Im Kino: Komödie „Casting“ : Die bitteren Tränen der Anspielwurst

Machtspiele: Die Komödie „Casting“ zeigt den ganzen normalen Wahnsinn hinter den Kulissen des deutschen Filmbetriebs.

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Der Spiegel lügt nicht. Maskenbildnerin Hanne (Nicole Marischka, M.) und Produktionsleiterin Ruth (Milena Dreissig, r.) suchen in Nicolas Wackerbarths Film nach dem richtigen „Typ“ für die nächste Kandidatin (Ursina Lardi, r.u.).
Der Spiegel lügt nicht. Maskenbildnerin Hanne (Nicole Marischka, M.) und Produktionsleiterin Ruth (Milena Dreissig, r.) suchen in...Foto: Piffl Medien

Die gerade wieder arg in Verruf geratene Besetzungscouch spielt in Nicolas Wackerbarths „Casting“ zwar keine Rolle, ein Möbelstück bereitet am Filmset dennoch Ärger. „Da krieg ich Augenkrebs,“ motzt Vera den Requisiteur an und schubst einen Sessel aus dem Bild. Das unförmige Sitzmöbel ist allerdings ihr geringstes Problem. In sechs Tagen sollen die Dreharbeiten für ihre Neuverfilmung von Rainer Werner Fassbinders Sadomaso-Kammerspiel „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ losgehen – und noch immer sucht die Regisseurin eine Hauptdarstellerin.

Vera filibustert mit einer irritierenden Mischung aus Überheblichkeit und Verunsicherung ihren eigenen Film, keine Schauspielerin entspricht ihren Vorstellungen. Welche Qualitäten Vera für ihre leading lady sucht, kann sie der zunehmend verzweifelten Produktionsleiterin Ruth (Milena Dreißig) allerdings auch nicht erklären. Die gerät sichtlich in Erklärungsnot, wenn sie die nächste Kandidatin zum inzwischen vierten Vorsprechen empfängt. „Gut siehst du aus. Wir gehen jetzt erst mal im die Maske.“ – „Wieso Maske? Du hast gesagt, ich seh gut aus.“ – „Das hat sich die Vera gewünscht. Noch mal ein bisschen deinen Typ verändern.“

Kein Drehbuch, die Dialoge sind improvisiert

Wackerbarth leistet sich mit „Casting“ einen amüsierten Blick hinter die Kulissen einer mittelgroßen deutschen Filmproduktion, in der die Nerven und Egos blank liegen. Der Regisseur kennt sich in diesem Mittelbau des deutschen Kinos bestens aus, „Casting“ ist sein dritter, mit öffentlich-rechtlichen Mitteln realisierter Spielfilm. Sein Langfilmdebüt „Unten Mitte Kinn“ (2011) über eine Schauspielschulklasse erweist sich rückblickend sogar als virtuose Fingerübung, während der psychologische Ferienhaushorror „Halbschatten“ von 2013 aus den Mustern der sogenannten Berliner Schule auszubrechen versuchte. „Casting“ knüpft auch formal an Wackerbarths famoses Debüt an. Wieder gibt es kein Drehbuch, die Dialoge sind improvisiert. Und so ertappt man sich angesichts der boshaften Zuspitzungen unwillkürlich bei der Frage, welche Situationen wohl auf wahren Begebenheiten beruhen.

80 Stunden Material kamen während der Dreharbeiten zusammen. Wackerbarths Szenen entspringen einerseits also spontanen Eingebungen, aber eben auch der Methode der gnadenlosen Einschleifung, durch endlose Wiederholungen und Variationen. Umso erstaunlicher, wer sich alles auf diese Tour de Force eingelassen hat. Hat man zum Beispiel Judith Engel je besser gesehen als in der Rolle der Regisseurin? Vera ist ein Nervenbündel, gleichzeitig ganz Eiskönigin. Man sieht es in ihrer sehnigen Mimik arbeiten, wenn sie sich innerlich darauf vorbereitet, die nächste Kandidatin abzufertigen. Wie sie ihre grundsätzliche Unzufriedenheit in Worte kleidet: jede scheinbar arglose Bemerkung ein tödlicher Giftpfeil. „Wir nehmen dir noch etwas Make-up runter“, erklärt sie zur Begrüßung der Diva Annika Grossmann (Andrea Sawatzki, nahezu ätherisch und, ja, voller Selbstironie), die ihr der genervte Produzent als letztes Friedensangebot anzudrehen versucht. „Aber ich trage kaum Make-up“, entgegnet „die Grossmann“ leicht brüskiert. Touché!

Frauen unter sich

Das Schöne an „Casting“ ist nach all den erschütternden Weinstein-Enthüllungen, dass die Macht- und Erniedrigungsstrukturen am Set von „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ nicht die bekannten, sexistischen Hierarchien reproduzieren. Als Wackerbarths Film im Februar auf der Berlinale unter dem Beifall der Kritik seine Premiere feierte, musste man darauf ja noch nicht explizit hinweisen. Gerade mal ein halbes Jahr später ist es umso augenscheinlicher, dass Wackerbarth seine Machtkämpfe primär unter Frauen austragen lässt. Vera agiert wie eine kühle Intrigantin, die für ihre künstlerische Vision über Leichen geht. Sie herrscht am Set mit merkelhafter Gemütsruhe, wartet auf den richtigen Moment, um ihr Gegenüber zu schwächen – oder auf ihre Seite zu ziehen.

Eine ihrer Marionetten ist der Gelegenheitsschauspieler Gerwin (Andreas Lust unterspielt hier gekonnt die Virilität seiner besten Rollen), der für den männlichen Hauptdarsteller bei den Proben einspringt. Die „Anspielwurst“, so eine geschasste Kandidatin über ihren Partner, kann ihre Ambitionen auf die Hauptrolle nicht verbergen – erst recht, als der aufstrebende Jungstar für seinen Part in letzter Minute abzuspringen droht. Spaßeshalber probiert Gerwin in der Pause schon mal die Kostüme des Hauptdarstellers an. Jeder und jede ist in „Casting“ Opfer eines übergroßen Egos.

Die Kamera als Protagonistin

Kein Wunder, dass die Maskenbildnerin (Nicole Marischka) zum Dreh- und Angelpunkt im Konkurrenzkampf der Eitelkeiten wird. Der Garderobenspiegel lügt nicht. Und so sorgt das narzisstische Spiel mit Rollen und Selbstbildern immer wieder für Momente peinlicher Berührtheit. „Sieht ganz schön schwul aus“, meint ein Crew-Mitglied, als Gerwin in den flamboyanten Outfits der Hauptfigur posiert. „Ich bin schwul“, antwortet der trocken. „Aber mein Freund sagt immer, ich wirke zu maskulin.“Irgendwann steht dann sogar allen Ernstes die Frage im Raum, ob ein Schwuler überhaupt einen heterosexuellen Lustknaben spielen kann. Wackerbarths Film ist sich für keine Peinlichkeit zu schade.

Jürgen Carles Kamera umfließt das soziale Unbehagen, das seine Figuren permanent verströmen, mit beständiger, unnachgiebiger Mobilität. Man kennt diese dokumentarische Geste aus jüngeren amerikanischen Sitcoms wie „The Office“ oder „Parks and Recreation“. Die Kamera ist keine neutrale Instanz mehr, sie wird selbst zur Protagonistin – wenn sie mit einem unvermittelten Zoom den Darstellern förmlich ins Gesicht springt oder nach einem Dialog länger als nötig bei den Protagonisten verharrt, bis deren unerträgliches Schweigen Bände spricht. Die Wackelkamera ist hier keine formale Spielerei. Nicht Wackerbarth hat für „Casting“ die richtige Form gefunden, sondern die Form in „Casting“ ihr perfektes Sujet.

Film übers Filmemachen

Das Paradox von Unzulänglichkeit und Selbstüberschätzung ist natürlich ein bekannter Topos in Filmen übers Filmemachen. Wackerbarth hebt es klug auf. Auch Vera operiert nur in einem überschaubaren Machtbereich, will aber nicht einsehen, dass sie ersetzbar ist. Sie befindet sich schon deshalb in einer schwachen Verhandlungsposition, weil sie „vom Dokumentarfilm kommt“. Nun steckt sie in einem System fest, das ein Fassbinder-Remake anlässlich von dessen 75. Geburtstag für einen großen künstlerischen Wurf hält – aus dem lesbischen Stoff dann aber eine Hetero-Story macht. Stephan Grossmann spielt diesen Typus des deutschen Produzenten, stellvertretend für alle Fernsehmacher, die ihre bescheidenen Geldtöpfe über das deutsche Kino ausschütten, mit tragikomischer Wurstigkeit.

Der Südwestrundfunk (SWR), dem Finanzier von „Casting“, kann sich solche Satire leisten. Der Sender war in den letzten Jahren für einige Lichtblicke im deutschen Kino verantwortlich, unter der SWR-Kulturchefin Martina Zöllner wurden unter anderem „Toni Erdmann“, „Im Spinnwebhaus“ und „Democracy: Im Rausch der Daten“ koproduziert. Gerade lief Hans-Christian Schmids überzeugender Vierteiler „Das Verschwinden“ in der ARD.

Aber man muss den Insider-Witz auch nicht immer verstehen, um an der scharfen Beobachtungsgabe Wackerbarths Gefallen zu finden. Schon in der Art, wie Sprache in „Casting“ waffenfähig gemacht wird. Da wird „Anspielwurst Gerwin“ kurzerhand „abgedreht“, als handele es sich um einen Auftragsmord. Es ist ein bösartiges Milieu, diese Filmszene. Dabei wollen doch alle nur spielen.

Ab Donnerstag in den Kinos

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