Kultur : Gesichter der Großstadt

Zum Tod von Arno Fischer, dem großen Nachkriegs-Fotografen / Eine persönliche Erinnerung seines Schülers Harf Zimmermann

Harf Zimmermann
Menschenbilder.
Menschenbilder.Foto: DAVIDS/Huebner

Ich traf Arno Fischer 1982, ich war 27, er 55. Er ließ mich freundlich ein in seine reiche Bilder-Welt, von deren Existenz ich bis dahin nichts ahnte. Der große DDR-Fotograf, der Meister der Großstadtstraßenfotografie, von dem es in dieser Zeitung einmal hieß, er bringe eine fellinihafte Ordnung in die Unordnung der menschlichen Dinge, er hat mich gerettet: Vor der Ignoranz, vor der Selbstaufgabe, er hat mich durch seine Augen sehen lassen und mich das Verstehen gelehrt, der Menschen, der Gesellschaft, der Welt. Mich und unzählige andere Suchende. Nicht als strafender Vater, nicht mit Vorschriften, sondern mit dem wachen Blick des mitfühlenden, aber genauen Beobachters.

Er hatte Bildhauerei studiert, war 1953 in den Osten Berlins gezogen und arbeitete bis 1960 an seinem großen Stadtbuch „Situation Berlin“, das nach dem Mauerbau nicht publiziert werden konnte und erst 42 Jahre später erschien. Er verlegte sich auf Mode- und Reisefotos, unter anderem für die Zeitschrift „Sibylle“, wie seine 2010 gestorbene Frau Sibylle Bergemann, mit der er in einem Bauernhaus in Gransee lebte. Er lehrte in Leipzig, Dortmund und an der Ostkreuzschule in Weißensee. Er zeigte seine Bilder in Frankreich, England oder New York – und letztes Jahr in der Berlinischen Galerie, wo er den Hannah-Höch-Preis erhielt. Sein letztes Buch war seinem Garten gewidmet.

Bilder lassen sich nicht erzwingen, nur erfühlen, das war das Prinzip Arno Fischer. Dazu hat er jeden ermutigt. Ein Mentor und Wegweiser, der großzügig teilte: Als Schüler durften wir an rauschenden Festen und Gesprächen teilhaben, aus Schätzen an Erfahrung (und gebrauchten Objektiven) schöpfen. Es ging immer um das große Kleine, er wollte Bilder von uns, die Geschichten erzählen und die Seele berühren. Das Beste, was einem dann passieren konnte, war sein spitzbübisches Lächeln und der Satz: Ist det kaputt...

Er sagte auch, dass er weiß, er wird 84. Er ließ sich nie verbiegen, er hat sich auch daran gehalten. Am Dienstag ist Arno Fischer mit 84 Jahren gestorben.

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