Kultur : Gott gehört auf die Bühne

Gute Debatten, innige Prozessionen, kaum Atheisten: Der Vatikan lud in Berlin zum „Vorhof der Völker“.

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Gläubig. Sophie Rois führte eine Prozession im Bode-Museum an. Foto: Sören Stache/dpa
Gläubig. Sophie Rois führte eine Prozession im Bode-Museum an. Foto: Sören Stache/dpaFoto: dpa

In Berlin gab esschon früher viele Kirchenspötter. Kein Wunder also, dass Friedrich Schleiermacher 1799 hier seine Reden über die Religion „an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ schrieb. Der evangelische Pfarrer war eng befreundet mit den Künstlern seiner Zeit und Stammgast in den Berliner Salons. Bestimmt hätte er sich gefreut über die Debatten der vergangenen Tage im Roten Rathaus, Deutschen Theater, in der Charité und im Bode-Museum. Die katholische Kirche hat sie ausgerichtet, um mit Künstlern, Wissenschaftlern und Philosophen, mit Zweiflern und Atheisten ins Gespräch zu kommen.

Schleiermacher war der Meinung, dass sich Religion nicht für moralische Zwecke einspannen lässt. Auch der Soziologe Hans Joas findet, dass die Kirche keine Moralagentur sein sollte, sondern sich auf die Vermittlung von Liebe konzentrieren müsse. Um moralisch zu handeln, brauche es keinen Gott, auch keine andere letzte Instanz, sagt Joas am Dienstag vor gut 400 Gästen im Roten Rathaus. Vielmehr seien „starke subjektive Erfahrungen“ ausschlaggebend und andere, die die Moral vorleben. Dass der Philosoph Herbert Schnädelbach, Joas’ Sparringspartner auf dem Podium, Gott als letzte Instanz für Moral und Ethik ablehnen würde, war klar. Schnädelbach bezeichnet sich als „frommen Atheisten“. Aber der bekennende Katholik Hans Joas? Das verwundert dann doch. Schnädelbach will nicht viel von subjektiven Erfahrungen und Narrativen beim Aushandeln von ethischen und moralischen Grundlagen wissen und setzt ganz auf die Vernunft. Dennoch ist der Dissens zwischen den beiden nicht so groß wie erwartet.

Einig ist man sich auch am Mittwoch im Deutschen Theater, als das Verhältnis von Kunst und Religion verhandelt wird. Die beiden Sphären seien wie Cousinen, die sich Mitte des 18. Jahrhunderts aus den Augen verloren hätten, meint Heinrich Detering, Literaturwissenschaftler und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seitdem gebe es immer wieder Phasen der Annäherung und Abstoßung. Stefan Bachmann, Intendant des Kölner Schauspielhauses, und Theaterregisseur Florian Lutz nähern sich ihrerseits der Religion an. Bachmann, selber nicht religiös, hat gerade die Genesis in einer sechsstündigen Aufführung auf die Bühne gebracht und schwärmt von dem „unglaublich spannenden Erzählwerk“. Sogar die vielen Bibelseiten mit der Aufzählung von Geschlechterabfolgen, die sich quälend langweilig lesen, hätten laut ausgesprochen bei den Zuschauern „ekstatische Gefühle“ ausgelöst. Bachmanns Fazit: „Gott gehört auf die Bühne!“

Mit dieser Einstellung stehe er allerdings recht einsam da in der Theaterlandschaft. Statt neugierig zu sein, werde von Kollegen immer noch ritualisierte Kirchenkritik eingefordert. Klug und launig tauscht man sich zwei Stunden lang über Ritus, Ritual und Gemeinschaft in Theater und Kirche aus, über das Heilige und das Spiel.

Abends führt Volksbühnen-Schauspielerin Sophie Rois Schüler und Studenten in einer mit Licht, Schatten und Musik spielenden „Prozession“ durchs BodeMuseum und bekennt dabei emphatisch, dass sie ausgerechnet im säkularen Berlin zur Religion zurückgefunden habe. In der österreichischen Provinz, wo sie aufgewachsen ist, war das Katholische so normal wie engstirnig. Erst im säkularen Berlin sei ihr bewusst geworden, wie sehr der Glaube sie geprägt habe. Vor dem Bild eines dornengekrönten Hauptes aus dem Jahr 1500 entwickelt sie eine interessante Theologie des Leidens und spricht darüber, wie Jesus Erlösung durch „exzessives Lieben“ vorgelebt hat. Insgesamt hätte man sich mehr Widerspruch auf den Podien und mehr Atheisten im Publikum gewünscht. Und der vatikanische Kulturminister dürfte im gewohnten italienischen Umfeld intellektuell mehr zu bieten haben als das, womit er sich in Berlin zu Wort meldet. Trotzdem, der der „Vorhof der Völker“ ist eine gute Sache gewesen, da sind sich auch die Zweifler und Kirchenkritiker einig. Alle loben das hohe Niveau der Debatten und wünschen sich mehr davon.

Doch während der Vatikan im großangelegten Stil auf Andersdenkende zugeht, duldet der Regensburger Bischof nicht mal Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf einem Podium des Katholikentags 2014. Auch eine der Kirche wohlgesinnte, bisweilen aber eben auch kritische Journalistin wurde wieder ausgeladen. Das sei halt die innerkirchliche Vielfalt, heißt es. Und dass der eine Bischof den anderen nicht zurechtweisen könne. Doch so viel Ängstlichkeit und Kleingläubigkeit wie in Regensburg macht wütend. Blasphemie beginnt nicht da, wo in einer Operninszenierung Jesus und anderen Religionsstiftern der Kopf abgeschlagen wird. Sondern dort, wo man sich in die Nische der wohlfeil Frommen zurückzieht, weil man der Überzeugungskraft der eigenen Argumente und dem eigenen Glauben nicht traut. Friedrich Schleiermacher wusste das schon vor 200 Jahren. Claudia Keller

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