Kultur : Häuptling im globalen Dorf

Zum 100. Geburtstag: Douglas Coupland schenkt dem Medienguru Marshall McLuhan eine Biografie

Ingo Arend
Das Buch ist die Botschaft. Marshall McLuhan, 1966. Foto: Corbis
Das Buch ist die Botschaft. Marshall McLuhan, 1966. Foto: Corbis

„Ich liebe die Massenkultur“. Vielleicht liegt in diesem Bekenntnis Douglas Couplands in einem Interview die Antwort auf die Frage, was ihn bewogen haben mag, eine Biografie Marshall McLuhans zu schreiben. Gut, der am 21. Juli 1911 geborene und Ende 1980 gestorbene Medienwissenschaftler war ein Landsmann des 1961 geborenen Schriftstellers. Aber sonst war McLuhan so ziemlich das genaue Gegenteil des Sprachrohrs der berüchtigten Generation X: katholisch, konservativ, homophob. Aber Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an.

Insofern verwundert es nicht, dass Couplands Biografie dieses Mannes nicht wie eine klassische Biografie ausgefallen ist. Sondern eher wie ein leichthändiges Essay, in dem der Autor ständig seine Verwunderung über seinen Protagonisten mitteilt: „Wie der Mann je als Technik-Guru wahrgenommen werden konnte, ist ein Rätsel“ – so oder ähnlich artikuliert Coupland sein Staunen über diesen „verschrobenen alten Kauz mit einem Haufen neuer Ideen“.

Die Idiosynkrasie lässt sich nachvollziehen. Denn wie ist es zu erklären, dass ein junger Wissenschaftler mit „Sehnsucht nach Religion“ (so McLuhans Mutter Elsie) zu dem Analytiker der modernen Massenkultur aufsteigt? Bei einem Englandaufenthalt im Sommer 1932 entdeckt der lesewütige junge Sohn einer Schauspielerin und eines Immobilienhändlers die Schriften Gilbert K. Chestertons. 1937 konvertiert er zum Katholizismus. Sein Aufstieg zum „Popstar“ der Kommunikationstheorie, die sich gerade erst zu entwickeln begann, begann an der Jesuitenhochschule St Louis im amerikanischen Missouri. 1963 gründete die Universität Toronto eigens für ihn das „Centre für Culture and Technology“, McLuhans lebenslange, akademische Homebase.

Eine Antwort auf dieses Paradox: McLuhan war weder ein Kreuzritter in Sachen Religion noch in Sachen Kultur. Sondern in allererster Linie Systematiker. Unter dem Einfluss der Lektüre des Kultursoziologen Siegfried Gideon hatte er gelernt, alle geistigen und materiellen Äußerungen der Menschen als kulturelle Artefakte zu sehen. Fernsehen, Radio und Boulevardpresse waren für McLuhan daher nicht die „Blödmaschinen“, die der Medienkritiker Georg Seeßlen dieser Tage geißelte. Sie interessierten ihn nicht vom Inhalt, sondern von der Form her. Der Schüler des „New Criticism“ mit seinem formalästhetischen Ansatz suchte lieber die Muster hinter ihnen.

Zwar wetterte McLuhan in seiner 1951 erschienenen Schrift „Die mechanische Braut“ noch gegen das Auto. Doch wenn Coupland von der „Dekonstruktion der Massenkultur“ spricht, meint er damit dessen wachsendes Interesse, diese neue, amerikanisch geprägte Massenkultur zu dechiffrieren. Je mehr aus dem katholischen Eremiten ein Familienvater wurde, desto weniger kam der auch um die Massenkultur herum. Der Vater von sechs Kindern musste sich gleichsam naturnotwendig mit Phänomenen wie Comics auseinandersetzen.

Gerade aus der Abwehr gegen das Konservative bezieht Coupland die Energie, sich in den brillanten Sonderling einzufühlen. Hartgesottene Empiriker werden ihre Probleme mit seinen Mutmaßungen und Spielereien haben. Seitenweise reiht er Anagramme von McLuhans Namen oder markante Merksätze aus seinen Werken aneinander. Oder fügt Amazon-Bewertungen von dessen antiquarischen Büchern hinzu. Aber so erschließt er die quasi postmoderne Arbeitsweise McLuhans, der gern assoziativ schrieb und mit paradoxen Vergleichen arbeitete, ebenso spielerisch wie sein virtuelles Nach- und Weiterleben.

Der Pferdefuß von Couplands erfrischendem biografischen Pastiche: Der Inhalt von McLuhans Medientheorie bleibt darin weitgehend auf der Strecke. Wenn Coupland dessen Slogans: „Das Medium ist die Botschaft“ oder das „Globale Dorf“ resümiert, kommt er über Wikipedia-Niveau meist nicht hinaus. Er interessiert sich für die Anomalien Hirndurchblutung des Mannes, der an einem Schlaganfall starb oder seine Essgewohnheiten. Und stellt gern rhetorische Fragen wie: „Hätte er ausgesehen wie Bob Dylan, wäre vielleicht einiges anders gelaufen“. An die entscheidenden Fragen traut er sich aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

Wer heute McLuhans Bestseller „Die magischen Kanäle“ von 1964 noch einmal nachliest, stellt verblüfft fest, wie genau diese, fast 50 Jahre alte Analyse auf die Lage im globalen Dorf heute zu passen scheint. Der Mensch, so McLuhan dort, habe nach einem Jahrhundert der Elektrizität mit den neuen Medien „sogar das Zentralnervensystem zu einem weltumspannenden Netz ausgeweitet“: „Dieser Faktor der Implosion ist es, der die Lage der Neger, der Teenager und einiger anderer Gruppen verändert … Sie sind jetzt dank der elektrischen Medien in unser Leben miteinbezogen wie wir in das ihre“. Mit Blindheit geschlagen, wer bei diesen Sätzen nicht an Facebook und an die „Arabellion“ denkt.

Folgen kann man Coupland daher in einer, auf den ersten Blick etwas großspurig und allgemein klingenden Einschätzung: Dass nämlich McLuhan, der seine Doktorarbeit über Thomas Nashe, einen Satiriker und Rhetoriker des 16. Jahrhunderts schrieb, ein Mann sei, der die Renaissance und das 21. Jahrhundert verbinden wollte. Die wichtigere Frage aber, die McLuhan selbst stellte: Ob es „etwas Gutes“ sei, dass sich die Menschheit im Gefolge dieser „Implosion“ zurück zur oralen Stammesgesellschaft bewege und damit die Fragmentierung in (lesende) Individuen hinter sich lasse, die die Buchkultur mit sich gebracht hat, wird wohl der nächste McLuhan-Biograf beantworten müssen.

Douglas Coupland: Marshall McLuhan. Eine Biografie. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Tropen/Klett-Cotta, Stuttgart 2011. 222 S., 18,95 €.

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