Großbauten der Nazis in Prora : Auf Rügen wird das Monster am Meer saniert

Die leer stehenden Riesenbauten der Nazis in Prora auf Rügen werden saniert. Damit soll der lange Jammer an der Ostsee ein Ende haben. Ein Kampf um Geschichte und Gedenken.

Stefan Wolter
Zwischen Nazi-Monumentalität und DDR-Militarismus: Prora.
Zwischen Nazi-Monumentalität und DDR-Militarismus: Prora.Foto: Denk-Mal Prora

„Die Prora ist aber ein höchst romantisches Stück Weg; ihre eigentümlichen Schauer sind in aller Munde“, plauderte der auf der Insel Rügen geborene Schriftsteller Arnold Ruge aus seinen Jugendtagen. Zu seiner Zeit, vor 200 Jahren, führte ein Hohlweg durch den dichten Wald zwischen Bodden und Meer „so eng, dass in ihr kein Wagen dem anderen ausweichen“ konnte: „Wenn man also zu Wagen vor der Prora ankommt, bleibt einem kein anderes Mittel, sich freie Bahn zu erhalten, als aus Leibeskräften zu schreien: Halt vor der Prora! Dies ist dann zu einer Art Sprichwort geworden und heißt soviel als ‚sieh dich vor!‘ Unter beständigem Klatschen und Rufen fährt man in die verrufene Höhle hinein.“

So sehr der Landstrich sich seither verändert hat, so wenig scheint Ruges Einschätzung des Ortes überholt zu sein. Ruge konnte freilich nicht ahnen, dass die Gegend an Rügens Ostküste erst im 20. Jahrhundert, dem Zeitalter der Diktaturen, seine „eigentümlichen Schauer“ voll zur Geltung bringen sollte. Im neu eröffneten Naturerbe-Zentrum mit seinem Aussichtsturm, der einem Adlerhorst nachempfunden ist, erhält man einen unverstellten Blick auf das Szenario von oben herab. Da erhebt sich aus der grünen Wildnis ein monströser Flügelbau, der anders gar nicht zu überblicken ist. In den 1930er Jahren setzte die nationalsozialistische Bewegung „Kraft durch Freude“ den Koloss in den Sand, als eines von fünf geplanten Seebädern. Doch wegen des Zweiten Weltkrieges ist daraus nichts geworden. Stattdessen wuchs das unfertige Bauprojekt in der Nachkriegszeit zu einer der monumentalsten Kasernenanlagen in der DDR heran. „Was hab ich verbrochen, was hab ich getan, dass ich in die Wüste von Prora kam“, war eines der bekannten Schlagworte unter den jungen Soldaten. Nach der Wende zog das Militär ab, die Schlagbäume öffneten sich. Damit begannen die Diskussionen um die Zukunft des viereinhalb Kilometer langen Kolosses.

Prora verkörpert Aufstieg und Fall der DDR

Seither scheiden sich die Geister. Die einen erkennen in den Ruinen den „schönen Schein“ der nationalsozialistischen Sozialpolitik, welche die Vorfahren verführen half. Die anderen sehen in ihnen die Fratze des untergegangenen real existierenden Sozialismus. Prora verkörpert den heimlichen Aufbau der NVA. Aufstieg und Fall des DDR-Regimes, der Bau und der friedliche Fall der Mauer sind mit den Geschehnissen in Prora verknüpft. Der Ort gehörte wegen seines militärischen Drills und seiner Abgeschiedenheit zu den berüchtigtsten Kasernenanlagen des Landes, mit vielen Suiziden und tödlichen Unfällen.

Der Nazi-Gebäudekomplex Prora auf Rügen
Der Nazi-Gebäudekomplex Prora auf Rügen hat einen neuen Besitzer. Ein Berliner Investor hat das zweitgrößte noch erhaltene Nazi-Bauwerk für 2,75 Millionen Euro ersteigert.Alle Bilder anzeigen
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31.03.2012 20:07Der Nazi-Gebäudekomplex Prora auf Rügen hat einen neuen Besitzer. Ein Berliner Investor hat das zweitgrößte noch erhaltene...

Aber auch am Schnittpunkt der Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat Prora einiges zu bieten. Fast vergessen, dass Angela Merkel 1990 in den Kasernen ihr Direktmandat für den Bundestag holte. Dass hier die Zusammenführung von NVA und Bundeswehr verhandelt wurde. Baugeschichtlich ist nun eine neue Zeit eröffnet.
Die neue Ära verwandelt den Klotz in Ferienwohnungen und Hotels. In den eleganten Linien des Bauhauses wird Prora mit 75 Jahren Verspätung doch noch das, was der Ort nie gewesen ist: ein Seebad. „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, so bewirbt ein Zitat von Victor Hugo das „weltberühmte Denkmal“ in den Broschüren, die mit Steuerabschreibungen winken und wenig oder nichts über die Geschichte wissen.

Vor zwanzig Jahren wurde der Koloss nicht, wie es hätte sein müssen, als das Zeugnis zweier Diktaturen unter Denkmalschutz gestellt, sondern als baugeschichtliches Zeugnis der NS-Zeit. Prora wird seither gern mit dem Reichsparteitagsgelände oder anderen NS-Monumentalbauten verglichen. Übersehen wird, dass auch die stalinistische Ära Monumentalbauten schätzte. „Hier aussteigen zu den Großbauten des Kommunismus!“, forderte in den 1950er Jahren ein Schild in der heutigen Berliner Karl-Marx-Allee.

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