Im Kino: "Malala" von Davis Guggenheim : Bildung bleibt lebensgefährlich

Kämpfen gegen die Taliban: Eine Doku würdigt die junge Friedensnobelpreisträgerin Malala.

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Mutig bleiben. Malala Yousafzai
Mutig bleiben. Malala YousafzaiFoto: picture alliance / dpa

Malala – ihren Namen kennt die ganze Welt, spätestens seit die selbstbewusst für das Recht der Mädchen auf Bildung eintretende pakistanische Schülerin von Taliban im Schulbus in den Kopf geschossen wurde. Die jüngste Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten ist Bannerträgerin einer scheinbar einfachen Botschaft, die noch immer nicht überall gern gehört wird: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt retten.“ Malala Yousafzai, noch immer Schülerin, trägt sie inzwischen von Nigeria bis nach Abu Dhabi, denn weltweit gehen noch immer 60 Millionen Mädchen nicht zur Schule. Doch kennt die Welt Malala?

Was macht ein solch schreckliches wie aufregendes Schicksal mit einem Mädchen aus Mingora im lieblichen Swat-Tal an der Grenze zu Afghanistan, das in die Rolle der globalen Heldin katapultiert wurde und sich plötzlich im britischen Birmingham wiederfindet? In „Malala“ widmet sich der preisgekrönte Dokumentarfilmer Davis Guggenheim der Bildungsaktivistin mit dem scheinbar unbeirrbaren Willen.

Neue Heimat Birmingham

Malalas Brüder lästern über die berühmte Schwester – wie alle Brüder über ihre Schwestern. In der Küche spielt die ganze Familie Karten, und die Kamera nimmt ein Bücherregal in den Blick. Eine ganz normale Familie? Natürlich nicht. Aber eben auch. Vor allem eine ungemein fröhliche. Die Szenen im neuen Zuhause in Europa bringen einen erfrischenden Ton in den Film, der so viel Tragik birgt. Die Kindheit in der kleinen Schule des Vaters. Seine Leidenschaft für Bildung im konservativen, ländlichen Pakistan. Sein Einsatz gegen die schleichende Talibanisierung durch den „Radio Mullah“-Fazlullah: Der hatte sich zunächst bei den Frauen beliebt gemacht, indem er sich direkt an sie wandte – und raubte später ihnen und allen anderen jede Lebensfreude und terrorisierte das Tal, bis die Armee in einer spektakulären Aktion einrückte und Fazlullah zurückdrängte.

Basis dieses Teils ist das streckenweise arg erwachsen klingende Buch „Ich bin Malala“. Darin schildert sie unter anderem die überaus innige Beziehung zu ihrem Vater Ziauddin Yousafzai, einem über sich hinaus gewachsenen Stotterer – der Originaltitel heißt nicht zufällig „He named me Malala“. Yousafzai nannte seine Tochter nach der furchtlosen Heldin Malalai. Vater und Tochter fühlen sich wie eine Seele in zwei Körpern, sagen sie. In Guggenheims Film gewinnt selbst das Grauen durch den Rückgriff auf Animationssequenzen eine gewisse Leichtigkeit. Der Regisseur sagt, er habe damit das Märchenhafte deutlich machen wollen. Was zuweilen etwas süßlich wirkt, aber dem Geschmack der Heimatregion geschuldet ist.

Doch so nahe Guggenheim Malala mit persönlichen Fragen kommen durfte, so unnahbar bleibt die eloquente junge Frau, wenn es um ihr seelisches wie körperliches Leid geht. Etwa wenn sie behauptet, sie sei nicht eine Sekunde wütend auf den Täter gewesen und das mit ihrem Glauben begründet. Guggenheim thematisiert auch das. Respektvoll tastend, nicht insistierend oder bloßstellend. Wie viel einfacher erscheinen da die Fragen an die Muslima aus der Paschtunenregion nach einem Jungsschwarm! Kichernd wie jeder Teenager klickt sie am Laptop durch Bilder von Cricketstars und Tennisidolen. Und doch: Gerade hierbei wird klar, wie anders das neue, zwar so sichere Leben im Vergleich zur geliebten Heimat im Swat ist, wohin sie nicht zurückkann – die Taliban würden sie töten. Das sei doch klar, sagt die 18-Jährige scheinbar ungerührt, zugleich aber strömen Traurigkeit und Heimweh durch den Raum. Im industriell geprägten Birmingham, wo sie sich eisern zurück ins Leben kämpfte, haben die meisten Mitschülerinnen nicht erst den ersten Freund, Malala fände es unziemlich, täte sie es ihnen gleich. Sagt sie jedenfalls.

Malalas Sache bleibt tragisch aktuell

Guggenheim wollte, so erklären es die Förderer von Image Nation in Abu Dhabi, einen Film drehen, der global verstanden wird. In jedem Land soll die Geschichte der mutigen Kämpferin auf die Leinwand kommen und für das Recht der Mädchen auf Bildung (so auch der deutsche Untertitel) werben. „Wir vertreten einen modernen Islam“, sagt der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate, Jumaa Mubarak Al Junaibi, am Rande einer Berliner Vorabvorführung des Films. Vorstellungen der Taliban hätten mit dem Islam nichts gemein – und er ergänzt engagiert, in seinem Land seien an den Unis mehr Frauen als Männer eingeschrieben und Frauen hätten hohe Positionen bis in die Regierung inne.

Offen ist, ob „Malala“ auch in Pakistan zu sehen sein wird. Nachdem sich auch dort nach dem Anschlag zunächst viele auf die Seite Malalas schlugen und das Recht der Mädchen auf Schulbesuch einforderten, wird sie dort inzwischen häufiger auch als Agentin des Westens geschmäht.

Auch Malalas Mutter, Toor Pekai Yousafzai, ging kaum zur Schule. Als einziges Mädchen in der Dorfschule war es ihr langweilig, sie tauschte ihre Bücher gegen Süßigkeiten, spielte lieber mit den Freundinnen, niemand fragte danach. Der Film zeigt, wie schwer sie sich in der Fremde tut, auch mit dem Englischlernen.

Malala mag in England in Sicherheit sein, ihr Anliegen bleibt dramatisch aktuell: Am Morgen der Filmvorführung kam die Nachricht, im Süden Afghanistans sei eine junge Frau ermordet worden, die sich in der Hochburg der Taliban unerschrocken für die Bildung von Mädchen einsetzte. Ihr Name: Toorpaki. Ihr Chef verglich die 28-Jährige mit Malala Yousafzai – „mit einem traurigen Unterschied: Malala überlebte“.
In Berlin in den Kinos Cinemaxx, Eva, FaF, Kant; OmU: Rollberg, Kulturbrauerei und Hackesche Höfe

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