Kultur : Im fernen Patagonien

Alltagsstudie in Chile: das Kino-Debüt „Huacho“

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In den engen Stuben hat es die Kamera schwer. Dunkel ist es, obwohl draußen in der weiten patagonischen Ebene schon die Vögel singen. Doch Señora Clemira hat den Blick nicht in die Landschaft gerichtet, sondern auf den kleinen Auslauf, wo sie den Hühnern Futter streut und dafür heute nicht mal ein Ei bekommt.

Es ist ein Morgen wie jeder andere in dem Häuschen der Kleinbauernfamilie. Vier Personen wohnen hier, drei Generationen: Die Großeltern, ihre alleinstehende Tochter in mittleren Jahren und deren Sohn. Fleißige Menschen: Nur Manuel, etwa zehn Jahre alt, will gar nicht aus dem Bett. Seine Mutter Alejandra hält den Haushalt zusammen und arbeitet als Küchenhilfe in einem Touristenrestaurant. Clemira ist schon früh mit dem Handkarren unterwegs, um Milch zu holen für den selbst gemachten Frischkäse, den sie später an der Landstraße verkauft. Der Großvater muss abends von Manuel aus der Kneipe abgeholt werden, tagsüber macht er sich mit Holzarbeiten nützlich.

Viermal wird dieser Tag in „Huacho“ erzählt, im Zentrum jedes Mal ein anderes Familienmitglied. Aufwendige Verwicklungen gibt es nicht, dafür feine Dramen in großer Menge. Alejandra muss wegen einer unbezahlten Stromrechnung ein Kleid zurückgeben. Der Bauernjunge Manuel wird in der Schule in der Stadt von seinen bessergestellten Klassenkameraden gehänselt. Und Clemira gelingt es kaum, die gestiegenen Milchpreise an die routiniert handelnden Käsekäufer weiterzugeben, die in ihren Mittelklasse-Limousinen vorfahren.

Der 1971 geborene chilenische Filmemacher Alejandro Fernández Almendras kehrt in seinem ersten Langfilm zurück zu den Orten und Menschen, die er aus der eigenen Kindheit kennt. Doch seitdem hat sich einiges verändert, auch im abgelegenen Südchile dringen technischer Fortschritt und ökonomische Abhängigkeiten in vorher fast autarke bäuerliche Lebensbereiche vor, und neue, bunte Konsumwelten zerstreuen die Eintönigkeit des Landlebens. Nach Schulschluss füttert Manuel mit dem von seiner Mutter erbettelten Taschengeld die Münzspielgeräte. Und Alejandras Ausflug in eine Shoppingmall zieht, grandios gefilmt, in einer langen Fahrt als abstrakt leuchtender Farbenrausch vorüber.

Auch sonst besticht Huacho durch überwältigende Farb- und überzeugende Formgestaltung, atmosphärische Dichte und Darsteller, die offenkundig nicht von der Schauspielschule kommen. Clemira etwa lebt seit 25 Jahren wirklich in ihrem kleinen Haus. Wie lange noch? Der Filmtitel gibt nicht viel Hoffnung: Ein „huacho“ ist in Chile ein übrig gebliebenes Einzelstück, etwa von einem Paar. Auf Deutsch könnte man vielleicht Restposten dazu sagen. Silvia Hallensleben

fsk am Oranienplatz (OmU)

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