Ian McEwans Roman "Kindeswohl" : Medizin und Moral

Von der Weigerung, sich heilen zu lassen: In Ian McEwans neuem Roman „Kindeswohl“ verhandelt eine Richterin schier unlösbare medizin-ethische Fragen.

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Leitthema Schuld. Ian McEwan 2013 beim Festival Collisioni im italienischen Barolo.
Leitthema Schuld. Ian McEwan 2013 beim Festival Collisioni im italienischen Barolo.Foto: IMAGO

Vor einigen Jahren erregte der Fall Hannah Jones die Aufmerksamkeit der Weltpresse: Die an Leukämie erkrankte 13-Jährige hatte sich gegen eine lebensrettende Herztransplantation entschieden, sie wollte lieber sterben, als ihr Leben weiterhin im Krankenhaus zu verbringen. Das Jugendamt drohte den Eltern daraufhin, ihnen das Sorgerecht zu entziehen. Erst in letzter Minute besann sich das Mädchen und stimmte der Organverpflanzung zu.

Darf ein Minderjähriger eine von Ärzten für notwendig erachtete Heilbehandlung ablehnen? Das ist der thematische Hintergrund von Ian McEwans jüngstem Roman „Kindeswohl“. Der Begriff leitet seit einigen Jahrzehnten familienrechtliche Entscheidungen, etwa bei der Bestimmung der elterlichen Sorge oder des Aufenthaltsorts nach einer Scheidung. Gestärkt wurden Mitbestimmungsrechte von Kindern mit der UN-Kinderrechtskonvention von 1989, sie müssen ab einem gewissen Alter in die Entscheidungsfindung einbezogen und genau über eine Therapie informiert werden. Aber was passiert, wenn sich ein Jugendlicher aus religiösen Motiven einer Behandlung widersetzt und dadurch selbst schadet?

Ein Zeuge Jehovas lehnt aus religiösen Gründen eine lebenswichtige Bluttransfusion ab

Vor einem derartigen Problem steht Fiona Maye an einem nasskalten Sonntagabend, eine Woche nach dem Ende der Gerichtsferien. Die Familienrichterin am Londoner High Court, dem Obersten Zivilgericht von England und Wales, ist gerade damit beschäftigt, einem Urteil den letzten Schliff zu geben, bei dem es um den Verbleib zweier jüdischer Schwestern in einer säkularen Schule geht – gegen den Willen ihres orthodoxen Vaters. „Mit 400 Worten stach sie in See“, nicht ohne Respekt vor den religiösen Gefühlen, aber „manchmal musste sie im Interesse des Kindes eingreifen“.

Der Abend hätte seinen üblichen Verlauf nehmen können, wäre nicht überraschend Fionas keineswegs als Lebemann verschriener Ehemann Jack, Professor für alte Geschichte, aufgetaucht und sie aufgefordert hätte, seinen Seitensprung mit einer jungen Statistikerin zu billigen. Gleichzeitig wird die Richterin über einen jungen Mann informiert, der in einem Krankenhaus liegt und eine überlebensnotwendige Bluttransfusion ablehnt, weil die Zeugen Jehovas, denen er und seine Eltern angehören, die Vermischung mit fremdem Blut strikt ablehnen.

Die Heldin, Fiona Maye, musste auch einmal über die Trennung siamesischer Zwillinge entscheiden

Fiona Maye, eine Frau von „göttlicher Distanz, teuflischer Klugheit und dabei immer schön“, wie das Richterkollegium raunt, und überdies „überzeugt, Rationalität in aussichtslose Situationen“ bringen zu können, fühlt sich herausgefordert. Statt einen Ehekrach zu inszenieren, der den gemäßigten Gefühlszonen ihrer Ehe unangemessen wäre, stellt sie Jack ein Ultimatum und zieht sich zum Arbeiten zurück. Doch der Fall des noch nicht ganz volljährigen Transfusionsverweigerers Adam treibt sie um, erinnert sie an andere quälende medizin-ethische Entscheidungen wie die siamesischen Zwillinge, die zu trennen sie entschied, was mit dem Tod des einen Kindes endete, auch wenn, ganz dem britischen Utilitarismus folgend, „ein gerettetes Kind besser ist als zwei tote“ und einem ohnehin nicht selbstständig lebensfähigen Kind, dem nach britischem Recht „keine Interessen“ zu unterstellen sind.

In der am folgenden Tag anberaumten Gerichtsverhandlung erweist sich die religiös begründete Konsistenz der elterlichen Entscheidung. Fiona zieht sie nicht in Zweifel. Doch dann tut sie etwas, was für einen Richter des 21. Jahrhunderts unüblich geworden ist: Sie fährt ins Krankenhaus und „macht sich selbst ein Bild“ von dem Patienten. Die Begegnung mit Adam wird für ihn und sie, die Kinderlose, zum Wendepunkt.

Immer wieder Ian McEwans Thema: die Frage von persönlicher Schuld

Der Roman des 66-jährigen britischen Schriftstellers Ian McEwan erstreckt sich mit seiner Handlung über ein halbes Jahr und nimmt Bezug auf den eingangs erwähnten authentischen britischen Fall, ist aber zugleich ein musikalisch intoniertes Kammerspiel, mit Kontrapunkten bis in die Figurenzeichnung hinein. Dem eher improvisierenden Jazzliebhaber Jack steht die selbstkontrollierte, streng vom Blatt spielende Amateurpianistin Fiona gegenüber, die ihrem Mann zum Geburtstag eine fehlerlos gespielte Bach-Partita schenkt und sich bei Gelegenheitskonzerten mit dem Beifall der Kollegen begnügt. Eine Geige liefert ihr Entscheidungshilfe, um Adams Todesspiel ein – vorläufiges – Ende zu setzen. Eben dieses symmetrische Beziehungsgefüge birgt aber auch die Gefahr der Vorhersehbarkeit, nicht nur im gedanklich vorweggenommenen, real nicht eingelösten Schlagabtausch zwischen Jack-Springer und Fiona-Turm, sondern auch im Hinblick auf die Niederungen einer Mittelstandsehe, die jedes nur denkbare Klischee – vom aufgeschobenen Kinderwunsch der Akademikerin bis hin zum Daily-Soap-Finale – bedient.

Der Autor und das Buch-Cover.
Der Autor und das Buch-Cover.Foto: Diogenes

Gerettet wird die Familienaufstellung durch den Sarkasmus, der sich immer wieder in Fionas leise Resignation mischt: „Und dann hat sie ihn vor die Tür gesetzt?“, fragen die Kollegen ehrfürchtig. „Vor die Tür der bezaubernden Wohnung am Gray’s Inn Square, wo sie allein und einsam sitzen würde, bis die Miete oder die Jahre, beide träge anschwellend wie die Themse bei Flut, am Ende auch sie hinausgeschwemmt hätten?“

Schade nur, dass kurz darauf noch einmal „angeschwollene Stadtbäume“ und „aufgeplusterte Bürgersteige“ aufmarschieren müssen, um den im Regen dahinsiechenden Londoner Sommer atmosphärisch rüberzubringen. Und unverständlich, dass der Übersetzer Werner Schmitz für das englische Sprichwort vom Omelett, das man nicht servieren kann, ohne zuvor ein paar Eier aufgeschlagen zu haben, keine deutsche Entsprechung („Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“) gefunden hat.

Die Binnengeschichte mit ihrem fast kitschigen Plot ist sichtlich nur konstruiert, um den Kern des Romans, die juristische und medizinethische Auseinandersetzung mit kulturrelativistischen Positionen auf der einen und den Entscheidungsrechten Minderjähriger auf der anderen Seite, zusammenzuhalten.

Es ist ein spannendes, romanträchtiges Thema, das McEwan in manchmal allzu ausschweifenden exegetischen Referaten vertieft. Der Alltag einer überlasteten, von Überdruss geplagten Familienrichterin, der Fehlentscheidungen nach sich zieht, wird dabei ebenso eingefangen wie das allgemeine Familienelend. Darüber hinaus klingt auch in diesem Roman das Dauerthema des Autors an: die Schuld, in die sich Menschen verstricken. Auch wenn sie wie Fiona ängstlich darum bemüht sind, eben dies zu verhindern. Ein Kuss, scheu, aber nicht unschuldig, ist es, der sie in Panik versetzt und alle folgenden Ereignisse auslöst.

Ian McEwan: Kindeswohl. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2015. 224 Seiten, 19,99 €. _ Am 25. Januar findet im Haus der Berliner Festsspiele "Ein Tag mit Ian McEwan" statt, von 16 -22 Uhr.

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