"Im Clinch" : Ein Buch über den Kampf und die Kunst des Fatih Akin

Mit seinen 38 Jahren ist der Deutsch-Türke Fatih Akin eigentlich noch viel zu jung für die großen Memoirengeste. Trotzdem hat er ein Buch geschrieben, in dem er die Geschichten hinter seinen Filmen erzählt.

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Rückblick und Vorausschau. Der Hamburger Regisseur Fatih Akin, 38.
Rückblick und Vorausschau. Der Hamburger Regisseur Fatih Akin, 38.Foto: picture alliance / dpa

Wenn er irgendwann mal weniger zu tun hat, hätte Fatih Akin gern einen Buchladen in Istanbul. Ein Café mit Pinnwand, in dem man Bücher, Musik und DVDs kaufen kann, second hand, schön eingestaubt – ein Leben mit viel Zeit zum Lesen und Filmegucken. Vorerst aber pflegt Akin seine andere Seite: den Boxer. Filmen ist wie Boxen, sagt er. Wenn Akin Filme macht, dann wie Bruce Lee, der den Kung Fu in eigener Stilmixtur erfand. Ein solches „Kampfkunstesperanto“ will der Regisseur auch mit seinen Filmen erreichen.

Wie schafft es ein junger Außenseiter auf den roten Teppich in Cannes? Was macht der Erfolg mit ihm? Fragen, die den Journalisten Volker Behrens und den Filmhistoriker Michael Töteberg zu einem Buch über den Hamburger Regisseur, Produzenten und Gelegenheitsschauspieler anregten. Mit 38 Jahren zu jung für die große Memoirengeste, erzählt Akin in flüssigem Parlando die Geschichte seiner rund fünfzehn Filme.

Das Buch mit dem Boxertitel „Im Clinch“ ist entlang sachlicher Fragen der Herausgeber gegliedert, doch Akins Fabulierlust steht im Vordergrund. Nicht zuletzt die vielen Fotos machen es zu einem Reisealbum durch sein Leben: ein junger Dachs auf dem Trip zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen der Kultur seiner Vorfahren und der universellen Musik- und Medienwelt. „Leben ist das, was passiert, während du gerade andere Pläne machst“ – vom Groove solcher Sprüche und wilden Sprüngen zwischen Rock und Pop, Weltkino und türkischen Arthaus-Filmen geprägt, beschreibt Akin sein Kino, seine Lieblingsbücher und -musiken als Abenteuerspielplatz.

„Kurz und schmerzlos“, eine Gangsterballade aus dem migrantischen Hamburger Kiez, ist 1998 sein Debüt, in „Im Juli“ von 2000 entdeckt ein Hamburger Lehrer auf Tour Richtung Türkei die Liebe, „Solino“ erzählt von italienischen Pizzabäckern in Deutschland. Auf regennassen Film-noir-Stil folgen Sommerstücke, auf Roadmovies wuchtige Dramen, auf Komödien Geschichten um existentielle Sinnkrisen. Akins größter kommerzieller Erfolg ist 2009 die Kneipen- und Freundschaftskomödie „Soul Kitchen“. Mit jedem Film probiert er ein anderes Genre aus, macht lehrreiche Erfahrungen, etwa wenn er es mit einem Werbefilm-Kameramann zu tun bekommt, der „Gesichter wie Joghurtbecher ausleuchtet“.

Die Sonne gehöre ihm genauso wie die Nacht, erklärt Akin seinen Spieltrieb lakonisch. In nur 13 Jahren ist ein vielfältiges Werk entstanden, das dennoch kontinuierlich seine Lebensthemen spiegelt: „Gegen die Wand“, mit dem Akin 2004 gerade 30-jährig den Goldenen Bären der Berlinale gewann, ist ein Liebesdrama um den Freiheitswillen einer jungen Deutschtürkin. „Auf der anderen Seite“, die Geschichte einer Mutter, die sich auf die Suche begibt nach ihrer im politischen Untergrund der Türkei umgekommenen Tochter, zeigt Akins grundlegende Faszination für die hellen und dunklen Seiten des Glücksstrebens.

Seine Eltern wanderten aus der Nordtürkei ein, Akin wird 1973 in Hamburg-Altona geboren. Mit jeder Faser seiner Persönlichkeit verkörpert er die Sensibilität und Kämpfernatur des Heimatlosen. Der Welt des streng muslimischen Vaters, eines Arbeiters, versucht Akin ebenso zu entkommen wie der Welt der Mutter, die sich in der Familie durchsetzte, um Lehrerin zu werden. Er prügelt sich in Straßengangs, wurde ein Kind der Video-Generation und befasst sich früh mit den Geheimnissen des Erzählens, indem er seine Lieblingsfilme mit Lego nachstellt.

Die Schule bietet ihm nur wenig geistige Nahrung. Schon als Schüler debütiert er im Thalia-Theater, spielt kleine Fernsehrollen und pirscht sich als Mann für alles bei der Hamburger Produktionsfirma Wüste Film an seinen Traumberuf heran. Akin studiert an der Hamburger Hochschule der Bildenden Künste, entscheidend aber werden die ersten eigenen Kurzfilme, darunter „Getürkt“, mit denen Akin in der Debatte um den Identitätszwiespalt junger deutscher Türken den richtigen Ton zur richtigen Zeit fand.

Vielleicht ist sein Erfolgsgeheimnis, dass er seine Arbeit wie ein DJ-Set angeht. Wie man sein Publikum für den eigenen Sound fasziniert und bei den eigenen Botschaften bleibt, beschäftigt ihn mehr als abstrakte politische Debatten. „Im Clinch“ zeigt, wie der rockig-trotzige Akin seine Haltung überprüft und durchlässig zu bleiben versucht. Sein nächster Film handelt von dem Dorf seiner Vorfahren, das von einer Müllkippe bedroht wird. Eigentlich wollte er seine Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“ fortsetzen, aber nach „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“, nach Liebe und Tod also, muss der Teufel warten.

Fatih Akin: Im Clinch. Die Geschichte meiner Filme. Hrsg. von Volker Behrens und Michael Töteberg, Rowohlt, Reinbek 2011, 256 Seiten, 24,95 €.

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