Kultur : Hexen & Affen

Abgründe der Aufklärung im Kupferstichkabinett.

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Dass der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert, ist seit Goya – oder besser gesagt, seit der breiten Rezeption seiner „Caprichos“ – zum Gemeinplatz geworden. Die Aufklärung hat ihre Nachtseite. Wo der Trost des Glaubens wegfällt, kommt das nackte Grauen zum Vorschein. Aufklärung heißt eben nicht, dass der Mensch sich fortan vernünftig beträgt, sondern nur, dass er die Abgründe erkennt, die in ihm beschlossen liegen.

Davon handeln Goyas „Caprichos“ von 1799, entstanden unter dem Eindruck der Gräuel der französischen Besetzung Spaniens. Es versteht sich, dass dieser Grafikzyklus in der Ausstellung des Kupferstichkabinetts „Am Rande der Vernunft“ vertreten ist. Ebenso versteht es sich, dass Giovanni Battista Piranesis Kerker-Fantasien von 1761 gezeigt werden, ausgefeilte Albträume einer gebauten Unterwelt. Aber nicht in erster Linie darum lohnt sich der Besuch dieser von der Kustodin für die „südlichen Schulen“, Dagmar Korbacher, erarbeiteten Ausstellung. Sondern weil sie viele un- oder nur wenig bekannte Blätter zeigt, die vom Humoresken über das Groteske bis zum Abseitigen reichen und sich damit eben am Rande der Vernunft aufhalten, die im 18. Jahrhundert so sehr ins Licht gerückt wurde.

So wurde mit einem Mal die Sonderstellung des Menschen innerhalb der Schöpfung bezweifelt; etwa wenn Jean-Baptiste Guélard 1743 seine „Äffereien“ vorstellt, wo Affen Musik lehren und andere Kunstfertigkeiten mehr. Derb geht es bei Giuseppe Maria Crespi zu, der um 1720 die Bauernschläue seiner Protagonisten „Bertoldo, Bertoldino e Cacasenno“ vorführt. Claude Gillot, mit dem Geburtsjahr 1673 einer der ältesten unter den vertretenen Künstlern, lässt mit seinem zweimal ausgeführten „Hexensabbat“ (1700/22) ein ganzes Pandämonium tanzen. In zwei beziehungsweise drei Plattenzuständen ausgestellt, wird so zugleich der enorme Reichtum des Kupferstichkabinetts angedeutet, das oft mehrere Fassungen besitzt.

Nicht am Rande der Vernunft, sondern ganz im touristischen Bedarfsgeschäft anzusiedeln sind die großartigen Veduten des 18. Jahrhunderts, wobei wiederum Piranesi mit seinen Rom-Ansichten führend ist. Und Canaletto, dessen „Portikus mit der Laterne“ zeigt, wie Licht und Beleuchtung mit wenigsten Strichen dargestellt werden können. Könnerschaft – das ist es, was diese mit rund 130 Blättern aus 14 verschiedenen Serien durchaus umfangreiche Ausstellung vorführt. Schade, dass sie von keinem Katalog begleitet wird, um das Vergnügen, diese Blätter zu betrachten, in die Stille des eigenen Wohnzimmers zu verlängern. Bernhard Schulz

Kupferstichkabinett am Kulturforum, Matthäikirchplatz, bis 29. Juli.

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