Kultur : Ihr habt den Farbfilm vergessen!

Einige politisch unkorrekte Gedanken zum Berliner Integrationsgipfel / Von Pierre Sanoussi-Bliss

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Nun stehe ich hier und habe das Gefühl, darüber reden zu wollen, wie unwohl ich mich in meiner Haut fühle. In meiner schwarzen. Obwohl, Heiner Müller ließ den schönen Neger Aaron in „Anatomie Titus“ sagen : „Mehr oder weniger Neger, je nach Beleuchtung.“ Recht hat er. Passiert mir im Winter auch ziemlich oft, dass ich grau am Flughafen sitze und weiße Menschen aus den Urlaubsbombern steigen, die um einiges schwärzer sind als ich. Mehr oder weniger Neger, je nach Urlaubsort.

Ich fühl mich gottverdammt wohl in meiner Haut! Würde ich sie sonst zu Markte tragen? Oder habe ich nur aus der Not eine Tugend gemacht, wie mir oft unterstellt wird? Exoten in den Zirkus? Nein, ich schaue eigentlich ganz gern in den Spiegel (muss ja nicht nach einer durchfeierten Nacht sein). Und trotzdem habe ich seit einiger Zeit das Gefühl, ein Problem zu haben.

Ich habe mir, als Mitglied der Jury für die Lola, den deutschen Filmpreis, in der letzten Zeit etwa 60 deutsche Filme angeschaut. Das macht nicht unbedingt froh. Aber was mich wirklich traurig stimmt: Ich habe in keinem dieser Filme mitgespielt, und auch sonst taucht kein Leidensgenosse meiner Hautfarbe dort auf. Alles ist wie mit Persil gewaschen: reinweiß. Wo sind Charles Muhammed Huber, Karin Boyd, Dennensch Zoude, Carol Campbell, Tyron Ricketts, Chantal de Freitas, Michael Breitsprecher, Nino Sandow, Ron Williams, Sheri Hagen, Lusako Karonga, Günther Kaufmann und Aloysius Itoka? Mit unserer Hautfarbe leben mehrere hunderttausend Mitbürger in diesem Land, und es gibt eine große Zahl von Künstlern, die hier ihr Glück versuchen. Zugewanderte oder wie ich hier geboren.

Meiner Agentin Margarita Kling wurde einmal gesagt, das deutsche Publikum akzeptiere eine farbige Hauptfigur nicht. Die Leute, die so was sagen, nennen sich Producer und wissen natürlich genauestens über die Befindlichkeiten aller Film- und Fernsehkonsumenten dieses Landes Bescheid. Wir können stolz auf sie sein. So ist wenigstens im Dschungelcamp mal ein Farbiger dabei. Holla, die Waldfee! Wie gewagt!

Aber vielleicht sollte das hier nicht in Medienschelte ausarten. Man beißt ja nicht die Hand, die einen füttert beziehungsweise von der man gern gefüttert würde. Sie kann einen ja auch am ausgestreckten Arm verhungern lassen, die Hand. Andererseits, wo ich doch einen Serienvertrag bis zum Jahresende in der Tasche habe, kann ich ja einfach mal ein paar Dinge aus meiner beschränkten Sicht beschreiben, ohne mich hinter politisch korrekten Floskeln zu verstecken. Politische Korrektheit ist eine Form der Zensur, die das, was nicht korrekt ist, verschweigt.

Also: Ist es politisch korrekt, dass die meisten Filme im deutschsprachigen Raum wie mit Persil gewaschen wirken? Es heißt doch Farbfilm! Ist es politisch korrekt, dass meine Agentin auf die Bitte, mich in diesem oder jenem Film zu besetzen, die Antwort bekommt: „Was sollen wir denn mit ’nem Mulatten?“ Ist es politisch korrekt, dass im Kreuzworträtsel des „Stern“ das Lösungswort für Mulatte „Bastard“ lautet? Ist es politisch korrekt, dass Regisseure zu mir sagen: „Du, ich würde dich schon gern mal besetzen, wenn für dich was dabei ist?“ Und dass es dann nie dazu kommt, weil sie darauf warten, dass hinter dem Rollennamen in Klammern „ein Farbiger“ steht?

Was spricht dagegen, als Klempner, Wissenschaftler, Unidozent, Ökobauer, Liebhaber, Schwarzfahrer oder Schwarzwaldklinikarzt besetzt zu werden, ohne gebrochen Deutsch sprechen zu sollen? Warum wurden mir in meiner Laufbahn sehr oft Mörder, Dealer und andere Außenseiterrollen angeboten? Weil nun mal alle Menschen, die so aussehen wie ich, morden und dealen? Und gehen die Leute etwa in Filme mit Denzel Washington, Wesley Snipes, Halle Berry oder Morgan Freeman, weil sie gezwungen werden?

Reichen Millionen Mitbürger anderer Farben und Kulturen nicht aus, um sie auch in Film und Fernsehen vorkommen zu lassen? Und zwar als das, was sie größtenteils sind: nämlich intelligente, akzentfrei sprechende Wesen in normalen Berufen, mit einer fundierten Ausbildung und Sorgen und Nöten, die sich von denen ihrer vermeintlich hochrassigen Mitbürger kaum oder gar nicht unterscheiden.

Ich habe in Filmen gespielt, in denen auf Drängen der Produzenten Sätze wie „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ oder „Ja, ich habe in Deutschland Germanistik studiert“ in die Drehbücher eingefügt wurden, weil meine akzentfreie Darbietung beim Publikum angeblich Fragen aufwerfen würde. Ja, für wie blöd halten denn manche Medienmacher die Leute? Ich bin doch kein Alien, sondern nur Berliner, schwarz und Ossi. Und ja, wir können mit Messer und Gabel essen und wischen uns den Hintern mit „Hakle feucht“ ab und verlieben uns oft ganz ungeniert in unsere weißen Mitbürger, mit denen wir uns dann gemeinsam durchs Dasein wurschteln. Mitunter kommen dann sogar Kinder auf die Welt, die keinen Gendefekt haben.

Immer noch haftet uns die Bezeichnung „exotisch“ an. Vor 100 Jahren konnte man das noch verstehen, aber heute? Sind nicht Leute wie Daniel Küblböck, Desiré Nick oder Ferfried und Tatjana viel exotischer als ich, und warum sind die dann sendefähiger? Wegen Talentfreiheit?

Unsere multikulturellen Gesellschaften würden davon profitieren, wenn Filmemacher und Medienverantwortliche ihr Brett vorm Kopf wenigstens mal mit Politur behandeln würden. Wir sind Möbel, die auch in dieses Haus gehören. Die schön sind und kostbar, die man gern vorzeigt und die Pflege brauchen. Sonst ist früher oder später der Wurm drin. Sie verrotten oder brechen zusammen ... und damit meine ich nicht nur französische Vorstadtstühle oder Schülersitzgelegenheiten in der Berliner Rütli-Schule.

Schon die Sprache ist verräterisch. Im Sportteil der „Süddeutschen Zeitung“ erfahren wir, dass die neue Badminton-Europameisterin eine Deutsche sei, die „weder heißt wie eine Deutsche noch so aussieht wie eine Deutsche, noch Badminton spielt wie eine Deutsche“. Und während die NDR-Sonntagsnachrichten noch von einem äthiopisch-stämmigen Deutschen sprachen, ist in den Montagsnachrichten ein Äthiopier daraus geworden. Wie wäre es mit folgender Formulierung: „Die neue deutsche Europameisterin heißt Huaiwen Xu. Sie ist vor 12 Jahren aus China eingewandert, wo sie das Badminton-Spielen erlernt hat.“

Deutscher ist man laut Grundgesetzartikel 116 kraft Abstammung oder „Volkszugehörigkeit“ und nicht wie in Frankreich, Großbritannien oder den USA auch durch den Geburtsort. Wir sind sozusagen immer noch „völkisch“ und nicht „national“. In Deutschland muss man aussehen wie ein Deutscher, um deutsch zu sein. Unsere Ausländerfeindlichkeit ist nach wie vor Fremdenfeindlichkeit, weil sie nicht die Ausländer meint, sondern alle, die nicht so aussehen wie der gemeine Deutsche.

Man könnte ja auch mal Gemeinsamkeiten aufzeigen. Das geht vorzüglich zur Primetime in jeder x-beliebigen Vorabendserie, in der ein asiatisch, isländisch, afrikanisch oder arabisch aussehender Schauspieler besetzt ist, ohne dass die Rolle irgendeinen Bezug darauf nimmt. Wir sind stinknormale Menschen, die zum stinknormalen Alltag dazugehören. Lasst uns auch in den Medien Normalität demonstrieren und einklagen! Seine Wurzeln muss man ja deswegen nicht verleugnen. Wir haben es erst geschafft, wenn uns auch in Deutschland endlich mal eine farbige oder nicht rassig-deutsch aussehende Nachrichtensprecherin zur Hauptsendezeit erzählt, was auf der Welt los ist. Arabella Kiesbauer kann ja nicht schon alles gewesen sein.

Was mich auch nervt, ist das konsequente Wegducken staatlicher Stellen im Extremfall. Nichts ist schlimm, nichts ist rechts, alles ist harmlos. Da wird ein Junge von einer rechtsradikalen Horde zusammengeschlagen und im Polizeibericht steht, einem „Streithahn“ sei der Kiefer gebrochen worden. Da schlägt ein Rechtsradikaler in Zerbst einem 16-Jährigen mit dem Bierglas ein Auge aus, nur weil der ein T-Shirt mit der Aufschrift „Gegen Nazis“ trägt. Die Stadt aber lobt, wie friedlich das Fest verlaufen sei und spricht von einer „Rangelei unter Jugendlichen“.

„Du denkst zu weiß!“, wurde mir einmal von einem Mitglied einer afro-deutschen (auch so’n tolles Wort) Vereinigung in Dresden gesagt, als ich anmerkte, dass nicht alles Unglück, was mir im Leben passiert, mit meiner Hautfarbe zu tun hat. An schlechten Tagen bin ich schon mal nur ein „blöder Neger“ und muss den Leuten auch zugestehen, genau das zu denken. „Du denkst zu weiß!“ Ich nahm’s als Kompliment und ließ mich dort nicht mehr blicken.

Ich höre jedes Jahr 50-mal den blöden Witz: „Na, wohl zu lange in der Sonne gelegen?“ Ich höre lächelnd darüber hinweg und denke mit einem kräftigen Schuss Arroganz: Da, wo ich in der Sonne gelegen habe, kommst du dein Leben lang nicht hin.

Pierre Sanoussi-Bliss, 1962 in Ost-Berlin geboren, studierte nach einer Lehre als Koch an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ . Von 1987 bis 1990 gehörte er zum Ensemble des Staatsschauspiels Dresden und lebt seitdem als freischaffender Schauspieler in Berlin. Im Kino kennt man ihn seit seiner Darstellung des Orfeo in Keiner liebt mich (1995) von Doris Dörrie. Bei Zurück auf los! (2000) führte er selbst Regie und übernahm eine Hauptrolle. Im Fernsehen spielte er unter anderem in „SK Babies“, „Tresko“ und „Derrick“ und ist seit 1997 in der Serie Der Alte als Kommissar Axel Richter zu sehen.

Sanoussi-Bliss hielt die hier (leicht gekürzt) abgedruckte Rede am

Freitag auf dem

Integrationsgipfel im Kanzleramt .

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