Kultur : Heimkehr ins Flutende

Levin Westermanns Lyrikdebüt „unbekannt verzogen“.

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Foto: luxbooks
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Auf seiner Reise ans Ende der Nacht scheint das lyrische Subjekt dieser Gedichte an seinem eigenen Verschwinden zu arbeiten. Waldes- und Meerestiefen, Dunkelzonen und Schattenwelten „im Gewebestoff der Nacht“ sind sein bevorzugter Aufenthaltsort. Ein „Tiefensog“ erfasst das Ich, das tagträumt von der „Heimkehr ins flutende Element“ oder vom Davongehen in eine erlösende Stille und Menschenleere.

Levin Westermanns Gedichtband „unbekannt verzogen“ erzählt von der permanenten Abwesenheit des Subjekts, von seiner Sehnsucht nach Existenzzuständen, in denen das Ich in einen „anderen Zustand“ gelangt und – so formuliert es der Autor in einer Notiz – endlich in der „untersten vulkanischen Tiefe der Existenz“ ankommt. Der 1980 im nordrhein-westfälischen Meerbusch geborene und heute in der Schweiz lebende Westermann ist eine Ausnahmegestalt unter den jüngeren Lyrikern, die meist eine sprachexperimentelle Neuausrichtung ihrer Gattung anstreben. Westermann dagegen bekennt sich zu einer Poesie der „Dringlichkeit“, die primär die unsichere Kontur und Selbstwahrnehmung des Ich in den Blick nimmt, seinen Standort in der Verborgenheit „abseits der Dinge“. Damit hat er 2010 den „open mike“-Wettbewerb der Berliner Literaturwerkstatt in der Sparte Lyrik gewönnen.

Seine Gedichte geben sich narrativ, dabei wird das Erzählerische stets eingebunden in trancehafte Monologe, die vom Weltgefühl der Verlorenheit sprechen. Immer wieder sucht das an sich selbst zweifelnde und verzweifelnde Ich nach einer Verankerung – doch im „Kammerflimmern“ ist kein Halt zu finden.

Zurück bleibt die Empfindung, eine „Phantomexistenz“ zu führen: „du sitzt auf einem stuhl / und starrst an eine wand, wechselst in den zweiten zustand: / die akkumulation der ferne. eine saite in dir resoniert, / der atem geht jetzt undatiert. und bei föhn steigst du / auf das dach, dann können dich die berge sehn.“ Ins „Sekundenbuch“ seiner Tagträume hat Levin Westermann einige bemerkenswerte Szenen einer großen Weltangst eingetragen. Michael Braun

Levin Westermann: unbekannt verzogen. Gedichte. Luxbooks Verlag, Wiesbaden 2013. 114 Seiten, 22 €.

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