Horror-Komödie aus der Schweiz : Warte, bis es leise ist

Babys sind süß. Aber nicht, wenn sie schreien. Und wenn sie endlich im Auto einschlafen, können sie groteske Kettenreaktionen auslösen: Christoph Schaub bringt mit „Nachtlärm“ - fast - alltäglichen Horror ins Kino.

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Foto: x-verleih

Das haben sich die Eltern aber ganz anders vorgestellt. Statt zu lachen, zu trinken und zu schlafen, tut der kleine Tim nur eines: schreien. Dabei sollte er doch eigentlich die erodierende Ehe seiner Eltern retten. Aber Tim schläft nur bei einer Umgebungsgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern, und so schlagen sich Marco (Sebastian Blomberg) und Livia (Alexandra Maria Lara) die Nächte auf der Autobahn um die Ohren. Dort fahren sie, entnervt und übernächtigt, ihr Schreibaby spazieren und führen entsprechend gallige Gespräche. In sanftem Tonfall, versteht sich, damit der kleine Schreihals nicht aufwacht.

Als hätten es diese jungen Eltern nicht schon schwer genug, kommt es an einer Raststätte zu fatalen Verwicklungen: Während Livia mal muss und Marco Zigaretten holt, fährt ein Outlaw-Pärchen (Georg Friedrich und Carol Schuler) mit ihrem Golf davon. Kurzentschlossen springen die Eltern in einen mit laufendem Motor abgestellten Mercedes und nehmen die Verfolgung auf. Dabei handelt es sich, was die Sache nicht unbeträchtlich verkompliziert, jedoch um das Auto eines Ganoven, geladene Pistole und große Summe Bargeld inklusive. Auf dem Motorrad der Outlaws fährt nunmehr der Ganove seinem Mercedes hinterher. Das Geschehen springt zwischen den drei Parteien hin und her, es gibt eine Panne hier, einen knapp entgangenen Hinterhalt dort, und die Kontaktaufnahme per Telefon stiftet nur noch größere Verwirrung.

„Wir sind hier in der Schweiz, da klaut man keine Babys“, seufzt Vater Marco verzweifelt. Tatsächlich ist die Handlung von „Nachtlärm“ in der Schweiz angesiedelt, im Umland von Zürich, der Heimat von Regisseur Christoph Schaub und Drehbuchautor Martin Suter. Doch mit Ausnahme von Georg Friedrichs schneidendem Wienerisch – man kennt ihn als Lieblingsfiesling österreichischer Filmemacher – sprechen alle Figuren reinstes Hochdeutsch. Selbst ein degenerierter Hinterwäldler, der zum Autoradio mitjodelt, artikuliert ohne jede Spur mundartlicher Färbung. Hier wäre eine Entscheidung der Regisseure nötig gewesen: Entweder man verortet den Film solide regional – oder verlegt ihn gleich ganz ins Märchenreich des Genrekinos, wo Gangster zum Beispiel „Das ist Bellini, du Arsch“ sagen oder Verfolgungsjagden damit enden, dass jemand fluchend in einem Heuhaufen landet.

Doch auch hinsichtlich seines Genres mag sich der Film nicht recht entscheiden. Für einen Actionfilm fehlt es entschieden an Rasanz. Als Thriller funktioniert er nur begrenzt, weil die Spannung immer wieder durch Komik gebrochen wird. Mit Guildo-Horn-Frisur, Hinkebein und „imperativem Stuhldrang“ strahlt der Ganove auf dem Motorrad die Bedrohlichkeit eines Räuber Hotzenplotz aus. Und für eine Komödie bereitet „Nachtlärm“ zu wenig Vergnügen. Das entfremdete Elternpaar giftet sich nach der Entführung ihres Sohnes nur noch schonungsloser an, und auch bei den Golf-Dieben ist es mit der unbeschwerten Gangsterromantik vorbei, als der blinde Passagier im Kindersitz erwacht. Dessen ständiges Schreien fügt sich wiederum stimmig in die schlechte Laune der Erwachsenen ein. So bleibt „Nachtlärm“ auf halbem Weg stehen, zu harmlos für einen Thriller und zu freudlos für eine Komödie.

Cinemaxx, FT am Friedrichshain, Kant, Passage

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