Identitäre Bewegung : Aggressive Abgrenzer

Rechtsextrem und Spaß dabei: Die Identitäre Bewegung fasst nach Frankreich und Österreich jetzt auch in Deutschland Fuß. Eine Spurensuche nach den Gründen.

Frederic Jage-Bowler
Identitäre besetzen 2016 kurzzeitig das Brandenburger Tor.
Identitäre besetzen 2016 kurzzeitig das Brandenburger Tor.Foto: picture alliance / dpa

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Identität. Es wird über Zugehörigkeit debattiert, über teilweise aggressive Abgrenzung, über Forderungen an Minderheiten, sich der Mehrheit anzupassen. Als Innenminister Thomas de Maizière kürzlich eine „Leitkultur für Deutschland“ forderte und damit eine Diskussion aus dem Jahr 2000 noch einmal auftaute, vermied er tunlichst das Wort Identität. Denn dieser Begriff gehört inzwischen den ganz Rechten. „Identitär“ zu sein, gehört zum coolen Lifestyle radikaler junger Aktivisten, die etwa im letzten Sommer kurzzeitig das Brandenburger Tor besetzten und ein Transparent mit der Parole „Sichere Grenzen, sichere Zukunft“ entrollten.

„Wenn die Mehrheit der Menschen ein Identitätsproblem hat, was bleibt dann für eine Identität?“, fragt Robert Timm. Lässt sich mit Identität Politik machen? Timm, 26, dunkler Vollbart, kantige Brille, glaubt das schon. Er gehört zur Identitären Bewegung (IB) in Deutschland. Als Kopie des aus Frankreich stammenden „bloc identitaire“ gelangte die IB 2012 zunächst nach Österreich, kurze Zeit später auch nach Deutschland. Während sich auf ihrer Facebookseite mehr als 50 000 Likes finden, sollen dem harten Kern der rechtsextremen Bewegung in Deutschland etwa 500 Menschen angehören. Spektakulär inszenierte Clips auf Youtube zeigen Aktionen wie eine „Interventionen“ bei einer Theateraufführung geflüchteter Menschen in Wien oder der Störung einer Diskussion mit Jakob Augstein im Berliner Maxim Gorki Theater.

Sympathien für Marine Le Pen

„Bei den Aktionen geht es darum, Missstände anzuprangern und innerhalb der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür zu entwickeln“, sagt Timm. Damit gemeint sind „Multikulti-Wahn“, offene Grenzen und die angebliche „Heuchelei“ der politischen Akteure. Mit dem Rückgriff auf ein sogenanntes „Eigenes“ knüpfen die Identitären an völkische Vorstellungen aus der Zeit vor 1945 an. Ihre Protest- und Agitationsformen haben sie bei der Sponti-Linken der Jahre nach 1968 geklaut. In Frankreich schafften es die Identitären, mancherorts zur inoffiziellen Jugendorganisation des Front National aufzusteigen. Auch ein Grund, warum in Deutschland viele der Aktivisten Sympathien für Marine Le Pen hegen. Als „patriotische Bewegung“ beschreibt der führende Kopf der IB im deutschsprachigen Raum, der Wiener Martin Sellner, die rechtspopulistischen Erfolge der jüngsten Vergangenheit.

Wie schon beim französischen Vorbild besteht das Selbstbild der IB zu gleichen Teilen aus Pop-Elementen und dem Habitus des kultivierten Intellektuellen. So können Identitäre rein äußerlich eine Position einnehmen, die mit altbackenem Konservatismus der Marke Studentenverbindung genauso wenig am Hut hat wie mit dem stereotypen Schlägerlook von Neonazis. Der medialen Selbstinszenierung nach zu urteilen, wird außerdem Wert auf eine angemessene Repräsentation von Frauen in den eigenen Reihen gelegt. Timm, Architekturstudent aus Marzahn-Hellersdorf, fühlte sich als Schüler von „dieser Idee von Multikulti“ angezogen und entschied sich bewusst für ein Oberstufenzentrum in Kreuzberg.

Er blockierte Neonazi-Demos und war vom Nationalstolz mancher türkischer Mitschüler überrascht, aber beeindruckt. Ein Wendepunkt. Heute findet es Timm „ungerecht“, wenn auf dem Karneval der Kulturen Vielfalt gefeiert wird, während schon das leiseste Anzeichen deutscher Volkstümlichkeit mit einem Naserümpfen quittiert werde. In seiner Wehrdienstzeit fand er Zugang zu rechten Kreisen, übers Internet kam er zur IB. Die unumwunden neonazistische Rhetorik sowie Kontakte in die gewaltbereite rechtsextreme Szene führten dazu, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die Identitären seit einem Jahr beobachtet.

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