Kultur : Hilf dir selbst

Ein Dokumentarfilm über den Alltag in Havanna.

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Was tun, wenn wieder einmal kein Wasser aus dem Hahn fließt? Miriam Torres, eine resolute ältere Dame, steigt im Keller ihres Hauses in Havanna auf die Leiter und bugsiert einen Gartenschlauch in den Wassertank. Im Notfall darf sie die Leitung der Nachbarn anzapfen.

„Letter to the Future“, der Dokumentarfilm des Brasilianers Renato Martins, hat weitere Beispiele für typische Beschränkungen im kubanischen Alltag parat: Einmal fällt der Strom während der Dreharbeiten aus, ein andermal führt Miriam vor, dass ihr Bäcker nur eine Sorte Weißbrot backt, und das nun schon seit 40 Jahren. Man arrangiert sich, man improvisiert, man hilft einander. Dieser lebenslustig tapferen Mentalität setzt der Film ein Denkmal – im Mikrokosmos einer Familie sowie Kurzporträts aus den ärmeren Schichten Havannas.

Die glorreiche sozialistische Revolution von 1959, zu deren Helden neben Fidel Castro und Che Guevara auch Miriam Torres’ Vater Pipo Santos gehörte, ist Renato Martins historischer Bezugspunkt. Filmausschnitte jener Ära denunziert er nicht als Revolutionsfolklore, sondern nimmt sie als Ikonen nationaler Identitätsstiftung ernst. Die wortgewandte Miriam arbeitete als Lehrerin. Wie sie den Schülern Revolutionshymnen einbimste, sieht man an ihrem kecken Enkel Diego, der fröhlich ein Castro-Poem herunterleiert. Julito, Miriams Sohn, setzte sich bei einem Mexiko-Besuch von seiner Delegation ab und lebt seither als Werbedesigner in den USA. Gehen oder bleiben – die Frage, die in der DDR virulent war, durchzieht auch „Letter to the Future“.

Neben der privilegierten Torres-Familie befragte Renato Martins Arbeiter und Arbeitslose. Die Frustration ist den Männern in die älter werdenden Gesichter eingeschrieben, doch deutliche Kritik oder der Wunsch nach Ausreise bleiben vage. Aus brasilianischem Blickwinkel mag die Utopie eines humanen sozialistischen Kuba nach Fidel Castro verlockend scheinen. Jedoch mit der Skepsis deutscher historischer Erfahrungen gesehen, bleibt Renato Martins Film zu sehr an der Oberfläche. Claudia Lenssen

In Berlin in den Kinos Babylon Mitte; OmU im Eiszeit und Sputnik

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