognose.

Saskia Eversloh
Narren bei der Weiberfastnacht in Düsseldorf spielen Dinosaurier des Testosteron-Zeitalters.
Narren bei der Weiberfastnacht in Düsseldorf spielen Dinosaurier des Testosteron-Zeitalters.Foto: dpa

Moritz und Lea-Sophie küssen sich innig vor dem virtuellen Mohnblumenfeld, das er heute eigens für sie installiert hat. Die beiden sitzen in Moritz’ mobilem Solar-Apartment auf einem der letzten Plattenbauten in Berlin-Mitte. Es ist 18 Uhr am 3. November 2046: Lea-Sophie und er feiern ihren ersten Jahrestag.

Gewiss, denkt der 39-Jährige, hier und da gäbe es noch etwas an ihr zu verfeinern: die Haut weicher, die Augen ausdrucksstärker. Aber die Deaktivierungsfrist für Androiden ihres Baujahrs ist längst abgelaufen. Und wo sollte er, ein einfacher Programmierer im Home-Office – ohne viel Geld, dafür aber mit ersten Falten –, auch noch mal eine solche Partnerin herbekommen? Eine, die jünger ist als er, die nur sagt, was er sie gelehrt hat, die trotzdem gefühlsecht ist – und bei Bedarf ausschaltbar.

Am Morgen dieses Novembertages hatte Moritz im Internet von der neuen Initiative gelesen, die der Minister für Familien, Senioren, Männer und Jugend bald auf den Weg bringen will: gezielte Männerförderung, auch im Erwachsenenalter. Für einen Moment hatte Moritz sich vor einem dieser elend langweiligen Seminare gefürchtet, in denen Männer „soft skills“ und weibliches Kommunikationsverhalten erlernen müssen, um sich im „empathischen Wissenszeitalter“, von dem jetzt immer die Rede war, schnell und flexibel mit Ansprechpartnerinnen überall auf der Welt verständigen zu können. Aber dann war ihm klar geworden, dass er wahrscheinlich gar nicht Teil der Zielgruppe war. Immerhin gehörte er zu der Generation, in der es noch fast so viele Jungen wie Mädchen aufs Gymnasium geschafft hatten.

Und dann würde die Regierung wohl auch nicht allzu viel Geld und Aufwand in das Programm investieren: Ausgerechnet die Finanzministerin hatte schließlich vor kurzem mit einem E-Book für Aufsehen gesorgt, in dem sie die These vertrat, Männer seien rein genetisch nicht für die Herausforderungen des „empathischen Wissenszeitalters“ geeignet, daran könnten auch der „Men’s Day“ und Jungenförderschulen nichts ändern.

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Schon 2009 propagierte die erste bekennend lesbische Regierungschefin, Johanna Sigurdardottir aus Island, das Ende des Testosteron-Zeitalters: Dieses sei für die weltweite Finanzkrise verantwortlich. Im August 2010 machte „The Atlantic“ mit der Schlagzeile „Das Ende des Mannes“ auf. Das amerikanische Magazin beschrieb in seiner Titelgeschichte eine völlig neue Situation: Erstmals in der US-Geschichte absolvierten nicht nur mehr Mädchen die höheren Schulen und Universitäten, es wurden auch mehr Arbeitnehmerinnen gezählt – vor allem mehr weibliche als männliche Fach- und Führungskräfte. Klaus Hurrelmann, Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin, glaubt: „Männer werden im Bildungssystem so lange schlechter abschneiden und Nachteile beim Berufseinstieg haben, bis dieser Trend allen Beteiligten bewusst geworden ist.“ Dieser Prozess werde sich noch bis etwa 2015 zuspitzen, dann komme es zu einer öffentlichen Debatte. Erst um 2025 werde die breite Öffentlichkeit die Benachteiligung von Jungen als Ungerechtigkeit empfinden.

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Während er am späten Abend durch die Straßen am Alexanderplatz streift, um an der frischen Luft seine Gedanken zu ordnen, denkt Moritz an seine letzte Freundin. Sie hatte ihn einfach so verlassen. Wegen eines Jüngeren. Gerade mal Mitte 20 soll er sein. Er gehört zu jenen Männern, die Moritz von ganzem Herzen hasst, die er für Verräter am eigenen Geschlecht hält: jenem Schwarm junger, gutaussehender männlicher Praktikanten mit tiefgezogenen Hosen und aufreizenden Piercings, die sich in den Büroetagen an ihre weiblichen Chefs heranmachen. Eine ganze Generation von Söhnen hatte den Vätern die Partnerinnen genommen.

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Im Juni 2010 hat das als Downsizing bekannte Phänomen, dass erfolgreiche Frauen sich bei der Partnerwahl nach unten orientieren, in den konservativen Kreisen Europas einen spektakulären Fall hervorgebracht: Victoria von Schweden heiratete ihren ehemaligen Fitnesstrainer. Klaus Hurrelmann: „Eine Jahrhunderte alte Tradition – Frauen heiraten nach oben, Männer nach unten – klingt langsam aus. In Zukunft werden sich mehr Männer nach oben orientieren.“ Vielleicht haben sie gar keine andere Wahl. Laut der Boston Consulting Group werden sich 2030 zwei Drittel des US-Vermögens in Frauenhand befinden.

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An der Jannowitzbrücke erblickt Moritz von weitem ein Jungmänner-Rudel, wie es sie in letzter Zeit immer häufiger gibt. Er macht einen weiten Bogen um die laut pöbelnde, Bier trinkende Gruppe. Wie hier rotten sich Männer, die früher jene Arbeit machten, die heute Maschinen erledigen, überall im Land an Tankstellen, in Einkaufszentren und auf Spielplätzen zusammen, schlagen wahllos Leute zusammen, belästigen Frauen. Gott sei Dank, denkt er, herrschen bei uns noch keine Zustände wie in den USA, wo der „white male trash“, der nicht über die Elementarschule hinausgekommen ist, ganze Straßenzüge in Besitz genommen hat. Andererseits: Wenn er heutzutage jung wäre, wie diese Männer an der Jannowitzbrücke, und nicht klug genug, um selbst erfolgreich zu sein, aber auch nicht gutaussehend genug für eine erfolgreiche Frau... Er weiß nicht, ob er dann nicht sogar einer von ihnen wäre. Wie schwer es für sie sein muss, überhaupt noch eine Frau zu finden!

Es gibt ja immer weniger Frauen. In Massen wandern sie ab, besonders die hochqualifizierten – der Arbeit wegen, aber auch, weil es anderswo zumindest ein paar mehr Männer gibt, die eher nach ihrem Geschmack sind. Schweden, Dänemark, ja selbst das ehemals am dünnsten besiedelte europäische Land, Finnland, haben seit der historischen Pisa-Krise in Deutschland und der Windelprämie, die skandinavische Väter scharenweise in die Heime und an die Herde treibt, die höchsten weiblichen Zuwanderungsraten. Selbst in den entlegendsten Landesteilen Finnlands sind die Grundstückspreise in horrende Höhen gestiegen.

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Zukunftsforscher Matthias Horx im Oktober 2010: „In Schweden nehmen 40 Prozent der Männer Vaterschaftsurlaub, und 30 Prozent der Topverdiener sind Frauen. Das Problem, das Männer heute und in Zukunft hierzulande, in unserer eher noch unemanzipierten Gesellschaft haben, ist, dass sie gleichzeitig Karriere machen, Haushalt und Kinder versorgen und verständnisvolle, gute Liebhaber sein sollen. Durch die neuen, klaren Ansagen von Frauen fühlen sich Männer überfordert, und deshalb entwickelt sich als Gegenbewegung ein Trend zum männlich-narzisstischen Rückzug, der von Retro-Macho-Gehabe bis zu schmollendem Singletum reicht.“

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Zurück in seinem mobilen Solar-Apartment – Lea-Sophie befindet sich längst im Auflade-Modus – nimmt Moritz im Internet Kontakt auf zu seinem besten, virtuellen Freund: einem Chinesen, der sich Leung Chiu-Wai nennt – wie der Hauptdarsteller aus dem Film „2046“. Obwohl der Film aus der Zeit vor seiner Geburt stammt (er kam 2004 in die Kinos), beschäftigen Moritz die Fragen, die er aufwirft. Etwa, wer nun wirklicher liebt: Der Mensch, der mit den Jahren verlernt hat, zu lieben? Oder der Androide, der mittels letzter menschlicher Erkenntnisse auf Gefühle programmiert ist?

Oft liegt Moritz rücklinks auf seiner interaktiven Wohnlandschaft, schaut auf die Laserprojektionen an der Decke und sinnt nach über die Sehnsucht nach einer echten Frau. Denn diese Sehnsucht ist noch immer da – und Moritz erzählt seinem chinesischen Freund davon. „Komm doch nach China, hier werden Bordelle staatlich subventioniert“, antwortet ihm Leung Chiu-Wai.

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Im Januar 2010 warnte die Chinesische Akademie der Wissenschaft, dass es 2020 einen Überschuss von 24 Millionen Männern im heiratsfähigen Alter geben würde, die in China ohne eine traditionelle Eheschließung sozial ausgegrenzt wären und enormes Potenzial für Gewalt böten. Seit 1980 war der Anteil der Männer aufgrund der Ein-Kind-Politik in China stetig gestiegen. Die Verbreitung von Ultraschall hatte die Abtreibung weiblicher Föten vermehrt.

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Um Gewalt, Frauenhandel und Revolte zu verhindern, hatte der chinesische Staat vor zehn Jahren schnell reagiert und ein umfangreiches Hygiene-Programm für Männer in den verschiedenen Lebensphasen entwickelt: All-you-can-fuck (oder so ähnlich, auf chinesisch natürlich) für die 20- bis 35-jährigen High Potentials und Lovely Love Live Robot für die Etablierten.

Doch Moritz zögert. Extra nach China zu reisen, ist ihm zu aufwendig. Und überhaupt: Dass Sex seit der technischen Sexulution von Infektionen, Leistungsdruck und Diskussionen befreit ist, das ist ja durchaus ein Segen. Von all dem Ärger, den er mit einer echten, ständig fordernden und intellektuell überlegenen Frau hätte, und der ihm nun erspart bleibt, ganz zu schweigen.

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Mathias Horx: „Sexualität differenziert und verfeinert sich im Sinne einer komplexen Kulturtechnik, sie erfährt ein ,upgrade’: Sie wird zunehmend inszeniert, gestaltet, choreographiert und mit Design-Elementen versehen. In mancher Heim-Vitrine steht heute ein Designer-Dildo, Mode-Designer inszenieren schon seit Jahren SM-Shows, und Popstars wie Lady Gaga sind eigentlich nichts anderes als wandelnde Fetisch-Symbole.“

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Mittlerweile ist es nach 1 Uhr nachts. Moritz liegt im Bett und betrachtet Lea-Sophie. Alles fordern, nichts geben! – damit wurde ihr Modell einst beworben. Während er langsam in den Schlaf abtaucht, fällt ihm ein Upgrade ein, das der Hersteller seit kurzem für Lea-Sophie anbietet. Morgen, denkt er, werde ich es herunterladen.

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