Hör BÜCHER : Größe und Getöse

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Neulich las ich in einer Anthologie den schönen Vierzeiler von Wilhelm Bötticher: „Musik erfreut das Menschenkind / wie keine Kunst so kolossal: / das eine Mal, wenn sie beginnt, / und wenn sie aufhört, noch einmal.“ Das mag im Allgemeinen so stimmen. Speziell was die neue Reihe „Abenteuer Klassik“ betrifft, habe ich da meine Zweifel. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die hier angesprochene Klientel (laut Verlag: Menschenkinder ab dem Alter von 6 Jahren) wenig erfreut ist, wenn die abenteuerlichen Lebensgeschichten von Händel und Mozart nach ungefähr einer Stunde Laufzeit aufhören (Abenteuer Klassik: Händel und Abenteuer Klassik: Mozart, Sauerländer Audio, 2013).

Die Musikerin und Autorin Cosima Breidenstein gibt darin Einblicke in Leben und Schaffen der beiden Künstler. Und da es sich um Produktionen für Kinder handelt, ist es völlig in Ordnung, jeweils zwischen den Texten entsprechende Klangbeispiele anzuführen.

Aber auch erwachsene Hörer können hier einiges lernen. Zum Beispiel, dass zu Händels Zeiten London Bridge die einzige Verbindung zwischen den beiden Themseufern war und dass darauf, so wie man es von der Ponte vecchio aus Florenz kennt, ganze Häuser und Andenkenläden(!) Platz hatten.

Anlässlich der Beendigung des österreichischen Erbfolgekrieges fand 1749 in London eine Siegesfeier statt. Eigens für das Feuerwerk im Greenpark komponierte Händel die Musik, seine bekannte Feuerwerksmusik. Ein Großereignis, das zu einem dreistündigen Kutschenstau führte. Dann ging auch noch ein Pavillon in Flammen auf, und schließlich gingen die entnervten Feuerwerker mit Schwertern aufeinander los. Händels Musik geriet dadurch ein wenig ins Hintertreffen.

Wie man es schafft, nahezu pausenlos Hits zu komponieren, die inzwischen sogar schon den musikalischen Olymp der Handyklingeltöne erobert haben, verrät uns „Abenteuer Klassik: Mozart“. Lange – und zunehmend bange – habe ich mich gefragt, wie die Autorin wohl Mozarts Lebensgeschichte zu Ende bringen wird: Hoffentlich, dachte ich, überfordert sie ihre kleinen Zuhörer nicht. Nein, sie verzichtet auf das eigentlich hier naheliegende Requiem und liefert stattdessen zum Schluss als vertretbare Light-Variante: eine kleine Nachtmusik.

Zur Ouvertüre des Wagnerjahres (200. Geburtstag des sächsischen Tonmeisters am 22. Mai!) erscheint bereits im Januar bei Osterwold audio eine von Heinz-Dieter Sommer besorgte Hörbuchbearbeitung von Martin Gregor-Dellins legendärer Wagner-Biografie, die zuerst 1980 erschien. Bislang kenne ich zwar nur eine Hörprobe dieser auf 15 CDs angelegten Großproduktion, doch bereits dieser kleine Ausschnitt macht neugierig auf das Ganze.

Sommer, so wie er es in seinem Begleittext andeutet, verfrachtet nämlich nicht einfach bloß den Buchtext ins Medium Hörbuch. Dass er eine kluge Auswahl trifft, wird schon gleich zu Beginn deutlich, etwa wenn er Gregor-Dellins etwas umständlichen Goethe-Einstieg weglässt oder, wenig später, auf die dreieinhalbseitige kulturhistorische Beschreibung von Wagners Geburtsstadt Leipzig, die im 900-seitigen Buch natürlich völlig am Platz ist, verzichtet.

Worauf er indes nicht verzichtet, das ist jene Anfangspassage aus dem Buch, in der Gregor-Dellin sich mit dem Begriffspaar „Größe und Getöse“ einen schön scheppernden Reim auf Wagners Leben und Musik macht.

Gregor-Dellins Biografie trägt den Untertitel: „Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhundert“ – wobei es übrigens interessant ist, wie sich das besitzanzeigende Fürwort „sein“ in dieser Reihung unauffällig auf das gesamte Jahrhundert erstreckt. Sommers Intention ist es nun, ohne das Zusammenspiel dieser drei Komponenten außer Acht zu lassen, vor allem den „Lebensroman“ Wagner herauszudestillieren.

Wer weiß, vielleicht wird ja dadurch sogar ein derart enthusiastischer Wagner-Ignorant wie ich bekehrt und eines Besseren belehrt? Ulrich Noethen jedenfalls scheint mir als Sprecher, nach allem, was ich bisher gehört habe, eine Idealbesetzung für dieses ambitionierte Projekt zu sein.

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