Im Kino: „Der die Zeichen liest“ : Das Unbehagen in der Religion

Kirill Serebrennikows Gesellschafts-Groteske „Der die Zeichen liest“ erzählt wie ein junger Mann sich als selbstgerechter Gotteskrieger geriert - und die Bibel zum Terrorinstrument macht.

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Die Rache ist mein. Benjamin (Pjotr Skworzow) unternimmt einen Kreuzzug in seiner eigenen Schule.
Die Rache ist mein. Benjamin (Pjotr Skworzow) unternimmt einen Kreuzzug in seiner eigenen Schule.Foto: Neue Visionen

Es fängt harmlos an, im Schwimmunterricht. Benjamin weigert sich teilzunehmen, er stört sich an den Bikinis. Sie verletzen seine religiösen Gefühle, sagt er, die Mutter fasst es nicht. Sie dachte an Pubertät und unkontrollierte Erektionen oder etwas in der Art, sie weiß, dass Pubertät anstrengend ist, will ihm eine Entschuldigung schreiben – und jetzt kommt er ihr mit der Religion.

Selber denkt man an das Schwimmbad-Urteil des Europäischen Gerichtshofs von letzter Woche, bei dem entschieden wurde, dass auch muslimische Mädchen an gemischtgeschlechtlichem Sportunterricht teilnehmen müssen. In Benjamins Fall entscheidet die Schulleiterin anders. Bitte, es steht in der Schulordnung, angemessene Kleidung, also tragen die Mädchen jetzt Badeanzüge. Wir sind in Kaliningrad, dem früheren deutschen Königsberg, heute eine russische Exklave. An der Wand im Lehrerzimmer hängt Putins Porträt, Immanuel Kant wurde hier geboren. Benjamin treibt den kategorischen Imperativ in den Exzess, und die Erwachsenen sind liberal, suchen den Kompromiss. Der orthodoxe Priester beschwichtigt die Mutter, Gottes Wege sind unergründlich, sagt er.

Man denkt auch an all die jungen Männer, die sich radikalisieren in diesen Tagen, in Deutschland, in Frankreich und im Mittleren Osten, halbe Kinder noch, die in den Dschihad ziehen, und man versteht nicht, warum. Benjamin, Kosename Wenja, macht einen ebenfalls fassungslos in diesem Film des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow, sein religiöser Furor steigert sich von Szene zu Szene. Ein Gotteskrieger, der die anderen mit Bibelzitaten terrorisiert. Der Film folgt ihm nach und blendet die Versnummern aus den Evangelien ein, den Apostelbriefen oder dem Leviticus, mit all den Hassreden, die das Buch der Bücher bereithält.

„Denn der Herr hat einen Tag der Rache bestimmt“: Benjamin, den Pjotr Skworzow mit glattem Gesicht, unergründlicher Miene und hochexplosivem Naturell verkörpert, ist der selbsternannte Rächer. Einer, der von Gott kündet und sich bald selbst dafür hält, ein Fundamentalist und Eiferer, bigott, homophob, antisemitisch. Mit den Bibelworten wütet er wie mit einem Flammenschwert, wirft seiner sich abrackernden alleinerziehenden Mutter Unzucht vor, traktiert die Politiklehrerin mit einer Predigt statt mit einem Referat und überzieht die Biologielehrerin Elena mit heiligem Zorn, wenn sie im Sexualkundeunterricht mit Möhren und Kondomen die Empfängnisverhütung veranschaulicht oder Darwin auf dem Lehrplan steht. Benjamin zieht sich nackt aus, macht den Affen, hetzt im Gorillakostüm, bringt Elena bei der Schulleitung in Bedrängnis.

Und wenn er mit selbst gezimmertem Kreuz durch die Straßen zieht, dröhnt er sich (und dem Kinopublikum) mit „God Is God“ die Ohren voll, dem Metal-Sound von Laibach. Körperkino, lauernd, unerbittlich, mit einer mal starren, mal aggressiv hautnahen Kamera.

„Der die Zeichen liest“ feierte 2016 in Cannes Weltpremiere und basiert auf Marius von Mayenburgs Theaterstück „Märtyrer“, das 2011 an der Berliner Schaubühne uraufgeführt wurde. Regisseur Serebrennikow, Jahrgang 1969, leitet in Moskau das interdisziplinäre Gogol Center und inszeniert neben Filmen, Bühnenstücken und Ballettabenden auch Opern, zuletzt Rossinis „Barbier von Sevilla“ an der Komischen Oper. Die Gegenwart lässt er mit Macht in die Klassiker einbrechen, schlägt sich mit der Dialektik der Aufklärung herum und konfrontiert sein Publikum gern mit dem, was die Vernunft übersteigt.

Ständig wird geschimpft, gebrüllt, gewütet in der finsteren Welt

Die Verlegung der wüsten Theatergroteske nach Russland hat etwas Bezwingendes, denn die Autoritätshörigkeit im Postkommunismus und das Wiedererstarken der orthodoxen Kirche unter Putin dringen in alle Poren der vermeintlich säkularen russischen Gesellschaft ein. Wegen angeblichem Religionshass werden Kulturschaffende verfolgt und verurteilt, Pussy Riot warfen ein grelles Schlaglicht darauf. Gerade ist der radikale Aktionskünstler Pjotr Pawlenski außer Landes geflohen, man wirft ihm Vergewaltigung vor. Und was Wenjas Aktion gegen die Evolutionslehre betrifft, kennt man von Amerikas Kreationisten ähnliche Proteste. In einer perversen finalen Zuspitzung unterstellt Benjamin der progressiven Elena (Viktoria Isakowa), der Einzigen, die seinem Kreuzzug ernsthaft die Stirn bietet, ihn missbraucht zu haben. Von ihren jüdischen Wurzeln zu schweigen.

Fundamentalismus der christlichen Art als Spiegel des islamistischen Terrors? Ein russisches, auch ein westliches Sittengemälde, die Schule als Mikrokosmos? Die überforderten Frauen, die Mutter (großartig zwischen Wut und Verzweiflung: Julia Aug) und die übrigen Lehrerinnen beugen sich Benjamins Glaubensdiktat wie zu Zeiten des Patriarchats; den behinderten, humpelnden Grischa (Alexandr Gortschilin) schikaniert er als seinen Jünger. Bis die Wortgewalt in reale Gewalt umschlägt. Ist dieser Prophet tatsächlich nicht zu bremsen in seinem Wahn, seiner Hybris? Der Film erlaubt nur selten eine andere Wahrnehmung, etwa die eines Halbwüchsigen, der mit seiner Sexualität nicht zurechtkommt, weder mit den hübschen Mädchen in der Klasse, noch mit der Zuneigung von Grischa und schon gar nicht mit den nackten Paaren beim Sonnenbad auf den Beton-Tetrapoden an der Mole, die wie überdimensionale Penisse aussehen. Ein Sinnbild der Angstlust.

„Pubertät ist eine temporäre psychische Störung, ich lasse nicht zu, dass sie chronisch wird“, sagt Elena. Der Film lässt die komischen Seiten des Stücks allerdings rasch beiseite. Die Aggression ist allgegenwärtig, ständig wird geschimpft, gebrüllt, gewütet in dieser finsteren Welt. „You shall see darkness“, singen Laibach dazu. Benjamin vernagelt seine Fenster, irgendwo flimmert immer ein Fernseher, Staubflocken tanzen in den Lichtflecken mitten im Dunkel. Ausstatterin Ekaterina Scheglowa hat die Interieurs düster möbliert, ein Seelendschungel vor Tapeten mit üppigen Blumendekors. Dazu im Kontrast das kalte Blau des Hallenbads, die funktional ausgestattete Schule.

Am Ende wächst das Unbehagen: Serebrennikows Studie über den religiösen Fundamentalismus und eine bigotte Gesellschaft, die sich liberal gibt, aber keine Haltung dazu entwickelt, gefällt sich zunehmend in seiner Unerbittlichkeit. Die filmische Erzählung selbst nimmt totalitäre Züge an, bis alle zu Marionetten werden in einem pervertierten pädagogischen System. Es gibt kein Entrinnen. Es ist wie mit etlichen Filmen von Lars von Trier. Man sträubt sich dagegen, aber sie gehen einem nicht aus dem Kopf.

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